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SENDETERMIN Do, 19.2.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Suchtforschung Alkohol verändert das Gehirn

Wer regelmäßig größere Mengen Alkohol trinkt, trifft häufiger nachteilige Entscheidungen. Hirn- und Suchtforscher aus Mannheim kommen den Veränderungen im Gehirn auf die Spur.

Was früher ganz leicht fiel, braucht plötzlich länger

Hans Funk hat regelmäßig etwa zwei Jahre lang täglich größere Mengen Alkohol getrunken. "Normalerweise einen halben bis einen dreiviertel Liter Wein" am Abend. Vor zweieinhalb Jahren begann der Geschäftsmann, sich zusätzlich auch im Laufe des Tages einen Cognac zum Kaffee zu genehmigen. Am Ende waren es dann einige Gläser. Anfangs verdrängte er das Problem seiner Sucht, doch irgendwann kam der Punkt, als es nicht mehr ging. Nicht nur seine Leberwerte, auch sein Verhalten veränderte sich. "Ich hab für viele Sachen, die mir früher ganz leicht gefallen sind, ganz lange gebraucht", stellt Hans Funk heute fest. Ein Zeichen für Veränderungen im Gehirn. Er begann eine Therapie im Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim. Erfolgreich, denn seit 6 Monaten ist er trocken.

Ein Kartensortiertest offenbart die Unterschiede

Einer seiner Therapeuten ist Dr. Wolfgang Sommer, der auch Grundlagenforscher am ZI ist. Er ist auf der Suche nach der tieferen Ursache für Verhaltensänderungen im Gehirn. Eines der Defizite, die Alkohol verursacht, lässt sich zum Beispiel mit einem einfachen Karten-Sortiertest zeigen, dem sogenannten Wisconsin-Card-Sorting-Test. Ein sehr einfaches Computerspiel, bei dem man neue Karten nach Farbe, Form oder Anzahl der geometrischen Figuren sortieren muss. Nach kurzer Zeit hat man die Regeln gelernt und sortiert sicher die Karten auf das richtige Feld. Doch der Computer verändert nach einer Weile unerwartet die Sortierregel und das Ergebnis wird falsch. Die Wissenschaftler interessiert, wie der Proband reagiert. Versucht er es noch einmal, weil er denkt, er habe nur einen Fehler gemacht? Probiert er es ein drittes Mal? Es ist ein bisschen wie mit dem falschen Schlüssel, den man nachts ins Türschloss stecken will. Man will es nicht wahrhaben, dass er nicht passt und versucht es immer und immer wieder. Psychologen, die den Kartentest seit Jahren durchführen, konnten feststellen, dass Alkoholiker dabei unterdurchschnittlich abschneiden.

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Die Ursache für die Verhaltensänderungen verorten die Forscher im vorderen Stirnhirn, dem präfrontalen Cortex. Dieser Bereich ist für Planung und Strategie zuständig. Was der Alkohol dort genau anrichtet, konnten Wolfgang Sommer und sein Team erstmals im Tierversuch sichtbar machen. Zunächst ist es ihnen gelungen, in Gehirnen von Ratten spezielle Neuronen zu identifizieren, die dann feuern, wenn eine Suche sich nicht mehr lohnt. Wenn eine gesunde Ratte in ihrem gewohnten Futterversteck nichts findet, springen die Signalneuronen an und die Ratte bricht die Suche an diesem Ort ab.

Querschnitt eines Gehirns

Oder im menschlichen Beispiel: Normalerweise wird einem schon nach einem Versuch klar, dass man den falschen Türschlüssel in der Hand hält. Bei Alkoholkranken aber scheint da jemand auf der Leitung zu stehen. Hier wie dort gibt es zu wenige Signalneuronen, die der vergeblichen Suche rechtzeitig ein Ende machen könnten. Wer so verlangsamt reagiert, wirkt überfordert und unflexibel. Daher gilt: Wer regelmäßig größere Mengen Alkohol trinkt, trifft häufiger unvorteilhafte Entscheidungen.

Glutamat-Überangebot an den Synapsen der Übeltäter

Wolfgang Sommer und seine Kollegen konnten auf der biochemischen Ebene nachweisen, dass an den Nervenenden der alkoholsüchtigen Ratten die Signalübertragung durch den Botenstoff Glutamat gestört ist. Er wird nicht richtig abgebaut und sammelt sich an. Das Glutamat-Überangebot führt zu Umbauprozessen im Gehirn, die länger andauern können. Erst nach Monaten der Abstinenz sind die Störungen bei Ratte und Mensch wieder repariert. Bei Hans Funk klappt nach einem halben Jahr der Kartensortiertest schon wieder ganz gut. Ein Zeichen dafür, dass sich sein Gehirn wieder erholt hat. Dennoch bleibt bei Alkoholikern eine Spur im Gehirn zurück. Das zeigt allen schon die immens hohe Rückfallquote.

Einmal süchtig, immer süchtig?

Sommer weiß aus seiner Erfahrung mit Suchtpatienten, dass es durchaus nicht ungewöhnlich ist, dass Patienten nach 20 Jahren wieder einen Rückfall bekommen. Einmal süchtig, immer süchtig, heißt es oft. Aber warum ist Sucht so tief im Gehirn verwurzelt? Das ist mit Lernprozessen erklärbar: Wenn man zum Beispiel in geselliger Runde Spaß hat, wird meist gleichzeitig getrunken. Dabei ist Alkohol nicht unbedingt die Ursache für den Spaß. Doch durch das zeitgleiche Vorkommen lernt unser Gehirn sehr schnell einen scheinbaren Zusammenhang. Es bilden sich entsprechende Leitungsbahnen. Gelernt ist gelernt. Wer seine Sucht überwinden will, kann seine Leitungen nicht kappen, er kann sie nur stilllegen. Das Gelernte verblasst dann mit der Zeit, doch wenn man es zulässt, sind die alten Bahnen schnell wieder aktiv. Deshalb ist es so schwer, trocken zu bleiben. Auch Hans Funk ist klar geworden, das eine Gläschen zum Genuss ist schon zuviel. "Das habe ich mir abgeschminkt, ich bin sicher wenn ich gut weiterleben will, werde ich nie wieder Alkohol trinken können."

aus der Sendung vom

Do, 19.2.2015 | 22:00 Uhr

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