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SENDETERMIN Do, 5.11.2009 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Ahnenforschung

Frisch aus dem Tiefkühlraum, konserviert bei minus 20 Grad, kommt ein Packen Briefe auf den Labortisch des Göttinger Instituts für Historische Anthropologie und Humanökologie. „Zierdt“, so heißen die Absender aus den USA und Deutschland mit Nachnamen. Sie alle haben Speichelproben für einen Verwandtschaftstest geschickt.

Das Labor testet, ob die Zierdts aus der neuen und alten Welt genetisch miteinander verwandt sind. Der Name jedenfalls ist relativ selten und ihre Träger feiern regelmäßig muntere Familientreffen, unter anderem in den USA. Doch ob wirklich alle aus einer genetischen Linie abstammen, ist unklar.

Verwandtschaftlicher Gentest

Briefumschläge und kleine Reagenzgläschen mit farbigen Markierungen auf einem Tisch

Zugesendete Speichelproben der Verwandten

Der Göttinger Ahnenforscher Holger Zierdt wollte es genau wissen und hat den Gentest bei seinen Namensvettern angeregt. Seit knapp zwanzig Jahren verfolgt er die Wurzeln seiner Familie zurück, stöbert in der Welt der lebenden und der verstorbenen Zierdts. Von seinem Großonkel hat er die Leidenschaft für die Genealogie, die Ahnenforschung geerbt.

„Letztendlich weiß man nur wer man ist, wenn man weiß wo man herkommt. Und man lernt dabei natürlich viel über die Schicksale von Menschen, was einem sicherlich dann vielleicht auch den ein oder anderen Anstoß oder Hinweis gibt, was man im eigenen Leben noch planen oder ändern könnte“, begründet Holger Zierdt seine Leidenschaft.

Spurensuche in Thüringen

Der junge Mann begann seine Recherche damit, die Fotoalben seiner Großeltern zu sortieren. Mit ihnen sprach er über die fremden Menschen auf den Fotos, die doch so nah sind, weil sie zur Familie gehören. Anschließend kam der Gang in die Schatzkammern der Genealogie: Die Kirchenarchive mit ihren Geburts-, Heirats- und Sterbeverzeichnissen. In Büchern des 17. und 18. Jahrhunderts verfolgte Holger Zierdt die Ursprünge seiner Familie im Thüringer Raum zurück. Er fand Erstaunliches: „Die haben also im Gebiet an der Werra die berühmte Werrakeramik getöpfert. Das waren also Nebenerwerbstöpfer und es hat mich sehr beeindruckt zu sehen, dass das tatsächlich nicht nur Leute waren, die mit ihren Händen grobe Arbeit verrichtet haben, sondern gleichzeitig auch ganz andere Talente hatten.“

Holger Zierdts Expeditionen ins Göttinger Kirchenkreisarchiv – das ist die klassische Ahnenforschung. Aber irgendwann stößt der Forscher hier an Grenzen und muss sein Netz weiter auswerfen – im Internet. Die Foren dort boomen: In den USA ist die Genealogie schon zweithäufigstes Hobby, in Deutschland gibt es rund 30.000 Vereinsmitglieder. Holger Zierdt suchte und fand. Schließlich bat er seine mutmaßlichen männlichen Verwandten in Deutschland und den USA per Anschreiben um eine Speichelspende.

Überraschende Entdeckung

Er bekam sie von den meisten und ließ die Proben untersuchen. Ob eine genetische Verwandtschaft vorliegt, das verraten die Y-Chromosomen der Männer, die fast unverändert von einer Generation zur anderen weitergegeben werden. Bei der Auswertung erfuhr Holger Ziert von der Laborleiterin Dr. Sabine Hummel zwei wichtige Ergebnisse: Erstens, die meisten untersuchten Proben stammen wirklich aus einer genetischen Linie. Zweitens: Die Probe von ihm selbst leider nicht. Die Familienlinie wurde wohl durch seine Großmutter unterbrochen: Bei einem Seitensprung wurde sie schwanger, gab ihr Kind aber als original Zierdt-Nachwuchs aus.

Für Holger Zierdt eine kleine kalte Dusche: „Am Beginn unserer genetischen Untersuchung war das natürlich schon ein großer Schreck, dass ich erst mal ein anderes Muster bei mir feststellen musste als beim großen Familienstamm. Das ist auf genetischer Ebene zwar ein Bruch, dass man aus der Familie herausfällt, aber auf sozialer Ebene sind wir natürlich absolut Nachfahren dieser Familie. Und das hat mich noch mehr angestachelt, noch mehr herauszufinden über das Leben der Vorfahren.“

Familientreffen

Menschengruppe steht vor einem Rest der DDR-Mauer

Gruppenbild: Kleines Treffen der Familie Zierdt

Der Ahnenforscher fährt zu einem kleinen Familientreffen in Thüringen. In der alten Kirche in Großensee wurden die Vorfahren der Zierdts jahrhundertelang getauft. Einige der angereisten Familienmitglieder sehen diesen Ort zum ersten Mal. Ein Tontöpfer namens Curt Zier, der um 1580 lebte, könnte der Stammvater der Familie gewesen sein, vermutet Holger Zierdt. Bei solchen Treffen wie in Großensee steht allerdings meist mehr die Gegenwart im Vordergrund: Einige Zierdts lernen sich hier erst kennen, und das ist immer ein Abenteuer.

Die Linie, aus der sein eigenes männliches Erbgut stammt, wird Holger Zierdt wohl nie ergründen können. Das Puzzlespiel behält für ihn dennoch seinen Reiz: „Der große Traum des Familienforschers ist die Vollständigkeit, wirklich alle Familienmitglieder, die jemals gelebt haben, erforscht zu haben. Das ist meistens vollkommen unerfüllbar, es fehlen immer einzelne Steinchen die ich entweder nie oder nur durch Zufall entdecken kann.“

Holger Zierdt ist jetzt 40 Jahre alt, unverheiratet und kinderlos - sein Lebensweg ist noch offen. Er weiß nicht, ob in dem großen Puzzlespiel - seinem Familienstammbaum - irgendwann auch von seinem Namen Äste abzweigen werden. Seiner Leidenschaft wäre er das natürlich irgendwie schuldig.