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SENDETERMIN Do, 4.10.2018 | 21:00 Uhr | SWR Fernsehen

Ärztepfusch Stich ins Gehirn

Ein chirurgischer Eingriff ist Teamarbeit. Da muss die Kommunikation stimmen. Und genau das war bei dem tragischen Ärztefehler, der Matthias Miemczyk fast das Leben kostete, nicht der Fall.

Matthias Miemczyk war vor dem schweren Ärztefehler Doktorand der Informatik mit einem Stipendium. Er war leidenschaftlicher Tänzer, verliebt und verlobt. Ein lebenslustiger junger Mann mit glänzenden Perspektiven. Heute ist Matthias geistig und körperlich behindert. Ein Pflegefall. Dass er überhaupt noch am Leben ist, verdankt er dem unermüdlichen Engagement seiner Eltern. Die Ärzte hatten ihn schon aufgegeben. Der Vater erinnert sich: „Also das war ein Schock, als ich die Diagnose nach der dritten OP gehört habe, dass Matthias schon Hirntod ist. Und dass er die Nacht nicht überleben wird.“

Durch Bagatell-OP in Lebensgefahr

Matthias Miemczyk entschließt sich 2008 zu einer Operation in einer HNO-Klinik in Lüdenscheid. Wegen einer krummen Nasenscheidewand und einer vereiterten Nasennebenhöhle. In der Klinik kommt modernste Technik zum Einsatz: Eine Navigationssonde, die über einen Monitor immer die exakte Position der Instrumente im Kopf der Patienten anzeigt. Nachdem die Nasenscheidewand korrigiert ist wendet sich der Chirurg den Nasennebenhöhlen zu. Und da passiert, was nicht hätte passieren dürfen: Matthias wird wach. Er schreckt hoch und die Navigationssonde stößt in seine linke Gehirnhälfte und durchtrennt dort die Hauptschlagader. Der Vater von Matthias rekonstruiert den Ärztepfusch später aus den medizinischen Unterlagen der Klinik: Anästhesist und Chirurg hatten sich nicht abgesprochen: Der Anästhesist dachte, mit der Korrektur der Nasenscheidewand sei die OP zu Ende. Und ließ die Narkose auslaufen. Er gab schon ein Mittel gegen die Schmerzen nach der OP. Der Chirurg hielt das wohl für eine weitere Narkose, operierte einfach weiter. Und dann wachte Matthias auf. Hätten die Mediziner die Operation fachgerecht im Vorfeld durchgesprochen, wäre das nicht passiert.

Not-Operation am stillgelegten Gehirn

Viel zu spät, erst nach über anderthalb Stunden rufen die Mediziner einen Rettungshubschrauber für einen Transport in eine Essener Klinik. In einer Notoperation versuchen dort Chirurgen, das Leben von Matthias zu retten. Um die Arterie in seinem Gehirn zu flicken, mussten sie am Ende für 20 Minuten den Blutkreislauf in seinem Kopf stilllegen. Als der Vater in der Klinik eintrifft, hat man dort Nachrichten, auf die er nicht vorbereitet ist. „Sie sagten, dass Matthias künstlich beatmet wird und die Nacht nicht überleben wird. Wenn er überleben sollte, wofür es nur eine minimale Chance gab – eigentlich keine – würde er ein Wachkomapatient sein. Weil die linke Hirnhälfte schon abgestorben ist.

Geistige Fähigkeiten ausgelöscht

18 Tage liegt Matthias im Koma. Seine Angehörigen besuchen ihn jeden Tag. Als er erwacht, sind seine geistigen Fähigkeiten wie ausgelöscht. Selbst das Schlucken von Nahrung muss seine Mutter ihm wieder beibringen. Heute ist Matthias geistig auf dem Stand eines Grundschulkindes. Angesichts seiner medizinischen Geschichte ein Wunder! Auch dass seine linke Gehirnhälfte drei Jahre nach dem Vorfall wieder zum Leben erwacht, ist absolut außergewöhnlich. Die Mediziner sagten, Reha-Maßnahmen würden nur etwa zwei Jahre lang Erfolge bringen können. Doch Matthias und seine Eltern geben nicht auf. Und so kämpft sich das Opfer des schweren Ärztefehlers Schritt für Schritt zurück ins Leben.

Klinik weist jede Schuld zurück

2011 entschließt sich der Vater von Matthias, die Klinik zu verklagen. Mit der renommierten Medizinrechts-Kanzlei Meinecke und Meinecke. Martin Reinboth hat hunderte solcher Fälle betreut. Und wie immer ist die Klinik auch in diesem Fall nicht bereit, ihre Schuld einzugestehen. „Die Kliniken,“ sagt der erfahrene Fachanwalt für Medizinrecht, „haben da ein großes wirtschaftliches Risiko. Das ist ein Schadensfall, der in die Millionen geht. Die komplette Lebensarbeitszeit unseres Mandanten ist ihm genommen worden. Das muss entschädigt werden.“ Außerdem gebe es einen großen Ansehensverlust für die Klinik. Bei solchen Schadensfällen würden sich kaum Patienten in der gleichen Abteilung mit einem solchen Gerät operieren lassen. Was für die Klinik schlicht und einfach einen schweren wirtschaftlichen Schaden bedeute. Doch die Chancen von Matthias, vor Gericht Recht und eine Entschädigung zu bekommen, stünden gut, sagt Martin Reinboth: „Wir sind sehr zuversichtlich aufgrund der von den Gutachtern ja schon festgestellten groben Behandlungsfehlern, dass das Verfahren positiv für unseren Mandanten ausgehen muss.“

Freude am Leben

Das wird Matthias seine Gesundheit nicht wiedergeben. Doch die finanzielle Situation der Familie wird sich entspannen. Schließlich musste Anna Miemczyk für die Pflege ihres Sohns ihren Beruf aufgeben. Die Eltern von Matthias werden nicht müde, ihren Sohn zu fördern und zu fordern. Der Vater von Matthias zeigt stolz ein Video von 2015: Es ist eine Aufnahme von Matthias, als er zum ersten Mal wieder 30 Meter schwimmt. Man hört seine Mutter lachen und sie fragt ihren Sohn, der sich am Beckenrand festhält. „Matze, lebst Du?“ Matthias antwortet mit einem leidenschaftlichen „Jaa!“