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SENDETERMIN Do, 6.6.2019 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Medikamentensucht Abhängig von Schlaftabletten

Sie werden zu oft und zu schnell verschrieben – Schlafmittel wie Zolpidem oder Zoplicon. Schon nach vier bis sechs Wochen läuft man Gefahr, süchtig davon zu werden.

Melanie Büttners Sucht beginnt vor mehr als zwanzig Jahren. Die damals 23-Jährige Verwaltungsangestellte aus dem Sauerland hat private Probleme, kann nicht gut schlafen. Und wendet sich an ihren Hausarzt. Dieser verschreibt ihr das damals relativ neue Schlafmittel Zolpidem. Ein Medikament aus einer Gruppe neuartiger Wirkstoffe, zu denen neben Zolpidem auch Zopiclon und Zaleplon gehören – abgekürzt Z-Drugs. Im Gegensatz zu den bis dahin gebräuchlichen Benzodiazepinen sind sie relativ gut verträglich und haben – scheinbar – wenige Nebenwirkungen. Doch der Schein trügt, wie das Beispiel von Melanie Büttner zeigt. „Lange Zeit bin ich mit einer Tablette am Abend ausgekommen. Als es mir einige Jahre später schlechter ging, hat mein Hausarzt mir dann eben zwei verschrieben“, erinnert sich Melanie Büttner. „Ich habe mir nichts dabei gedacht. Das hat mir ja der Arzt verschrieben, und der muss es ja wissen.“

Gesundheitsmediziner Prof. Gerd Glaeske von der Uni Bremen kritisiert den oftmals sorglosen Umgang mit den Z-Drugs: „Zolpidem ist heute der zweithäufigst verordnete Wirkstoff nach Zopiclon. Er gehört zu den Benzodiazepinrezeptoragonisten, was bedeutet, dass diese Mittel an denselben Rezeptoren "andocken" wie die Benzos. Daher sind Wirkungen und das Nebenwirkungsspektrum auch vergleichbar. Im Vordergrund steht dabei die Abhängigkeitsentwicklung nach wenigen Wochen der Einnahme, daneben sind negative Auswirkungen auf den Gleichgewichtssinn und auf die Muskelsteuerung, möglicherweise auch Erinnerungsprobleme zu beachten.“

Zwei Drittel aller Schlafmittelsüchtigen sind Frauen. Denn die „stille Sucht“ findet zuhause statt, hinter zugezogenen Gardinen. Der Großteil dieser Frauen ist älter als 65 Jahre. „Die Altenheime sind voll von älteren Damen, die unter der Wirkung der Z-Drugs vor sich hindämmern, nur noch wenige Gefühslschwankungen nach oben unter unten haben. Und die Angehörigen denken oft, ‚Oma ist dement‘“, so Glaeske.

Gravierende Nebenwirkungen

Irgendwann entwickeln die Schlafmittel bei der jungen Frau eine umgekehrte Wirkung, ein Paradoxon, das häufiger bei Suchtmitteln auftritt. Sie machen nicht müde, sondern auch wach. „Ich habe abends zehn Tabletten genommen um zu schlafen. Und habe dann über den Tag verteilt weitere zehn Tabletten geschluckt, um wach zu werden. Mein Körper hat so reagiert. Es ging auch nur dieses eine Medikament, alle anderen habe ich nicht vertragen“, erinnert sich Melanie Büttner. Immer häufiger hat sie Erinnerungslücken, weiß morgens nicht mehr, was sie abends getan hat. Das bleibt auch ihrer Umwelt nicht verborgen. Die Arbeitskollegen wundern sich über die vielen krankheitsbedingten Fehlzeiten und ihr merkwürdiges Verhalten: „Ich habe eine Kollegin angerufen. Und hatte das drei Minuten später schon vergessen und habe nochmal angerufen.“ Auch die Familie leidet unter Melanies Auszeiten. Denn immer häufiger schläft sie auch tagsüber ein – eine weitere Nebenwirkung der Tabletten. Außerdem hat Melanie ein weiteres Problem: Die Beschaffung ihrer Drogen. Sie betreibt „Ärztehopping“, sucht Vertretungsärzte, Ärzte in anderen Städten, Notaufnahme im Krankenhaus auf. „Irgendwoher musste ich ja die Rezepte bekommen“. In ihrer Verzweiflung besorgt sie sich am Ende die Rezepte auf der Straße. Kontakte zu den Dealern bekommt sie ironischerweise während ihrer Klinik-Aufenthalte.

Schwierige Entgiftung

Insgesamt dreimal versucht Melanie Büttner den Ausstieg. 2015, auf dem Höhepunkt ihrer Sucht, geht es ihr so schlecht, dass sie einen dritten Versuch wagt. In einer neuen Klinik, mit einem Suchtarzt, der ihr zum ersten Mal die Zusammenhänge erklärt. Dreißig Tage bleibt Melanie Büttner stationär in der Suchtklinik in Arnsberg. Chefarzt Dr. Rüdiger Holzbach erklärt: „Auf keinen Fall sollte man die Medikamente abrupt absetzen. Denn die Wirkstoffe müssen einen bestimmten Spiegel halten. Wird der unterschritten, kommt es zu Entzugserscheinungen.“ Melanie Büttner bekommt ein Ersatzmedikament, das jeden Tag verringert wird, bis sie nach dreißig Tagen bei Null ankommt. Melanie Büttner: „Ich hatte keine schlimmen Entzugserscheinungen. Aber diese dritte Entgiftung war nur deshalb erfolgreich, weil ich anschließend drei Monate Reha bekam und dort keine Möglichkeit hatte, wieder an die Tabletten zu kommen.“ Seit anderthalb Jahren ist die heute 45-Jährige nun suchtfrei.

Suchtmediziner Dr. Holzbach kann das Verhalten einiger niedergelassener Ärzte nicht verstehen: „Wir schreiben jedes Mal nach einer Entgiftung einen Brief an den Hausarzt, dass die Patientin süchtig war und eine Entgiftung hinter sich hat. Und erleben täglich, dass doch wieder Z-Drugs verschrieben werden. Das geht gar nicht.“

Buch

Dr. Raphael Gaßmann, Gabriele Bartsch, Jolanthe Krepp

Jahrbuch Sucht 2016

Verlag:
Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen
Genre:
Sachbuch
Bestellnummer:
ISBN 978-3-95853-172-7