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SENDETERMIN Do, 28.4.2011 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Gehirnjogging

Reportage mit Lena Ganschow : Chaos im Kopf

Im Langzeitgedächtnis werden die elementaren Muster gespeichert. Zum Beispiel „Hund“ ist was anderes als „Katze“ Nur so sind wir überhaupt in der Lage, Objekte zu erkennen und zu benennen. Lucy, 11 Jahre alt, ist darin besonders gut! Sie ist ein Gedächtnis-crack und hat sogar schon an mehreren Gedächtnismeisterschaften teilgenommen. Unserer Odysso-Reporterin Lena Ganschow hat sie ihre besten Tricks verraten mit denen angeblich jeder sein Gedächtnis verbessern kann. Ob’s bei Lena funktioniert hat? Schauen wir mal!

115 Zahlen in fünf Minuten behalten? Oder 40 Dinge bei dem Merkspiel „Ich packe meinen Koffer“? Für die 11-jährige Lucy ist das kein Problem. Seit anderthalb Jahren übt sie solche Aufgaben mit ihrem Gedächtnistrainer Steffen Bütow und hat viel Spaß dabei. „Es ist cool, dass ich mir beim Gedächtnistraining viele fantasiereiche Geschichten ausdenken kann und auch in der Schule die Tricks anwende“, sagt sie. Unsere Reporterin Lena Ganschow wollte wissen, wie Gehirnjogging funktioniert und ob es jeder lernen kann.

Hobby Gedächtnistraining

Trainer, Lucy und Lena sitzen an einem Tisch, auf dem ein geöffneter Reisekoffer mit verschiedenen Gegenständen steht.

Koffer packen auf Zeit: Lena beobachtet Lucy beim Gedächtnistraining.

Lena besucht Lucy in ihrer Schule, im Internatsgymnasium Schloss Torgelow in Mecklenburg-Vorpommern. Dort erfährt sie: Lucys erstaunliche Gedächtnisleistungen kommen nicht von ungefähr. Jede Woche trainiert die 11-Jährige ihr Gehirn anderthalb Stunden lang. „Du bist ja erst elf, wieso hast Du dir ausgerechnet das Gedächtnistraining als Hobby ausgesucht", möchte Lena von Lucy wissen. „Ich habe das in der Projektliste gesehen und wollte es ausprobieren, und jetzt macht es mir so viel Spaß, dass ich zu Meisterschaften fahre.“

Wettkampf: Lena gegen Lucy

Lena ist beeindruckt, will aber herausfinden, ob sie gegen die Internatsschülerin nicht vielleicht doch eine Chance hat. Die beiden veranstalten einen kleinen Wettkampf. Die Aufgabe: Sie fahren mit dem Cabriolet eine festgelegte Autostrecke ab und sollen sich im Vorbeifahren insgesamt 17 Verkehrsschilder entlang der Route merken. Diese Schilder sollen Lena und Lucy hinterher in der richtigen Reihenfolge wieder aufzählen. Steffen Bütow fährt die beiden, nicht mal zehn Minuten dauert die Runde.

Ohne Technik keine Chance

Zurück auf dem Schlossgelände gibt Lena wirklich alles, doch nach neun Schildern lässt ihr Gedächtnis sie im Stich. Ohne Lerntechnik sei auch kaum mehr drin, meint Gedächtnistrainer Steffen Bütow, Lucy hätte dagegen schon bessere Voraussetzungen. Und tatsächlich: Lucy hat alle 17 Verkehrsschilder auf der Strecke behalten und kann sie fehlerfrei aufsagen.

Die Loci-Technik

Lucy klebt ein kleines Verkehrschild an eine Stehlampe, Lena schaut ihr dabei zu.

Reise durch einen bekannten Raum: Lucy zeigt Lena die Methode wie sie Gegenstände gedanklich abspeichert.

Im so genannten Jagdzimmer des Schlosses zeigt Lucy Lena, wie sie es schafft, sich so viele Dinge zu merken. Sie habe eine Route durch diesen Raum gelernt, die von einem Einrichtungsgegenstand zum nächsten führt, erklärt sie. In Gedanken lege sie jedes Objekt, das sie behalten soll (zum Beispiel ein bestimmtes Verkehrsschild), entlang dieser Route ab. So platziere sie vor ihrem inneren Auge das Autobahnschild ganz selbstverständlich auf dem Sofa und danach das „Absolutes Halteverbot“-Schild an der Stehlampe und so weiter. Außerdem verknüpfe sie die beiden Begriffe mit einer kleinen Geschichte, um sich das Objekt, z.B. eben ein Verkehrsschild, besser merken zu können. Wie in einem Film sieht Lucy dann später, wie sich etwa eine Autobahn über das Sofa schlängelt oder das Schild „Absolutes Halteverbot“ unter der Stehlampe auf und nieder hüpft, wie ein Gummiball. Diese so genannte „Loci-Technik“, die Lucy anwendet, ist bereits viele hundert Jahre alt.

Gedächtnistraining – so geht‘s

Dann wird es ernst. Lena will wissen, ob es Gedächtnistrainer Steffen Bütow schafft, auch sie in kürzester Zeit so zu trainieren, dass sie sich Dinge besser merken kann. Das Ziel: Sie soll bei 30 Kerzen, die in einer Reihe nebeneinander stehen, behalten, welche brennen und welche nicht.

Erste Einheit: Kerzenzustände in Zahlen übersetzen und zwar in Nullen und Einsen. „Wir fangen erst mal mit einer brennenden Kerze“, beginnt Steffen Bütow die Gedächtnistrainingsstunde. Da sehe man oben die Flamme, das erinnere ja schon an eine Null. Eine brennende Kerze soll Lena sich also als Null merken. „Und wenn eine Kerze aus ist, also ohne Flamme, sehen wir nur den Docht, das wäre dann eine Eins."

Binärzahlen in Bilder übersetzen

Der Trick ist jetzt, die Kerzenzustände nicht nur in Zahlen zu übersetzen, sondern sie in Dreiergruppen zu bündeln und als Bilder zu lernen. Bei zwei Zahlen (0 und 1) gibt es insgesamt acht Kombinationen (000, 001, 010,…), also müssen acht Bilder her. Da die Zahlenreihe „000“ zum Beispiel wie ein Schneemann aussieht, der auf der Seite liegt, wird sie als „Schneemann“ gelernt. Die Kombination „110“ dagegen ist die Telefonnummer der Polizei und soll als „Polizei“ behalten werden. So schafft man es von Kerzenzuständen (An und Aus) zu trockenen Binärzahlen zu kommen (0 und 1) und von dort zu acht Begriffen, die man sich sehr gut bildlich vorstellen und zu einer Geschichte verknüpfen kann.

Die Probe aufs Exempel

Lena Ganschow steht hinter einer Reihe brennender weißer Stumpenkerzen, die auf einem langen Tisch stehen

Gedächtnis-Experiment: Lena muss sich die Reihenfolge von brennenden und nicht brennenden Kerzen merken.

Lenas Ehrgeiz ist geweckt. Sie will ausprobieren, ob diese Lerntechnik tatsächlich funktioniert und versucht sie auf die Reihe mit 30 Kerzen anzuwenden. Wie Steffen Bütow es ihr beigebracht hat, übersetzt sie dazu in Gedanken zuerst die Kerzenzustände in Nullen und Einsen, bildet daraus dann Dreiergruppen, übersetzt diese in Bilder und verbindet die Bilder anschließend zu einer mehr oder weniger logischen Geschichte, die sie auswendig lernt. Im Anschluss dreht sie sich von der Kerzenreihe weg, schließt die Augen, und versucht die Geschichte zurück in die Kerzenzustände „An“ und „Aus“ zu übersetzen.

Was bringt Gedächtnistraining im Alltag?

Es klappt! „Alles richtig, ganz toll“, freut sich Steffen Bütow, „super Leistung!" „Also das hätte ich echt nicht gedacht, dass das funktioniert“, sagt Lena begeistert. Wenn man es mit System angeht, dann klappt es also wirklich. „Aber was bringt mir das denn für den Alltag“, will Lena wissen. „Also für den Alltag bringen natürlich Kerzen relativ wenig, aber wenn Sie es schaffen diese Technik anzuwenden im Bereich von Geburtstagen, bei Namen und Gesichtern oder für Telefonnummern, dann haben Sie tatsächlich was davon“, so Steffen Bütow. Um wirklich dauerhaft vom Gedächtnistraining zu profitieren, müsste Lena jedoch regelmäßig üben. „Einmal die Woche wäre gut“, sagt Steffen Bütow.

Gedächtnismeister sind nicht automatisch schlauer

Ein Training, das Menschen generell schlauer macht, gibt es allerdings nicht. Es lassen sich lediglich bestimmte Gedächtnisfunktionen gut trainieren. Wer zum Beispiel regelmäßig Wortreihen auswendig lernt oder Sudoku spielt, wird in den Disziplinen auch besser. Dass sich dadurch generell das Arbeitsgedächtnis oder die Wahrnehmungsgeschwindigkeit steigert, sei bislang jedoch nicht bestätigt, erklären Hirnforscher. Bei Kindern, deren Gehirn noch in der Entwicklung sei, könnte Gehirnjogging aber wohl zu einer allgemein verbesserten Merkfähigkeit führen.

Lucys Ziel: Deutsche Gedächtnismeisterin

Auch Lucy profitiert vom Gedächtnistraining. Seither kann sie besser Vokabeln lernen und sich im Geographieunterricht schneller die Lage von Ländern und Städten merken. Den Gedächtnissport will sie auf jeden Fall weiter machen, denn Lucy hat ein Ziel: „Mein großer Wunsch wäre, ich weiß nur nicht ob ich es schaffe, Deutsche Meisterin zu werden bei den Kindern.