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SENDETERMIN Do, 18.11.2010 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Wertstoffhalde Müllkippe

Wie aus Abfall Geld wird

Die Rohstoffe auf unserer Erde werden immer knapper. Die natürlichen Ressourcen vieler Metalle, die für die Produktion von Computern und Handys gebraucht werden, neigen sich dem Ende zu – und zwar wesentlich früher als das Erdöl. Doch es gibt Hoffnung: in unserem Hausmüll der vergangenen Jahrzehnte. Experten vermuten, dass riesige Mengen von wertvollen Rohstoffen auf unseren Müllhalden abgekippt wurden. Wissenschaftler aus Gießen prüfen jetzt, ob es sich lohnt, unsere Müllkippen als Wertstoffhalden zu nutzen. „Urban Mining“ – Bergbau am Stadtrand - nennen sie das.

In Kellern lagern Schätze

Was früher Abfall war, ist heute Rohstoff. Rund 20 Kilo an Elektromüll fallen pro Bundesbürger im Jahr an. Doch nur etwa die Hälfte wird wiederverwertet, der Rest landet im Keller oder im Müll. Für viele ist das eine reine Verschwendung. Der Elektroschrott enthält nicht nur Kupfer, Gold, Silber, Nickel, Zink, Zinn und Blei, sondern auch die so genannten seltenen Erden. Dazu zählen die Erdmetalle wie Indium, Neodym, Ruthenium und Tantal. Sie werden für die Produktion von Handys, Computern, Touchscreens, Festplatten sowie für Steuerelektronik von Autos und Waschmaschinen benötigt.

Gabelstapler transportiert eine Gitterkiste mit Elektronikschrott

Lukrativ: Elektronikschrott kann gewinnbringend recycelt werden.

Der größte Teil der seltenen Erden wird aus China importiert. Doch die Chinesen haben den Export eingeschränkt. Sie wollen die Rohstoffe lieber im eigenen Land verarbeiten. Die Preise auf dem Weltmarkt sind seitdem drastisch gestiegen. Aber nicht nur bei den seltenen Hightechmetallen boomt es. „Da die Weltwirtschaft wieder anzieht, haben wir im Moment einen relativ guten Rohstoffmarkt,“ sagt der Elektroschrott-Recycler, Bernhard Jehle, „vor allem die Nichteisenmetalle – wie Kupfer und Aluminium – können wir sehr gut verkaufen.“

Den alten Müll ausgraben?

Von den hohen und in Zukunft sicherlich noch steigenden Rohstoffpreisen möchten auch die Entsorgungsbetriebe in Wiesbaden profitieren. Der Leiter der Mülldeponie, Michael Zorbach, beteiligt sich deshalb mit über 700 000 Euro an einem Forschungsprojekt der Universität Gießen. Prof. Stefan Gäth und sein Team sollen mit Hilfe von Probebohrungen herausfinden, wie viele Rohstoffe in der alten Deponie 1 schlummern, ob es sich lohnt, die Deponie wieder zu öffnen, den Müll auszugraben und zu recyceln.

Drei Gutachter besichtigen eine abgedichtete Mülldeponie

Schatz: In dieser Mülldeponie bei Wiesbaden lagern noch viele Wertstoffe im Boden.

Die alte Wiesbadener Halde ist 60 Meter hoch, begrünt und von weitem gut sehen. Von 1964 bis 1982 kippten die Müllwagen hier 14 Millionen Tonnen ab, zum Teil Bauschutt aber auch große Mengen Hausmüll. „Diese Deponie ist besonders interessant, weil hier der Müll aus den 60er und den 70er Jahren liegt“, sagt der Ressourcen-Manager Stefan Gäthm, „das war die Zeit, als die Wegwerfgesellschaft blühte und die Abfallwirtschaft nur die Deponierung kannte. Deshalb erwarte ich mir einen sehr großen Schatz innerhalb dieses Berges.“

Phosphor zurückgewinnen

Damals – in den 60er und den 70er Jahren – gab es noch keine Mülltrennung und nur wenige Müllverbrennungsanlagen. Die Wirtschaft wuchs und auch die Müllberge. Unmengen an Plastik, Glas, Papier und Metallen landeten bunt gemischt auf der Kippe. Heute lassen sich diese Rohstoffe gut verkaufen. Moderne Recyclinganlagen sind mit Magneten und Kamerasensoren ausgestattet. Sie könnten den Wiesbadener Müll blitzschnell sortieren. Auch mit chemischen Verfahren könnte man aus den Mülldeponien Rohstoffe herausholen: Phosphor zum Beispiel. Die Landwirte brauchen den Nährstoff zum Düngen. Doch die natürlichen Vorkommen werden knapp. Eine Alternative könnte der Klärschlamm auf den Deponien sein. Hier sind Tonnen von Phosphor eingeschlossen. Mit chemischen Verfahren lässt er sich zurückgewinnen.

Rückbau kostet Millionen und ist gefährlich

Mitarbeiterin und Stefan Gäth (re.) stehen in einem Labor um einen Transportwagen mit einem Müllbehälter drauf.

Goldgräberstimmung: Jörg Nispel untersucht mit einer Kollegin die Probebohrung aus einer Mülltdeponie.

Dass es sich lohnen kann, eine Mülldeponie wieder zu öffnen, belegen Probebohrungen auf der Deponie Reiskirchen im Lankreis Gießen. „Wir haben dort alles gefunden, von einer pampigen schwarzen Masse bis hin zu großen Metall- und Kupferteilen. Sogar Zeitungen von 1991, bei denen man noch die Schlagzeilen lesen konnte, haben wir ausgegraben. Auch eine Bohrmaschine war dabei und andere Elektrogeräte“, erzählt Jörg Nispel von der Universität Gießen. 50 Meter tief drangen die Forscher in den Müllberg vor. Die Auswertung ihrer Proben versetzt die Müllbranche in Goldrauschstimmung: Allein die Rohstoffe in der Halde Reiskirchen sind je nach Marktlage zwischen 25 bis 80 Millionen Euro wert.

Den Einnahmen stehen aber auch hohe Ausgaben entgegen. Der Rückbau und die Sortierung kosten Millionen. In den Deponien schlummern nicht nur Rohstoffe, sondern auch viele Giftstoffe. Sie müssten erneut sicher isoliert und entsorgt werden. Außerdem produzieren die Deponien in ihrem Innern Methangas. Das Gas während des Rückbaus abzufangen, ist technisch sehr aufwendig und teuer. Damit diese Kosten gedeckt sind, müssen die Rohstoffpreise noch um ein Vielfaches anziehen. Doch das könnte schneller eintreten – als es vielen lieb ist.