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SENDETERMIN Do, 11.10.2012 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Grippeschutzimpfung – teurer Schmu?

Das Geschäft mit der Grippe-Impfung

20 Millionen Deutsche lassen sich jedes Jahr gegen Grippe impfen. Vor allem ältere Mitbürger. Schließlich sollen jedes Jahr im Schnitt 15 000 Menschen an Grippe sterben. Allein in Deutschland. Diese Zahl macht Angst. Doch woher kommt sie?

Spiel mit Zahlen

Diagramm Grippeschutzinmpfungen - Todesfälle

Vergleich: Trotz steigender Impfungen sind die durch Grippe bedingten Todesfälle nicht zurückgegangen.

Das Robert Koch-Institut liefert diese besorgniserregenden Zahlen. Das Bundesinstitut für Infektionskrankheiten. Es hält auf seiner Website umfangreiche Informationen zum Thema Grippe bereit. Auch dass es in dem schlimmen Grippewinter 1995/96 zu 30000 Toten kam. 30000 Grippetote? Das seien allerdings Schätzungen wird nur wenige Zeilen später erklärt. Nun gab es vor kurzem ein Jahr in dem nicht geschätzt wurde. 2009 versetzte die Schweinegrippe das Land in Aufregung und jeder einzelne Todesfall, der mit der Erkrankung zusammenhing, wurde sorgfältig dokumentiert. Und wie viele waren es am Ende? 30 000? 15 000? Nein: Es waren 258 Tote! In einer Grippesaison in einem Land mit 85 Millionen Einwohnern!

Mit Grippe-Angst geimpft

Ein Zufall? Ein Glücksfall? Angela Spelsberg, Epidemiologin, Leiterin des Tumorzentrums Aachen und Expertin für Korruption im Gesundheitswesen sagt, der Wahnsinn hat Methode: Die Öffentlichkeit wird in Deutschland regelrecht mit Grippe-Angst geimpft: „Bei der Schweinegrippe haben wir erlebt, wie gezielt Hysterie geschürt worden ist. Und es ist weltweit eine Kampagne angelaufen, die sorgfältig vorbereitet wurde. Und es ist sicher auch ein großes Geschäft. Denn jährliche Medikamentenausgaben, die dann eben für Grippeschutzimpfungen oder für antivirale Mittel getätigt werden, sind auch ein Geschäftsfeld.“ So wird der Nutzen der Grippeimpfung gerne übertrieben. Und nicht gesehen, dass die echte Influenza – und nur auf die zielt die Impfung – nur zehn Prozent der Erkältungsviren ausmacht.

Schutz ohne Wirkung?

Andere Zahlen sind noch erstaunlicher: Seit 1990 hat sich die Zahl der Grippeimpfungen bei uns verachtfacht. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der Toten durch Grippe und Lungenentzündung aber praktisch gleich geblieben. Wirkt die Impfung nicht? In dieser Zeit, in der sich die Zahl der Grippeimpfungen verachtfacht hat, ist die Zahl der Krankenhaustage mit Grippe und Lungenentzündung sogar um 40 Prozent gestiegen! Wo bleibt die Wirkung der Impfung? Schließlich ist der angebliche Schutz vor der gefährlichen Lungenentzündung das Hauptargument, mit dem man vor allem älteren Leuten zur Impfung rät.

Studie: Wer ist häufiger krank?

Spritze mit Grippeschutzmittel liegt auf gebundene Ausgabe des arzneitelegramm

Dürftige Studien: das arzneitelegramm zweifelt an der Glaubwürdigkeit der Ergebnisse.

Der Berliner Arzt und Apotheker, Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber der pharmakritischen Zeitschrift „Arzneitelegramm“, hat sich schon mehrfach mit den zweifelhaften Empfehlungen zur Grippeimpfung beschäftigt: „Die wissenschaftliche Basis, auf der diese Empfehlungen beruhen, die ist allerdings recht dürftig. Es ist beispielsweise so, dass man eine Studie gemacht hat, da hat man 1000 Geimpfte untersucht und 1000 nicht Geimpfte untersucht. Und da hat man tatsächlich gefunden, dass die nicht Geimpften in der Grippesaison häufiger krank werden.“

Ein klares Argument für die Impfung?

Nein, ein gutes Beispiel für eine methodisch fehlerhafte Studie. Denn Menschen, die sich impfen lassen, sind vorsichtiger. Sie haben mehr Angst vor Krankheiten. Waschen sich häufiger die Hände. Und schon das ist ein guter Grippeschutz. Menschen, die sich Impfen lassen, sind tendenziell auch gesundheitsbewusster. Sie achten eher auf Ihre Ernährung. Auch das bietet Schutz vor Krankheiten. Tatsächlich wurde eine dieser Studien aufwändig überprüft. Und man fand, dass die nicht Geimpften auch außerhalb der Grippesaison generell mehr Krankheiten und mehr Todesfälle aufwiesen.

Grippeimpfung ist nur ein Faktor

Wolfgang Becker-Brüser sieht so den scheinbaren Erfolg der Grippeimpfung nachhaltig in Frage gestellt:
„Man hat dabei festgestellt: Die Impfung ist gar nicht so wesentlich für den Erfolg. Man hat dabei festgestellt, dass da weitere Faktoren mit dazukommen, die zum Teil viel wirkungsvoller sind. Beispielsweise wie gesundheitsbewusst leben die Menschen. Das Fazit war: Die Grippeimpfung spielt da letztendlich eine untergeordnete Rolle.“

Impf-Nutzen besser prüfen

Gute Studien zur Wirksamkeit der Grippeimpfung sehen anders aus. Die Studienteilnehmer werden zufällig auf zwei Gruppen verteilt. Die einen bekommen die echte Impfung, die anderen ein Placebo ohne Wirkstoff. Die Probanden wissen nicht, zu welcher Gruppe sie gehören. Dann wird untersucht: Wie gut sind die beiden Gruppen in der Grippezeit geschützt? Nur so ist sichergestellt, dass sich die beiden Gruppen in ihrem Gesundheitsverhalten statistisch nicht voneinander unterscheiden. Nur so lässt sich der Effekt der Impfung klar erkennen.

Gute Studien sind Mangelware

Die internationale Cochrane-Gesellschaft ist spezialisiert darauf, solche Studien zusammenzufassen. Um für medizinische Prozeduren und Pharmazeutika die bestmögliche Aussage zur Wirksamkeit zu treffen. Auch zum Thema Grippeimpfung hat Cochrane eine solche „Metaanalyse“ guter Grippestudien. Dr. Gerd Antes, Direktor der deutschen Cochrane-Gesellschaft erläutert das Ergebnis: „Die Studienlage hat gezeigt, dass man 100 Personen impfen muss, damit eine Person einen Nutzen davon hat. Diese Zahl ist allerdings mit großer Vorsicht zu genießen. Auf der einen Seite hat man Studien, die meistens von den Herstellern finanziert und durchgeführt werden und die haben damit die Tendenz, überoptimistisch zu sein. Und auf der anderen Seite haben wir das Problem, dass die Studien, die nicht das gewünschte Ergebnis bringen auch tendenziell seltener publiziert werden. Das heißt: Uns fehlen vielleicht relevante Studien.“

Aber wer profitiert denn wirklich von der Impfung? Die Arztpraxen auf jeden Fall: Jeder Piks bringt zehn Euro. Und die Hersteller der Grippeschutzmittel profitieren auch. Verdienen jedes Jahr ein paar hundert Millionen Euro. Allein in Deutschland. Aber was haben die Geimpften davon? So wie es aussieht auf jeden Fall deutlich weniger, als man ihnen immer erzählt.