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SENDETERMIN Do, 24.11.2011 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Wie schnell verbreiten sich Keime?

Hygiene im Krankenhaus

Jeder zehnte bis zwanzigste Patient in deutschen Kliniken steckt sich mit Bakterien an. Für 10.000 bis 40.000 Patienten enden die so genannten „Krankenhausinfektionen“ tödlich – Jahr für Jahr. Woher die Keime kommen und wie schnell sie sich im Krankenzimmer ausbreiten können, demonstriert der Mikrobiologe Dr. Alexander Friedrich jungen Medizinern in Münster. Im Uniklinikum unterzieht er die Berufsanfänger jedes Jahr einem – scheinbar – simplen Hygienetest. Mit erschreckendem Ergebnis.

Junge Ärzte im Test

Ein Patient wird ins Krankenhaus eingeliefert. Er hat Fieber, sein Allgemeinzustand ist schlecht. Was er genau hat, ist noch unklar. Wie die meisten Patienten wird er zunächst in einem Mehrbettzimmer untergebracht. Was müssen die Ärzte und Pfleger bei seiner Behandlung beachten, damit sie keine möglicherweise gefährlichen Keime weiterverbreiten?

Dr. Alexander Friedrich mit Studenten öffnet eine Petrischale mit einem roten Gel.

Hygieneunterricht an den Unikliniken Münster: Wieviele Bakterien haben sich auf der Handfläche eingenistet.

Eine Frage für das erste Studiensemester Medizin, so möchte man meinen. Doch Dr. Alexander Friedrich, Mikrobiologe an der Uniklinik Münster, kennt die Fakten. Und die sprechen eine andere Sprache: Schätzungsweise eine halbe bis eine Millionen Menschen ziehen sich jedes Jahr in deutschen Krankenhäusern eine Infektion zu. 10.000 bis 40.000 Menschen in Deutschland sterben jedes Jahr daran. Friedrich weiß: "Das ist kein Schicksal. Die Auslöser sind meist Bakterien, manchmal Viren." Die Ursache: mangelnde Hygiene. An den Unikliniken Münster werden Medizinstudenten deshalb besonders gründlich geschult, damit sie typische Hygiene-Fallen erkennen lernen.

Die Hand – bevorzugte Wohnlage für Bakterien

Alexander Friedrich demonstriert den Medizinstudenten zunächst mit Spezialkamera und Mikroskop, dass Bakterien überall auf unserer Körperoberfläche sind. Besonders gut gedeihen sie in den feinen Linien der Hände. „Das sind paradiesische Wohnverhältnisse für Bakterien“, erklärt der Mikrobiologe und Hygienefachmann. „Aus der Sicht der Bakterien sind das geschützte, angenehm warme Täler mit großem Nahrungsangebot“.

Petryschale mit Handabdruck auf roter Gelschichte, auf dem weißer Flaum gewachsten ist.

Bakterielles Aufblühen: Ein Handabdruck nach 24 Stunden im Brutschrank.

Desinfiziert man sich nicht die Hände, trägt man die Keime weiter – mit jedem Fingerabdruck und jeder Berührung. Das beweist Friedrich den angehenden Medizinern mit einem eindrucksvollen Versuch: Er nimmt mit einem Spezialgel Handabdrücke von ihnen, wenn sie sich nicht die Hände desinfiziert haben. Zunächst sieht man die Abdrücke nicht. Doch nach 24 Stunden im körperwarmen Brutschrank sind auf dem Gel deutlich die Konturen von Handflächen und Fingern zu sehen – ein Mosaik aus winzigen Punkten. Jeder einzelne von ihnen setzt sich aus rund 10.000 Bakterien zusammen. Ihre Anzahl verdoppelt sich alle 20 Minuten. Das ist kein Grund, zu Hause in Sauberkeitswahn zu verfallen. Im Alltag schaden uns die Keime nicht. Im Krankenhaus aber können sie zu Killern werden. Alexander Friedrich warnt: „Wenn sie in die Wunde gelangen, können sie zu Eiter führen, wenn sie über Beatmungsgeräte in die Lunge gelangen, können sie zu Lungenentzündung führen, und wenn sie in die Blutbahn gelangen, können sie zu Blutvergiftung führen.“

Der Hygienetest

Jeder Arzt und jede Krankenschwester weiß theoretisch genau, wie gefährlich unsaubere Hände für einen Kranken sein können. Doch in der Praxis unterlaufen den meisten täglich folgenschwere Fehler. Wie schnell sich Bakterien im Krankenzimmer verbreiten und lebensgefährliche Infektionen auslösen können, macht Dr. Friedrich den Studenten deshalb bei einem Hygienetest deutlich: Die Berufsanfänger sollen genauso wie in ihrem Alltag einen Patienten abhören – dargestellt von einer lebensgroßen Puppe. Im Nebenbett liegt ein zweiter „Patient“ – bei ihm soll der Blutdruck gemessen werden.

Was die Studenten nicht wissen: Alexander Friedrich hat das Stethoskop und die erste Puppe zuvor mit einer unsichtbaren Flüssigkeit markiert, die sich ähnlich leicht und unbemerkt wie Bakterien verbreitet. Nach einem vollen Behandlungstag löscht Friedrich das Licht und schaltet UV-Licht an, das die Flüssigkeit sichtbar macht. Das Ergebnis ist erschreckend: „Bakterien-Flecken“ überall: auf Lichtschaltern, medizinischen Instrumenten, auf dem Rücken des ersten Patienten - und auch beim Bettnachbarn. Unter realen Bedingungen könnte das für einen Kranken das Todesurteil sein. Was haben die Studenten falsch gemacht?

Rücken der Patientenpuppe: Das unsaubere Stethoskop hat sechs kreisrunde Flecken hinterlassen

Mit UV-Licht entlarvt: Sechsmal abgehört mit unsauberem Stethoskop.

Eine Videoaufnahme entlarvt unbarmherzig jeden falschen Handgriff. Gleich zu Beginn machen viele der Auszubildenden zwei typische Fehler. Erstens: Sie desinfizieren das Stethoskop nicht. Zweitens: Nach dem Abhören des ersten Patienten greifen die Studenten zum Blutdruckmessgerät – und desinfizieren sich erst danach die Hände. Mit vermeintlich sauberen Händen beginnen sie mit der Untersuchung des zweiten Patienten. Tatsächlich aber sind die Bakterien vom Stethoskop nun auch auf dem Blutdruckmessgerät und landen so beim Bettnachbarn. Im Alltag bleiben solche Fehler unsichtbar. Friedrich macht sie mit dem UV-Test sichtbar. Der Schreck ist den jungen Ärzten anzusehen. Viele begreifen jetzt zum ersten Mal, wie leicht sie schuldig werden können – an der Erkrankung oder gar am Tod eines Patienten.

Hände desinfizieren – aber richtig!

Dr. Friedrikch zeigt die fünf Handgriffe, die man bei der Desinfektion ausführen soll

Saubere Technik für saubere Hände: Dr. Alexander Friedrich zeigt, wie das Desinfektionsmittel eingerieben werden muss.

Diese Erkenntnis, so Friedrich, ist oft der Wendepunkt. Der Anblick der Flecken brennt sich den Studenten ins Gedächtnis und hilft, im stressigen Klinik-Alltag den inneren Schweinehund zu überwinden. Denn: Gute Krankenhaushygiene ist zwar nicht kompliziert, aber extrem zeitaufwändig und deshalb lästig. Das Wichtigste ist die Händedesinfektion. Nach jeder Behandlung eines Patienten muss das sein. Und zwar richtig, sonst bringt das beste Mittel nichts.

Friedrich demonstriert die korrekte Technik, die verhindert, Bakterien von Patient zu Patient zu übertragen: Fünf Handgriffe sind es, die rund 30 Sekunden kosten. Erst dann sind die Hände wirklich sauber. Sind die Keime besonders gefährlich, muss der Infizierte sogar in ein Einzelzimmer. Dann dürfen Pfleger und Ärzte den Patienten nur in kompletter Schutzmontur behandeln. Heißt: Vor Betreten des Zimmers Kittel, Mundschutz, Haube und Handschuhe anziehen. Und vor dem Verlassen des Krankenzimmers wieder ausziehen – damit sich die Keime nicht auf der gesamten Station verteilen.