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SENDETERMIN Do, 9.6.2011 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Massenware Hühnerfleisch

Massenware Fleisch

Über eine halbe Milliarde Hühner schlüpfen in Deutschland jährlich irgendwo in einem Brutschrank aus ihrem Ei, um dann nach ungefähr einem Monat geschlachtet zu werden. Eine halbe Milliarde ist eine unglaubliche Zahl. Wenn diese Hühner, so eng wie im Hühnerstall, auf einer dreispurigen Autobahn säßen, wäre diese Autobahn auf einer Strecke von über 3.400 km voll mit Hühnern. Eine dreispurige Autobahn von Berlin bis nach Syrien voller Hühner. Und das Jahr für Jahr. Jeder von uns will selbstverständlich, wenn er Fleisch isst, dass die Tiere gesund aufwachsen und nicht unnötig leiden. Aber ist das bei der Intensivtierhaltung, so wie sie in Deutschland praktiziert wird, wirklich der Fall? Odysso hat sich uns beim größten Hühnchenproduzenten umgesehen.

Kein Bauernhof in Sicht

Paul-Heinz Wesjohann ist der größte Geflügelfleischproduzent in Deutschland. Drei Tage lang zeigt er mir seine Betriebe und eines lerne ich schnell: Mit romantischem Bauernhof hat ein Hühnerleben heutzutage nichts zu tun. Durch eine Hygieneschleuse kommen wir in die Brüterei. Wir laufen durch große Hallen, in denen viele Millionen gereinigte Eier darauf warten, in die Brutschränke zu kommen. Nach etwa drei Wochen schlüpfen die Küken in diesen Schränken, fast unter Reinraumbedingungen - möglichst keimfrei. Gesunde Tiere setzten schnell und viel Fleisch an. Das ist der einzige Lebenszweck dieser Nutz-Tiere.

Küken auf dem Förderband

Mann im weißen Hygiene-Schutzanzug inmitten eines Stall voller gelber Küken

Gut behütet: Hygiene ist bei der Geflügelaufzucht obersten Gebot.

Kurz nach dem Schlupf fahren sie in ihren blauen Kunststoffkisten über ein Förderband. Sie sollen rechtzeitig zur Grillsaison schlachtreif sein und werden als erstes von den Schalen getrennt, so sanft wie möglich und vollautomatisch. So beginnt das Leben - für weit über eine Million Küken täglich in Deutschland. Dank der hohen Hygienestandards wird hier nur wenig „Ausschuss“ produziert. Vereinzelt werden ein paar Tiere aussortiert. Sie werden später betäubt und getötet. Natürlich tierschutzgerecht, versichert mir Wesjohann. Das ist ihm wichtig: Bei ihm läuft alles streng nach Vorschrift. Klar, wir werden keine „Missstände“ sehen, sondern einen Vorzeigebetrieb.

Die Welt der Masthühner

Auch wenn alle Vorgaben eingehalten werden, ist ein schnelles, kurzes Leben. Über rasende Förderbänder werden die Küken zu hundert Stück in eine Kiste katapultiert. So eine Kiste Küken ergibt am Ende rund 200 Kilo Fleisch. Wenig später sind wir bei einem der Mäster. Einstallen: Das bedeutet die große Halle ist frisch desinfiziert. In dem Stall werden die Küken aufwachsen: Das ist ihre Welt – etwas anders werden sie nie sehen.

Viel Abwechslung gibt es nicht

Fressen, trinken und schnell wachsen: Dafür werden sie gezüchtet. 45.000 Küken in einem Stall. Raus in die Natur, mal auf die Wiese, werden diese Tiere nie kommen. So leben rund 99 Prozent der Masthühner in Deutschland – das ist die Realität. „Es gibt natürlich einen Teil romantische Landwirtschaft, das ist die Bio-Haltung“, sagt Paul-Heinz Wesjohann von der PHW-Gruppe. „Auch die machen wir. Das ist dann natürlich viel teurer und dafür muss auch ein Markt da sein. Wir produzieren das, was der Kunde will. Was der Konsument essen will, das produzieren wir.“

Wie viel Platz braucht ein Huhn?

Etwas über 2 Kilo schwer werden die Masthühner am Ende. Jörg Hartung ist einer der führenden Tierschutzexperten in Deutschland. Er hat untersucht, wie viel Platz so ein Huhn zum Leben braucht. Denn die maximale Besatzdichte für Masthühner ist in Deutschland kürzlich erhöht worden: auf 39 Kilogramm Lebendgewicht pro Quadratmeter. Je nach Gewicht bedeutet das, dass sich bis zu 20 Tiere einen Quadratmeter teilen. „Das ist am Ende der Mast, die letzten Tage auf das Leben dieses Tieres bezogen, eine relativ kurze Periode, wo es so dicht ist“, sagt Jörg Hartung, der Professor für Tierschutzkunde an der Tierärztliche Hochschule Hannover ist. „Und von daher sind diese 39 Kilo, bei Einhaltung einer guten Einstreu und Lüftung in dem Stall, einem guten Management und der Gesundheitsüberwachung vertretbar.“

Alles unter optimalen Bedingungen?

Großer Hühnerstall mit vielen weißen Hühnern

Tierschutzgerechte Haltung: 39 Kilogramm Lebensgewicht auf einen Quadratmeter.

Wie es den Tieren unter modernen Mastbedingungen tatsächlich ergeht, untersucht Jörg Hartung in seinen Forschungsställen. Mit bunt markierten Küken soll beispielsweise erforscht werden, wie viel Platz die Tiere in den Hallen tatsächlich nutzen. Klar ist: Viel Platz, ist da am Ende nicht mehr. Das sehe ich in einem Stall, in dem die Tiere in der kommenden Nacht zum Schlachten abgeholt werden sollen. So sieht das in der Praxis aus: 39 Kilogramm Lebendgewicht pro Quadratmeter. Diese speziell gezüchteten Masthühner fressen fast ununterbrochen und nehmen dabei enorm zu: viel Brustfleisch und dicke Keulen. Die meisten Tiere liegen, einige tapsen schwerfällig herum. Die Einstreu ist trocken, es stinkt nicht sonderlich – aber ich finde das schon ziemlich eng. Trotzdem: Zum Fressen und Trinken reicht es offensichtlich. Und so lange sie gesund sind, keine Schmerzen haben, ist das alles tierschutzgerecht – auch wenn ich mir ein gesundes, glückliches Huhn anders vorstelle.

Ein Huhnleben dauert 40 Tagen

„Wenn sie sich gut entwickeln, sind sie auch gesund“, sagt Paul-Heinz Wesjohann. „Das können Sie auch sehen: Die schlagen mit den Flügeln, die können sandbaden hier, die Einstreu ist in Ordnung, die Temperaturen stimmen und die Sauerstoffzufuhr ist gegeben. Die haben hier auch nachts Dunkelphase, so dass sie auch schlafen können. Also das wird genau eingehalten, den Tieren wird hier also nichts Besonderes abverlangt.“ Zumindest wenn der Mäster gut arbeitet. 99 Prozent der deutschen Masthühner leben so - maximal 40 Tage lang. Denn nur so lässt sich billiges Fleisch produzieren.

Blaues Licht soll beruhigen

Mitarbeiter hängt unter Blaulicht die Hühnchen kopfüber an ein Transportband.

Kopfüber zur Schlachtung: Da blaue Licht beruhigt die Tiere.

Endstation: Im Schlachthof warten die Tiere in großen Boxen. Überall blaues Licht, das soll sie beruhigen. Automatisch kippen die Tiere aus den Boxen auf ein Förderband, dann werden sie von Männern in Schutzkleidung ins Schlachtband eingehängt. 8100 Tiere pro Stunde fahren so dem Tod entgegen. Dabei sollen sie eigentlich nicht leiden. „Dieser Vorgang, dass das Tier im Schlachtbetrieb ankommt, dann aus den Transportboxen ausgeladen und eingehängt wird, ist sicher mit einer Stressbelastung verbunden“, sagt Tierschutzexperte Prof. Jörg Hartung. „Auch das Hängen mit dem Kopf nach unten ist für die Tiere ungewöhnlich und eine Belastung.“ Rund 20 Sekunden dauert diese stressige letzte Fahrt – dann taucht der Kopf in ein Wasserbad, das unter Strom steht. Elektrobetäubung am Fließband. In der Regel sind die Tiere gut betäubt, wenn ihnen dann automatisch der Hals aufgeschnitten wird, damit sie ausbluten und sterben.

Alternative zum Strom ist CO2

Bei der Betäubung mit Kohlendioxid kommen die Tiere per Förderband in einen Tunnel. Vorteil: Wenn die Tiere ins Schlachtband eingehängt werden, sind sie schon nicht mehr bei Bewusstsein. In hohen Konzentrationen betäubt das Gas gut. Es hat aber einen großen Nachteil: CO2 verursacht Erstickungsgefühle. Deswegen steht diese Methode in der Kritik. Bei Schweinen, die schon länger so betäubt werden, hat man das Leiden der Tiere genau untersucht. „Bei Schweinen, da sind das die ersten 15 Sekunden, die zum Teil zu erheblichen Abwehrreaktionen führen“, sagt Prof. Hartung. „Und wir haben beim Schwein auch einen enormen Anstieg der Katecholaminausschüttungen zum Beispiel Stresshormonausschüttung, die darauf hindeuten, dass das eine äußerst belastende und unangenehme Situation ist. Bei den Hühnern ist das zwar schon untersucht, aber noch nicht in der hinreichenden Breite. Man kann aber davon ausgehen, dass dort ganz ähnliche Erscheinungen für die Tiere auftreten.“ Eine schonendere Betäubung dürfte wohl auch teurer werden – schlecht für die Tiere. Denn am Ende ist Fleisch vor allem eines: billige Massenware.

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Massenware Hühnerfleisch

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Abgeschottet: in den Brutschränken schlüpfen die Küken.

Abgeschottet: in den Brutschränken schlüpfen die Küken.

Geboren, um gegessen zu werden: Küken leben in einem Geflügelaufzuchtbetrieb nicht sehr lange.

Sortieranlage: Fällt ein Küken durch Missbildungen auf, wird es aussortiert, später betäubt und getötet.

Alles frisch desinfiziert: Die Küken werden hier aufwachsen und nie eine andere Umgebung sehen.

Weniger Bewegungsfreiraum in der herkömmlichen Hühnermast: Auf einem Quadratmeter dürften bereits zwanzig Hühner untergebracht sein.

Das Ende eines Schlachthuhnlebens...