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SENDETERMIN Do, 31.3.2011 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Die Tamiflu-Lüge

Aspirin & Co unter der Lupe

Immer wieder gibt es Berichte über die Verflechtung der Pharmaindustrie mit Behörden im Gesundheitssystem. Und über die Manipulation von Pharmastudien mit dem Ziel, Medikamente besser aussehen zu lassen, als sie wirklich sind. Aber ein Fall des Grippemittels Tamiflu scheint bisher - wegen seiner immensen finanziellen Dimension - einzigartig.

Comiczeichnung

Klare Sache? Drei Experten rieten zur Impfung die Schweinegrippe.

Ein wichtiges Kapitel des Skandals spielte bei der WHO. Die Welt-Gesundheitsorganisation ist eine wichtige Institution. Denn sie gibt – unter anderem – bei gefährlichen Grippe-Epidemien Empfehlungen, was zu tun ist. Experten wie Prof. Hayden, Infektionsmediziner von der Universität Virginia, arbeiten die Empfehlungen aus. Er rät weltweit den Regierungen zu einer umfangreichen Bevorratung mit dem Grippemittel Tamiflu.

Die WHO und ihre Empfehlungen

Der Epidemiologe Prof. Monto von der Universität Michigan arbeitet auch an den Empfehlungen mit: Er rät zum großzügigen Kauf der Impfmittel. Und Prof. Nicholson von der Universität Leicester bestätigt diese Empfehlung.

Comicfilm: Drei Mediziner halten die Taschen ihrer Arztmäntel auf, in denen Geldscheine hineinfliegen, die von großen Konzerngebäuden im Hintergrund herkommen.

Wirklich unabhängig? Die WHO-Experten halten Vorträge für Pharmakonzerne.

Hayden, Monto und Nicholson haben die WHO-Empfehlung maßgeblich geprägt. Was die Öffentlichkeit nicht erfährt: Die Wissenschaftler stehen zur selben Zeit in Lohn und Brot bei den Herstellern der Präparate, die sie empfehlen. Hayden erhält von Roche Geld für Vorträge und Beratungen. Nicholson und Monto ebenso vom Tamiflu-Hersteller Roche und vom Impfmittelhersteller Glaxo Smith Klein. Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

Die „Kaiserstudie“

In ihren Empfehlungen bezogen sich die Wissenschaftler besonders auf eine Studie zur Wirksamkeit von Tamiflu, die so genannte Kaiserstudie. Letztlich war es vor allem diese Studie, die Länder auf der ganzen Welt dazu veranlasste, Milliarden für Tamiflu auszugeben. Aber mit Pharmastudien ist das so eine Sache, besonders, wenn sie vom Hersteller der Präparate durchgeführt werden. Da geht es mitunter um Milliarden. Deshalb steht das Präparat in diesen Studien meist glänzend da.

Viele Studien – aber „windig“

Wasserturm aus roten Backsteinen

Bastion gegen die Pharmalobby: der Wasserturm in Berlin-Steglitz.

Aber es gibt auch pharmakritische Wissenschaftler, die diese Studien analysieren. Und oft stellt sich heraus: Die Datenlage der Pharmastudien ist dürftig. Zu diesen Kritikern gehören die Wissenschaftler um den Arzt und Apotheker Wolfgang Becker-Brüser. Der Wasserturm auf dem Friedhof Berlin Steglitz, in dem sie die Redaktionsräume ihres pharmakritischen „Arzneitelegramms“ eingerichtet haben, steht da wie eine Festung. Fast als müssten sich die Mitarbeiter des Arzneitelegramms vor übermächtigen Gegnern fürchten. Und das scheint gar nicht einmal so abwegig. Denn hier legt man sich regelmäßig mit der Pharmaindustrie an. Auch mit dem Grippemittel Tamiflu der Firma Roche haben sie sich schon beschäftigt. Und die Datenlage zu Tamiflu sieht schlecht aus, erklärt Wolfgang Becker-Brüser: „Wenn man sich mit Tamiflu näher befasst, dann muss man feststellen: es gibt viele Studien, aber das sind ziemlich windige Studien. Die sind zum großen Teil nicht veröffentlicht. Da sind Ghostwriter eingeschlossen worden, um die zu produzieren. Und letztendlich, wenn man genau dahinter schaut, bleibt gar nichts übrig von der Wirksamkeit.“

Widersprüchliche Aussage über Wirksamkeit

Wolfgang Becker-Brüser (re.) sitzt mit Mitarbeiter an einem Schreibtisch.

Arzneitelegramm: Wolfgang Becker-Brüser schaut der Pharmaindustrie auf die Finger.

Die wohl wichtigste Frage: hilft Tamiflu gegen Lungenentzündung? Denn – wenn überhaupt – dann sterben Grippekranke meistens daran. Im Internet liefert der Hersteller von Tamiflu dazu ganz widersprüchliche Aussagen. Einen solchen Informationsspagat findet man sonst nur selten, so der Redaktionsleiter des Arzneitelegramms, Wolfgang Becker-Brüser: „Im Prinzip verfolgt Roche eine gespaltene Informationspolitik, je nachdem, in welches Land man schaut. Per Internet. Auf der globalen Informationsseite steht, dass Tamiflu vor Lungenentzündung oder vor Atemwegsinfektion schützt und zwar ziemlich stark. Während in den USA auf der Internetseite steht, dass Tamiflu keinen Einfluss hat, auf Lungenentzündung und andere Ereignisse. Das zeigt eigentlich, dass Roche sich letztlich anpasst an die gesetzlichen Regelungen, die die Behörden dort vorschreiben.“

Geschichte so bizarr wie ein Comic

Comicstrip:  Mediziner hält Ordner mit Aufschrift "Metastudie" in der Hand, auf einem Tisch stehen mehrer Ordner, hinter dem Tisch drei Männer mit dunklen Mäntel und Sonnenbrillen

Undurchsichtig: die Metastudie über Tamiflu gründet auf schlecht nachvollziehbare Einzelstudien.

Am Anfang der Geschichte steht die Kaiserstudie. Der Wissenschaftler Laurent Kaiser hat dafür drei Coautoren, die vom Tamiflu-Hersteller Roche bezahlt werden. Zehn Einzelstudien werten sie aus, die ebenfalls alle vom Tamiflu-Hersteller Roche finanziert wurden. Am Ende sei die Datenlage folgende, erklärte Kaiser in der Zusammenfassung dieser „Metastudie“: Tamiflu reduziert schlimme Komplikationen wie Lungenentzündung um 55 Prozent. Einweisungen ins Krankenhaus sinken mit Tamiflu sogar um 59 %, so die Daten der Roche-Studie.

Szenenwechsel: Wir schreiben das Schweinegrippejahr 2009. Der Wissenschaftler Tom Jefferson aus England erhält den Auftrag, die Daten der Kaiser-Studie zu prüfen. Schließlich geht es darum, eventuell dreistellige Millionenbeträge auszugeben, für die nationale Bevorratung mit Tamiflu. Für den Schutz vor Schweinegrippe. Tom Jefferson findet aber nur zwei der angeblich zehn Einzelstudien von Roche zu Tamiflu veröffentlicht. Was liegt näher, als die Firma um die fehlenden Daten zu bitten.

Untaugliche Studienergebnisse

Der Arzneimittelhersteller Roche aus Basel fordert von Jefferson allerdings die Abgabe einer Verschwiegenheitserklärung. Nur dann sollte er die vollständigen Unterlagen bekommen. Jefferson akzeptiert das nicht. Schließlich muss er die Ergebnisse seiner Untersuchung ja seinem Auftraggeber berichten. Nachdem sich das britische Fernsehen um den Fall kümmert und sich ein Ghostwriter gemeldet hatte, der die Studie marketingtechnisch optimieren sollte, gibt Roche doch Daten an Jefferson weiter. Aber die seien unvollständig und taugten nicht, die Wirksamkeitsbehauptungen von Roche zu belegen, erklärt Jefferson.

Ernüchterndes Ergebnis

Comicfilm: Arzt steht vor ein Bild mit Patient und geöffneten Brustkorb der mit einem roten Kreuz und der Aufschirft "Keine Wirkung" versehen ist.

Bluff entlarvt: Tamiflu wirkt nicht gegen die grippebedingte Lungenentzündung.

Jefferson sucht daraufhin unabhängige Studien und findet 20 seriöse, nach wissenschaftlichen Kriterien gut gemachte Studien zu Tamiflu. Die Auswertung bringt ein ernüchterndes Ergebnis: Für das eigentlich gefährliche an der Grippe, die Lungenentzündung, lässt sich keine positive Wirkung von Tamiflu belegen. Ebenso wenig für die Zahl der Krankenhauseinweisungen. Tamiflu hat keinen Einfluss darauf.
Keine Wirksamkeit auch bei grippeähnlichen Erkrankungen – bei einer Epidemie viel häufiger als die echte Grippe.
Übrig bleibt ein kleiner Effekt bei der selteneren echten Grippe: sie wird um etwa einen Tag verkürzt. Aber das entspricht in keiner Weise den Ergebnissen, die Roche mit der von ihr finanzierten Metastudie zu Tamiflu veröffentlicht hatte. Warum wohl?

Cochrane-Netzwerk

Gerd Antes sitzt am Schreibtisch

Gerd Antes leitet die deutsche Sektion von Cochrane.

Wichtig in diesem Zusammenhang: Tom Jefferson gehört zum Cochrane-Netzwerk. Ein internationaler Verbund unabhängiger Wissenschaftler, die sich auf die Prüfung medizinischer Studien spezialisiert haben. Das Cochrane-Netzwerk genießt international einen exzellenten Ruf, was die Qualität seiner Studien anbelangt. Jeffersons Kollege, der Direktor der deutschen Sektion von Cochrane, Gerd Antes, sieht in den fragwürdigen Studien-Daten zu Tamiflu eine schwere Irreführung der Öffentlichkeit durch die Firma Roche. „Wenn man genauer hinschaut, wird dort getäuscht, getarnt und getrickst. Und das dramatische daran ist, dass die Datenlage dazu führt, dass Milliarden ausgegeben werden. Großenteils von Steuergeldern. Und dass zur gleichen Zeit die Öffentlichkeit nicht die Möglichkeit hat, diese Daten zu sehen. Und das ist – glaube ich – eigentlich ein Fall für den Staatsanwalt.“

Die Firma Roche erklärt uns auf Anfrage, sie hat den Gesundheitsbehörden weltweit die Daten für Tamiflu zur Verfügung gestellt. Und auch die Daten von Roche zur Reduzierung der Grippekomplikationen seien veröffentlicht worden. Auf jeden Fall ist Roche mit Tamiflu außerordentlich erfolgreich. Mit dem fast wirkungslosen Medikament machte die Firma im Schweinegrippejahr 2009 einen Umsatz von phantastischen 3,2 Milliarden Euro.