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SENDETERMIN Do, 10.3.2011 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Wie digitale Medien unser Gehirn verändern

Wie uns die digitale Welt verändert

Digital-TV, Internet, Computer, Smartphones - digitale Medien verändern unseren Alltag und unser Gehirn. Ihr Einfluss schlägt sich in unseren neuronalen Strukturen nieder. Unter anderem bei Studien im Tomografen können Hirnforscher es messen und teils sogar sichtbar machen: Intensive Mediennutzung verändert Wahrnehmungsgewohnheiten, Konzentration, Erinnerungsvermögen, Lernfähigkeit und soziale Kompetenz. Manch ein Wissenschaftler warnt, sie ließe uns verblöden, mache uns unfähig komplexere Zusammenhänge zu interpretieren oder schwäche zumindest wesentliche „Kontrollzentren“ unseres Gehirns.

Testfamilie Finco ist vernetzt

Wir besuchen unsere Testfamilie noch einmal: Diesmal darf Familie Finco allerdings all ihre technischen Geräte behalten: Handys, Fernseher, Laptops und Computer. Mit diesen Geräten entspricht die Familie einem ganz typischen deutschen 4-Personen Haushalt. Die Töchter Anna und Verena sind ganz selbstverständlich mit dieser medialen Ausrüstung aufgewachsen: „Also ein Handy haben wir alle in der Familie“, erklärt Anna. Verena ergänzt: „Mein Papa braucht sein Handy eben hauptsächlich für die Arbeit, weil er im Kundendienst ist, genauso wie seinen Laptop“. Zwei Laptops gibt es hier – den des Vaters und den der großen Tochter, zudem einen festen Familiencomputer und mehrere Fernseher. Diese Ansammlung von digitaler Medien ist nicht ungewöhnlich, eher durchschnittlich – ganz gewöhnlich für den Alltag einer modernen Familie.

Im Alltag restlos vernetzt

Prof. Gerald Hüther hält ein Modell eines menschlichen Gehirns in der Hand

Dem Neurobiologen Prof. Gerald Hüther bereitet die Informationsflut Sorgen.

Fünf bis sechs Stunden verbringen wir Deutschen im Durchschnitt jeden Tag mit digitalen Medien. Genau wie Familie Finco. Tendenz steigend. Doch welchen Einfluss hat das auf unser Gehirn? Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther kennt die Antwort –ihm macht der neue digitale Denkstil Sorgen: „Dass man das wichtige vom Unwichtigen nicht mehr auseinanderhalten kann“, meint Hüther, „das ist das Merkmal der digitalen Medien“. Dem Gehirn könne es folglich durchaus schaden, wenn die Mediennutzung überhand nimmt, warnt er. Besonders bei so genannten „Digital Natives“, „Digitalen Eingeborenen“ also, die - wie Verena und Anna Finco – im Dauerfeuer digitaler Technik aufgewachsen sind.

Digital Natives – die „digitalen Eingeborenen“

Mädchen tippt auf der Tastatur eines Handys

Neue Aufgaben für das Gehirn: Junge Menschen geben mit flinken Fingern Texte in Handys ein.

Die Folge: Ihr Gehirn passt sich diesem Dauerfeuer an. Besonders eine der wichtigsten Kommandozentralen – gleich hinter der Stirn, diagnostiziert Gerald Hüther, sei gefährdet: „Dieser frontale Cortex – das ist die interessanteste Region im menschlichen Hirn überhaupt. Das ist der Bereich im Hirn wo Netzwerke liegen, mit deren Hilfe wir uns in andere Menschen hineinversetzen können, Handlungen planen, wo wir auch lernen Frustrationen auszuhalten, unsere Impulse die wir haben zu kontrollieren. Und da zeigen Untersuchungen immer häufiger dass diejenigen jungen Leute, die intensiv in diesen Multitasking-Computer-Beschäftigungen unterwegs sind, gewisse Probleme haben diesen Frontalcortex aufzubauen und zu verschalten.“ Das Stirnhirn leidet also unter der Reizüberflutung und sprunghafter Aufmerksamkeit.

Reizüberflutung und Sprunghaftigkeit

Allerdings registrieren die Forscher in anderen Hirnregionen auch positive Effekte. Manche sprechen sogar vorn digitaler Intelligenzsteigerung. Zum Beispiel durch SMS-Schreiben. Auch der Neurobiologe Hüther kennt die Effekte, die das suggerieren: „Wir wissen ja schon seit einiger Zeit dass das Gehirn so wird, wie man es benutzt. Wir haben so ein Beispiel seit zehn Jahren eine Region, die ist ungefähr hier oben, der sensomotorische Cortex, was zuständig ist für die Regulierung der Daumenbewegung. Das ist inzwischen fast doppelt so groß geworden, bei den 15 jährigen. Da gehört auch dazu dass diese jungen Leute viel schneller optische Eindrücke wahrnehmen, dass die viel schneller darauf reagieren auf das was da an Bildern vorbeimarschiert.“ Kein Wunder, sollte man meinen. - Schließlich sind sie seit ihrer Kindheit an den rasenden Informationsfluss gewöhnt, der unseren Alltag bestimmt.

Eine Sache des Trainings?

Neurobiologe Prof. Hüther zeigt auf dem Gehirnmodell den sensomotorischen Cortex, der auf der oberen Mitte des Gehirns befindet.

Durch SMS-Schreiben: Der sensomotorische Cortex ist bei jungen Menschen um fast das Doppelte gewachsen.

Doch verarbeiten die „Digital Natives“ Informationen deshalb tatsächlich schneller? Tochter Anna Finco jedenfalls, kann es vor dem PC gar nicht schnell genug gehen: „Also bei uns ist es so, dass der Computer langsamer ist als ich, ich würde gern viel mehr Sachen auf einmal machen noch, obwohl ich schon YouTube, meistens noch ne Word-Datei, ICQ, also sämtliche Chat-Programme und Internetspiele nebeneinander offen habe“, beschreibt sie ihr Mediennutzungsverhalten. Trotzdem ist sie letztendlich genau so wenig multitaskingfähig wie ihr Vater. Darin unterscheiden sich die „Digital Natives“ nämlich kein bisschen von der Generation ihrer Eltern, meinen die Forscher. Im Gegensatz zu seiner Tochter schätze die Generation der Eltern ihre Fähigkeiten nur etwas realistischer ein. Vater Guiseppe Finco jedenfalls hält nicht viel vom Multitasking: „Ich bin ganz sicher, ich bin nicht multitaskingfähig. In meinem Job bediene ich üblicherweise 3-4 Programme. Die sind zwar gleichzeitig geöffnet, aber ich kann ja nicht mit vier Programmen gleichzeitig arbeiten.“

Multitasking – Fähigkeit oder Illusion?

Das Vater Finco sicher ist das nicht zu können, ist kein Wunder. Denn niemand ist wirklich multitaskingfähig, sagen die Gehirnforscher. Eingehende Emails zum Beispiel bringen uns aus dem Konzept, bestätigt auch Gerald Hüther: „Also unser Gehirn funktioniert nicht wie ein Computer. Computer können auch 25 Bilder gleichzeitig aufmachen. Wir müssen uns aber mit unserer Aufmerksamkeit immer auf eines fokussieren, und damit man das kann müssen wir sogar relativ viel Kraft aufwenden alle anderen Störimpulse auszublenden.“

Zwischen Chatrooms, Skype und Excel

Das überfordert den Arbeitsspeicher jedes Gehirns. Dazu kommt: Wer zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbringt, verliert soziale Fähigkeiten. Die Kommunikationskultur hat sich verändert, und das nicht etwa zu ihrem Vorteil, findet zumindest Mutter Bettina Finco: “Wenn wir früher Freunde hatten, dann sind wir rausgegangen haben uns dort mit denen getroffen, haben von Angesicht zu Angesicht mit denen gesprochen. Heute ist es ja so, was ich ja mitkriege, dass viele Kinder zuhause sitzen für sich alleine und tippen irgendetwas ein.“

Auch die Hirnforscher warnen: Insbesondere wenn Kindern und Jugendliche zu viel Zeit im Chat verbringen, verkümmern Hirnregionen die Mimik und Gestik entschlüsseln. Und nicht nur das. „Wenn ich fünf Stunden am Tag vor dem Computer sitze kann ich zum Beispiel nicht auf Bäume klettern, ich kann meinen Körper nicht bewegen“, erklärt Neurobiologe Gerald Hüther. „Und deshalb wäre es wichtig, dass wir unseren Kindern einfach deutlich machen; für eine Zukunftsfähigkeit ist es großartig wenn man die modernen Medien wunderbar benutzen kann, aber es ist gleichermaßen wichtig, dass man mit anderen Menschen Konflikte lösen kann, dass man seinen eigenen Körper noch beherrscht und wenn das alles gleichgewichtig passiert sind diese modernen Medien ein wunderbares Instrument.“

Virtuell oder real – auf die Mischung kommt es an

Forscher wie Gerald Hüther plädieren deshalb für ein ausgewogenes Verhältnis digitaler und realer Alltagsbeschäftigungen, bei dem direkte Kontakte und Gespräche ebenso einen festen Platz haben, wie körperliche Bewegung. Die Mischung macht’s. Gut also, dass Familie Finco im echten Leben genau so zuhause ist, wie in der virtuellen Welt.