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SENDETERMIN Do, 27.1.2011 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Hypnose statt Vollnarkose

Ungewöhnliche Methoden in der Medizin

An der Uniklinik Lüttich in Belgien bereitet die Anästhesistin Prof. Marie-Elisabeth Faymonville die nächste Operation vor: „Die Sicherheitsvorrichtungen müssen genau die gleichen sein wie bei einer Vollnarkose.“ Doch statt mit Vollnarkose soll die Patientin ihre OP mit Hilfe einer hypnotischen Trance überstehen. Ihr Kiefer muss geöffnet werden. In anderen Kliniken würde sie jetzt künstlich in den Tiefschlaf versetzt werden. Hier nicht, stattdessen beginnt die Hypnose.

Schweigen im OP

Anästhesistin mit Mundschutz und grüner Schutzkleidung sitzt vor einem Radio-CD-Rekorder, der in einem OP-Saal steht

Hypnosedierung: Nur die Stimme der Anästhesistin und Musik aus dem Rekorder sind im OP-Saal zu hören.

Außer der Anästhesistin redet niemand, auch während der ganzen OP nicht. Zusätzlich zur Hypnose bekommt die Patientin nur Mittel gegen Schmerzen. Anders als bei der Vollnarkose wird sie nicht künstlich beatmet, die Schläuche geben zusätzlich Sauerstoff. Vor allem aber: Während der gesamten OP wird sie bei Bewusstsein bleiben. Hypnosedierung – so heißt die Methode im Fachjargon – wird an der Uniklinik Lüttich bei ganz unterschiedlichen Operationen angewandt wie Prof. Faymonville erklärt: „Die Schilddrüse und die Brust kann operiert werden oder ästhetische Chirurgie wie Lifting kann auch ganz einfach unter Hypnosedation gemacht werden.“ Die Orthopädie im Augen- oder auch in dem Nasenbereich eignet sich ebenfalls.

Weniger Belastung für den Körper

OP Tisch mit verhüllter Patientin und drumherum stehenden Ärzten und Pflegern, während Anästhesistin die Patienten genau beobachtet.

Immer im Blick: Anästhesistin beobachtet die Atmung der Patientin.

Eine halbe Stunde nach OP-Beginn beobachtet Prof. Faymonville, dass ihre Patientin schneller atmet. Das bedeutet, sie braucht mehr Sauerstoff. Das Team muss Hektik vermeiden, um die Patientin nicht zu beunruhigen. Ein Wechsel zur Vollnarkose wird aber nicht nötig. Für Prof. Faymonvilles Patienten hat eine OP unter Hypnose Vorteile. Zum einen vermeiden sie Gedächtnisstörungen, unter denen manche nach einer Vollnarkose leiden, besonders ältere Menschen. Insgesamt gibt es weniger Komplikationen und die Patienten nehmen ihre Arbeit früher wieder auf, bei Schilddrüsen-OPs ganze 13 Tage früher.

Bisher noch wenig Praxis

Trotzdem wird die Hypnosedierung außerhalb Lüttichs wenig genutzt. Die Anästhesistin glaubt, das liegt auch an der Umstellung für die Ärzte: „Das kann Ärzte, die gewohnt waren, während der Vollnarkose zu reden […] ungewohnt vorkommen, dass sie sich nur auf die Arbeit konzentrieren müssen. Und deshalb ist es auch schwierig in manchen Teams diese Technik anzuwenden. Das ist wirklich eine Teamarbeit, bei der Schwestern, Chirurgen und Anästhesisten im Interesse des Patienten zusammenarbeiten.“

Bewusste Entscheidung für Hypnose

Nach anderthalb Stunden neigt sich die OP dem Ende. Die Patientin ist begeistert. Prof. Faymonville wundert das nicht: „Das kommt sehr oft vor, dass die Patienten stolz sind, dass sie auch etwas geleistet haben. Das ist auch ein Vorteil. Sie haben mitgearbeitet. Ist Hypnosedierung besser als Vollnarkose? Faymonvilles Patientin würde das sicher bejahen. Immerhin hatte sie vor der OP die Wahl selbst zu entscheiden, zwischen Vollnarkose oder Hypnose.

Hypnose an deutschen Kliniken

In Deutschland arbeiten die Unikliniken Regensburg und Tübingen mit vergleichbaren Methoden, vor allem bei Wachkraniotomien. Beispielsweise Einpflanzen eines Hirnschrittmachers, bei dem der Patient mit Parkinson, zwischendurch immer wieder bei Bewusstsein sein muss. Dort nennt man es aber nicht „Hypnose“, sondern „hypnotische Kommunikation“. Die Ärzte nutzen die Hypnose-Techniken, verzichten aber auf eine formale Hypnose-„Induktion“.