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SENDETERMIN Do, 18.2.2010 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Macht Ernährung gewalttätig?

Eigentlich ist Polmont ein ganz gewöhnliches Dorf in Schottland, aber: Berühmt ist es durch seinen Knast. Über 700 junge Männer sitzen hier ein. Die meisten von ihnen aus einem Grund. „Ich bin seit zwei Jahren hier und habe noch vier vor mir wegen Körperverletzung“ sagt einer der jungen Straftäter. Auch innerhalb der Gefängnismauern ist die Gewaltbereitschaft extrem groß – kein leichter Job für die Gefängniswärter. „In den letzten Wochen hatten wir vier schwere Körperverletzungen. Gewalt passiert hier mehr als einmal am Tag“ meint Derek Mc Gill, Gefängnis-Direktor von Polmont. An keinem anderen Ort in Schottland findet sich soviel Gewalt wie hier.

Ideale Forschungsbedingungen für Bernard Gesch. Er ist Wissenschaftler an der Universität Oxford. Im Gefängnis von Polmont will er seine Theorie in der Praxis überprüfen.

Essen und Gewalt - ein Zusammenhang?

Junge Gefangene in roter Sträflingskleidung sitzen an Gruppentischen zusammen und essen

Versuch: Kann gesunde Ernährung das Aggressionspotential verringern?

Er glaubt, dass die Gewaltbereitschaft der jungen Männer mit ihrer Ernährung zusammenhängt: „Wir haben in englischen Gefängnissen geforscht und haben untersucht, was die Häftlinge dort essen. Wir haben herausgefunden, dass viele von Ihnen eine schlechte Ernährung haben. Vor allem, weil sie gar kein gesundes Essen kannten. Als wir dann die Ernährung geändert haben, entdeckten wir plötzlich, dass viele von Ihnen bedeutend weniger Straftaten begingen. Die Anzahl schwerer Vergehen sank um 37 Prozent!“ Ein fast unglaubliches Ergebnis! Erstmals wird ein Zusammenhang von Ernährung und Gewalt derart sichtbar. Doch was passiert da im Körper?

Zusatz-Diät gegen Aggression

Kleine unscheinbare Packungen sollen helfen, das zu klären: Pillen mit einer Spezialdiät. Christine Galloway gehört zum Team der Universität Oxford. Sie wird einzelne Gefangene mit der Zusatz-Diät versorgen. Die normale Gefängniskost ist nicht ausgewogen. Kein Wunder, denn pro Häftling und Tag stehen nicht einmal drei Euro fürs Essen zur Verfügung. Die Dragees der Wissenschafter aus Oxford enthalten ungesättigte Fettsäuren, Mineralien und Vitamine. Doch manche Packungen enthalten keine der wertvollen Nährstoffe. Sie sind Placebos. Weder der Gefangene, noch die Forscher wissen, was verabreicht wird. So kann das Ergebnis nicht verfälscht werden. Doch wie sollen einfache Vitamin-Pillen das Verhalten von Straftätern beeinflussen? „Naja, die Antwort ist recht einfach“ meint Bernard Gesch „Unser Gehirn ist ein Organ, das wie jeder andere Teil des Körpers Nahrung braucht, um zu funktionieren. Das Gehirn ist sogar ein Sonderfall. Es benötigt sehr viel Energie. Gut 20 Prozent des Essens dienen seiner Funktion. So gesehen hat unsere Ernährung einen direkten Einfluss auf die Leistungen unserer Gehirns.“

Timmy ist bereits seit ein paar Monaten Teilnehmer an der Ernährungsstudie. Wie bekommen ihm die Nährstoffe? Hat er schon eine Veränderung an sich bemerken können? „Ich werde nicht mehr so wütend wie früher“ sagt er, „beruhige mich schneller, gerate nicht in Schwierigkeiten, in der Schule läuft es auch besser“. Das ist sein Eindruck! Aber lässt sich die Psyche durch Ernährung objektiv messbar beeinflussen? Psycho-Tests werden durchgeführt. Reagieren die Häftlinge unter der Diät gelassener, weniger aggressiv? Wenn ja, hätte das enorme Auswirkungen. Schließlich ist schlechtes Essen auch außerhalb der Gefängnismauern in vielen Kreisen verbreitet.

Vitamine satt Fast-Food

Junger Strafgefangener nimmt eine Vitaminpille ein

Vitaminpillen gegen Aggression

„Ich denke, das Essen hat einen Einfluss auf unser Verhalten“ so Christine Galloway. „Ich habe mit psychisch Kranken draußen gearbeitet bevor ich hier herkam und da habe ich den Einfluss von schlechter Ernährung auf die Psyche ebenso feststellen können. Ich denke, das ist direkt vergleichbar.“

Das Essen in der Gefängnisküche ist zwar nicht wirklich ungesund, aber für Bernard Gesch einfach nicht gesund genug. Es ist an den Geschmack angepasst, den die Häftlinge von draußen mitgebracht haben: Fast Food und „fettiges Zeug“ wie sie sagen. Tragische Ernährungsgewohnheiten, denn selbst wenn ihnen einmal Obst und Gemüse angeboten werden, verschmähen die meisten Insassen gesundes Essen. Und doch will der Direktor Derek Mc Gill nicht aufgeben, die Ernährung seiner über 700 Gefangenen zu verbessern: „Es ist ja so, dass das ein Gewinn nicht nur für das Gefängnis hier wäre. Wir könnten das ganze auch viel jüngeren Leuten anbieten, etwa in Schulen. Und wenn auch in Schulen eine Verhaltensänderung sichtbar wird, dann könnte das junge Leute davor bewahren, hierher kommen zu müssen.“

Leiden durch Ernährungsumstellung vermeiden

Die Gefängnisstudie weist auf ein großes soziales Problem hin, das in Wirklichkeit außerhalb der Gefängnismauern seine Wurzeln hat. „Wenn wir Recht haben, ich bin Wissenschafter, deshalb sage ich ganz bewusst „wenn“ wir recht haben – denn wir müssen das Ganze schließlich noch weiter in Studien belegen. Dann können wir unbeschreibliches Leiden verhindern“ hofft Bernard Gesch. Leiden, das womöglich durch falsche Ernährung mitverursacht wurde. „Das einzige Risiko bei der ganzen Sache ist ein gesünderes Leben und das ist doch für alle ein Gewinn“ meint Gesch.

Die Lösung der Forscher klingt einfach: Essen gegen Aggression. Doch noch sind viele Fragen offen.