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SENDETERMIN Do, 8.10.2009 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

PR-Maschine Grünes Kreuz?

Das Deutsche Grüne Kreuz, laut eigenen Angaben die älteste Vereinigung für Gesundheitsvorsorge, betreibt gezielte Medienarbeit und zahlreiche Informationskampagnen. Bei unseren Recherchen über die ökonomischen Verstrickungen und Abhängigkeiten im Gesundheitswesen haben wir uns diesen eingetragenen Verein etwas genauer angeschaut. Er ist, so sagen die Verantwortlichen, „unabhängig und keiner politischen, religiösen oder kommerziellen Gruppe verpflichtet.“ Bei uns sind Zweifel aufgekommen, was die Unabhängigkeit von kommerziellen Interessen betrifft.

Kaffee, frisch gebrüht, ist ein Genuss. Er schmeckt lecker, und – Überraschung! – soll auch total gesund sein. Kaffee soll vor Alzheimer schützen, vor Leberschäden, vor Krebs, vor Diabetes. Und so weiter und so fort.

Die Nachricht vom gesunden Kaffee

Mann vor Laptop trinkt einen Kaffee

Kaffee soll vor Alzheimer und Diabetes schützen, behauptet das Grüne Kreuz.

Wenn Ihnen das Ihr Kaffee-Händler erzählen würde, wären Sie wohl etwas misstrauisch. Aber diese „guten Nachrichten“ verbreitet das Deutsche Grüne Kreuz, ein gemeinnütziger Verein. An dessen erfolgreiche Kampagne „Schluckimpfung ist süß – Kinderlähmung ist grausam“, erinnern Sie sich sicher noch. Ein vertrauenswürdiger Verein also?

Die Kaffee-Informationen des Grünen Kreuzes haben zahlreiche Zeitungen und Online-Dienste übernommen. Es gibt sogar eine Broschüre extra für Ärzte. Auch darin wird die gesunde Wirkung des Kaffees beschworen und zahlreiche wissenschaftliche Studien werden als Beleg angeführt. Das klingt sehr glaubwürdig.

Wir fragen einen Experten, was von den „guten Kaffee-Nachrichten“ zu halten ist. Wolfgang Becker-Brüser ist Arzt und Apotheker. Er hat sich die Broschüre des DGK genau angesehen: „Es wird behauptet, dass Kaffee einen Nutzen hat, vorbeugend, gegen viele Erkrankungen, und zwar chronische Erkrankungen, die viele Menschen haben. Zum Beispiel Diabetes Mellitus, Alzheimer oder auch Parkinson. Und die Basis, auf der dies behauptet wird, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Ich denke, das ist mehr oder weniger eine Werbebroschüre für die Kaffeeindustrie.“

Keine inhaltliche Einflußnahme?

Das Deutsche Grüne Kreuz wirbt für Kaffee? Einfach so? Oder steckt dahinter der Kaffeeverband? Wer danach sucht, findet einen Hinweis auf die „fachliche Unterstützung“ des Verbandes. Aber kein Wort darüber, dass auch Geld geflossen ist. Mindestens 80.000 Euro. Auf Nachfrage räumt das DGK uns gegenüber schriftlich ein, dass seine Leistungen vergütet wurden und betont, Zitat: „Eine inhaltliche Einflussnahme hat es zu keinem Zeitpunkt gegeben.“ Ein Interview bekommen wir allerdings nicht.

Die Mär vom ungefährlichen Passivrauchen

Inzwischen unbestritten: Passivrauchen schädigt auch die Gesundheit.

Inzwischen unbestritten: Passivrauchen schädigt auch die Gesundheit.

Das Deutsche Grüne Kreuz macht sich auch für andere Produkte stark. So hat es sich in der Vergangenheit sogar vor den Karren der Tabakindustrie spannen lassen. 1991 wurde ein Heft veröffentlicht, in dem zahlreiche von der Tabakindustrie finanzierte Wissenschaftler die Gefahren des Passivrauchens bezweifeln. Zusammengetragen im Auftrag des Deutschen Grünen Kreuzes.

Die zentrale Botschaft: Passivrauchen ist ungefährlich! Dabei war auch damals schon klar: das stimmt nicht. Das Deutsche Grüne Kreuz hat zumindest bis Anfang der 90er Jahre dazu beigetragen, die Mär vom harmlosen Passivrauchen unters Volk zu bringen.

Davon will man heute beim DGK nichts mehr wissen. Schriftlich heißt es uns gegenüber, Zitat: „Das DGK hat sich zu dieser Thematik geäußert, doch nie eine Kampagne dazu durchgeführt.“ Und weiter: „Zahlungen von Seiten der Tabakhersteller (...) sind (...) nicht erfolgt.“ Erstaunlich. Denn das DGK hat sich sein Engagement damals einiges kosten lassen. In dem Protokoll einer Mitgliederversammlung des Vereins sind aufgeführt: Ausgaben von über 106.000 DM für einen Kongress über Passivrauchen.

Familienimperium

Schon damals in verantwortlicher Position war Hans Freiherr von Stackelberg, Vorstand und Geschäftsführer des DGK. Er hat den gemeinnützigen Verein zu einem gewinnträchtigen Unternehmen umgebaut. Einem kleinen Familienimperium mit zahlreichen Tochterunternehmen.

Beim Verein ist Hans von Stackelberg: Geschäftsführer. Dem Verein gehört die DGK Förderergesellschaft. Jahresumsatz: 9 Millionen Euro. Geschäftsführer: Hans von Stackelberg. Für die Kampagnen gibt es eine eigene Werbeagentur: die Medialog. Geschäftsführung: Hans von Stackelberg und: seine Frau Barbara. Die Firma gehört mehrheitlich ihm.

Fachwerkhaus in Marburger Innenstadt

Der Stammsitz des Grünen Kreuzes in Marburg.

Für das Buchgeschäft hat das DGK den Verlag im Kilian. Chefin: Barbara von Stackelberg, der die Firma auch mehrheitlich gehört. Die „Technik-Tochter“ des Vereins, Pro Preventa, sorgt für Software und Internetauftritte. Geschäftsführer: Sohn Daniel von Stackelberg, dem die Firma mit Vater Hans auch mehrheitlich gehört. Für den Vertrieb gibt es noch die DGK Service. Chef: Hans von Stackelberg. Eigentümer: mehrheitlich der Verlag im Kilian.

Für einen gemeinnützigen Verein eine interessante Firmenkonstruktion. Zumal die von Stackelbergs auch in der Schweiz aktiv sind: bei Pharmadienstleistern und Impfstoff-Firmen. Auf Anfrage räumt Hans von Stackelberg schriftlich ein, Zitat: „Eine klare Trennung zwischen den Tochterfirmen und dem Verein ist nur von Fall zu Fall möglich.“

Besonders stolz ist das Deutsche Grüne Kreuz auf seine zahlreichen Presse- und Informationsdienste. Die sind, so der Verein auf seiner Homepage, „(...) die am meisten nachgedruckten Gesundheitsinformationen im Bundesgebiet.“

Verdeckte Werbeagentur?

Uns liegt ein internes Konzept des DGK und seiner Tochterfirma Medialog vor. Darin wird den Kunden unter anderem angeboten, sich in die Pressedienste des DGK einzukaufen. Kosten für fünf Beiträge im Jahr: 10.000 Euro. Oder in die Gesundheitskolumne, die laut Eigenangaben Millionen Leser erreicht. Zwei Kolumnen: 4.000 Euro.

Eine ehemalige Mitarbeiterin des DGK berichtet uns von ihren Erfahrungen: »Als ich dort anfing, dachte ich, ich arbeite für einen gemeinnützigen Verein. Doch schnell wurde mir klar, das ist ja eine Werbeagentur. Wir sind zum Kunden gefahren. Der Kunde hat auf alles direkt Einfluss genommen. Jedes Bild, jeder Text musste vom Kunden freigegeben werden. Unabhängige Informationen gab es nicht.« Dies sei unrichtig, so das DGK uns gegenüber.

Unabhängigkeit wird bezweifelt

Wolfgang Becker-Brüser vom arznei-telegramm sieht das DGK dennoch kritisch. Seine persönliche Schlussfolgerung: „Für mich ist das Deutsche Grüne Kreuz der verlängerte Arm von Pharmafirmen, von Nahrungsergänzungsmittelanbietern und ähnlichen Firmen. Von Unabhängigkeit kann ich eigentlich nicht reden, wenn man in Betracht zieht, dass diese Firma für Geld Empfehlungen abgibt und dass letztendlich die Verbraucher auch getäuscht werden, weil ja nicht klar wird bei diesen Empfehlungen, dass dafür Firmen bezahlen und welche Beträge da über den Tisch gehen. Ich denke, das hat mit Gemeinnützigkeit nach meiner Auffassung nichts zu tun.“

Laut Satzung ist das DGK neutral, unabhängig und selbstlos. Wie das Vorgehen des Vereins und seiner Tochterfirmen dazu passen soll, bleibt vorerst das Geheimnis von Hans von Stackelberg.