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SENDETERMIN Do, 26.8.2010 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Soteria - Alternative Psychiatrie

Forschungsergebnisse aus jüngerer Zeit zeigen deutlich, dass Pillen alleine psychisch erkrankten Menschen nicht helfen. Trotzdem gelten psychotherapeutische Ansätze in der Psychiatrie noch immer als Mittel zweiter Wahl. Ihre Wirkung wird oft unterschätzt und belächelt, oder allenfalls als „ergänzende Maßnahme“ zur Behandlung mit Psychopharmaka begriffen. Dass es auch anders geht, zeigt das alternative Psychiatriekonzept „Soteria“. Der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Rettung, Sicherheit, Geborgenheit - und genau darum geht es.

Mehrstöckiges Haus mit Garten, in Menschen spielen mit einem Ball

Soteria Zweifalten: Therapie in einer Gruppe.

Die Soteria Zwiefalten ist eine von zwei psychiatrischen Stationen mit dem deutschlandweit einzigartigen Therapiekonzept. In einer alten Villa mit Garten leben Patienten und Betreuer in einer Art Wohngemeinschaft zusammen. Eine von ihnen ist Sarah. Wer die junge Frau heute beim fröhlichen Ballspiel mit ihren Mitbewohnern sieht, glaubt kaum, dass es ihr vor kurzem noch sehr schlecht ging. Dass sie in der Soteria Zwiefalten einen Platz bekam, hat ihr wahrscheinlich das Leben gerettet.

Trauma Psychiatrie

Neben zwei heftigen psychotischen Episoden liegt auch eine schlimme Zeit in der Psychiatrie hinter ihr: „Ich war 22, als ich das erste Mal in die Psychiatrie gekommen bin. Das hat sich dann so ein bisschen angefühlt wie im Film, auch diese kahlen Gänge und dieses Anonyme und Isolierte. Und dieses Gefühl, dass da zwar Pfleger rumlaufen, sich aber nicht wirklich zuständig fühlen. Letztendlich haben sie mir nur Medikamente gegeben, aber nicht wirklich mit einem gesprochen oder so. Und die ersten Tage war ich halt dann wirklich so ein bisschen in einem Schockzustand, weil - ich wusste ich bin in der Psychiatrie und hab gar nicht so genau verstanden warum. Weil ich gar nicht verstanden habe, dass ich krank bin.“

Mit Ängsten alleine gelassen

Niemand erklärte ihr zunächst, dass die Stimmen in ihrem Kopf nicht real waren. In ihrer Angst wollte Sarah die Station verlassen, denn dort ging es ihr schlechter als zuvor. Wie vielen Psychiatriepatienten drohte auch ihr eine zusätzliche Traumatisierung, bedingt durch die äußeren Umstände und die Atmosphäre der Klinik: Mit ihren Ängsten wurde sie weitgehend alleingelassen, Entscheidungen zur Behandlung traf man über ihren Kopf hinweg. Das erlebte sie als besonders belastend: „Das Schlimmste für mich war dann ein Gespräch mit einem Arzt, der einfach so entschieden hat, dass ich noch bleiben muss, ohne irgendeine Erklärung oder irgendwas. Und meine größte Angst war die, dass ich dort bleiben muss und gar nicht mehr rauskomme.“

Soteria – ein alternativer Ansatz

Dass Psychiatrie auch ganz anders aussehen kann, erfuhr Sarah zwei Monate später. In der Zwiefaltener Soteria hat sie wieder neuen Lebensmut geschöpft. Anders als in der traditionellen Psychiatrie werden Patienten dort intensiv therapeutisch begleitet. Offene Gespräche und eine freundliche Umgebung statt Klinikatmosphäre. Denn genau die trägt sonst oft dazu bei, dass sich die Symptome der Psychose eher verschlimmern können.

„Zu Traumatisierungen in der Psychiatrie kann es kommen, wenn die Patienten zum Beispiel gegen ihren Willen hier eingeliefert werden, wenn auch Zwangsmaßnahmen notwendig sind. Das versuchen wir durch das Konzept der Soteria möglichst zu vermeiden, indem die Patienten von vorneherein in ein Milieu kommen das möglichst viel Geborgenheit, Sicherheit vermittelt. Der Ursprung dieses Konzepts stammt aus der Antipsychiatriebewegung in den USA in den 60er, 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, wo zunehmend Unzufriedenheit entstand mit einer ausschließlichen Behandlung durch Psychopharmaka“, erklärt Soteria-Chefarzt Dr. Hans Renz.

Denn dass Pillen alleine nicht heilen, zeigen in letzter Zeit auch immer wieder Forschungsergebnisse zur Wirkung von Psychopharmaka und Psychotherapie. Psychisch kranke Menschen brauchen auch soziale Beziehungen. In der Soteria begleiten Psychologen, Pfleger und Ärzte ihre Patienten und sind aktiv für sie da.

Normalität im Alltag erleben

Menschen sitzen am Tisch und essen

Gemeinsame Mahlzeiten in der Gruppe.

Dieses Prinzip der Soteria besteht seit den Anfangszeiten. Auch wenn sich das Gesamtkonzept seitdem weiterentwickelt und verändert hat, sind einige Grundzüge bis heute di eselben geblieben. Dazu gehört der so genannte „milieutherapeutische Ansatz“: Ähnlich wie in einer Wohngemeinschaft kocht man zum Beispiel täglich gemeinsam und verbringt den Alltag Seite an Seite. Durch dieses Erlebnis von Normalität im täglichen Zusammenleben finden Patienten wie Sarah ganz selbstverständlich in die Realität zurück. Jeder übernimmt ein kleines Stück Verantwortung und tritt in Kontakt mit anderen. Dabei sind zwei Pfleger rund um die Uhr für maximal acht bis zehn Patienten da.

Durch diesen Ansatz ist für die Patienten immer jeweils eine ihrer Bezugspersonen ansprechbar. Was das genau heißt, erklärt Pfleger Josef Kienle so: „Der milieutherapeutische Ansatz bedeutet praktisch, dass jeder Bewohner (...) zwei Bezugspersonen kriegt, das heißt zwei Mitarbeiter, die fest für ihn zuständig sind. Von der Aufnahme bis zur Entlassung sind das feste Personen, mit denen man einfach über alles reden kann. Themen sind offen. Es gibt geplante Kontakte, aber auch absolut spontane Kontakte - beim Kartoffeln schälen in der Küche oder nachts, wenn jemand einfach Angst hat oder eine Not- oder Krisensituation hat.“

Mehr als nur Pillen verordnen

Zusätzlich tragen die ganz alltäglichen Kontakte untereinander zur Stabilisierung der Psyche bei. Dank dieses Umfelds konnte Sarah - wie viele in der Soteria Zwiefalten - ihre Medikamente reduzieren. Zum ersten Mal bekam die junge Frau Tabletten nicht über ihren Kopf hinweg verordnet. Die engmaschige Begleitung ermöglicht es, Psychopharmaka niedrig zu dosieren oder ganz darauf zu verzichten. Eine individuelle Therapie, die sich an den Bedürfnissen des Menschen orientiert.

Darin sieht Chefarzt Dr. Hans Renz die besondere Chance der Behandlung: „Der übliche Weg in der Psychiatrie ist eben häufig, dass die medikamentöse Behandlung ganz klare Priorität hat, obwohl wir wissen, dass Psychopharmaka alleine den Behandlungserfolg nicht garantieren. Das versuchen wir hier anders zu machen. Gerade speziell bei dem Thema Medikamente ist es so, dass der Patient zusammen mit dem Therapeuten entscheidet: nehme ich Medikamente, nehme ich keine Medikamente, wie viele Medikamente nehme ich.“

Viele Soteria-Patienten entscheiden sich auf dieser Basis freiwillig für Medikamente, haben durch die intensive therapeutische Begleitung aber meist bessere Chancen, mit ihrer Erkrankung auch dauerhaft zurecht zu kommen. Die alleinige Medikamentenbehandlung, so zeigt auch die Erfahrung von Hans Renz aus den anderen psychiatrischen Stationen der Zwiefaltener Klinik, ist demgegenüber langfristig nicht so erfolgversprechend.

Behandlung auf Vertrauensbasis

Gerade die intensive therapeutische Begleitung gibt den Patienten mehr Spielraum für eigene Entscheidungen. So viel Freiraum und Selbstbestimmung schafft Vertrauen. Auch wenn sich Sarah schließlich für Medikamente entschieden hat, steht sie dieses Mal dazu – gerade weil es ihre eigene Entscheidung war. Und anders als in der klassischen Psychiatrie hat sie in der Soteria zudem einen neuen Umgang mit der Krankheit gelernt: „Ich hab mich hier sehr schnell eingelebt und hab mich dann auch sehr schnell wohl gefühlt. Ich hab gemerkt, dass die schon eine sehr lange Erfahrung haben, was Psychosen betrifft und wissen wovon sie reden. Sie geben sich echt Mühe, im Gespräch auf einen einzugehen und nachzuvollziehen was jetzt genau deine Angst ist, damit sie dann mit dir darüber reden können. Und es ist einfach dieses Gefühl: wenn ich das nächste Mal in eine Psychose rutsche, weiß ich, ich kann hierher kommen und fühl mich dann aufgehoben.“

Zufriedenere Patienten - kaum Mehrkosten

Die Soteria überzeugt nicht nur Sarah. Auch andere Stationen der Zwiefaltener Psychiatrie übernehmen bereits einige Elemente des Konzepts. Deutschlandweit hat es sich bisher allerdings kaum durchgesetzt. Noch gibt es in der traditionellen Psychiatrie zu viele Vorurteile, bemerkt Chefarzt Hans Renz: „Die Hauptvorurteile rühren daher, dass wir nicht so medikamentenorientiert arbeiten wie in der klassischen Psychiatrie. Ein zweites Vorurteil ist, dass es zu teuer ist, was so nicht stimmt. Das sind ungefähr zehn Prozent Mehrkosten, die wir im Vergleich mit unseren anderen Stationen hier haben.“

Praktikables Alternativkonzept

Finanziell können sich größere psychiatrische Kliniken solche Stationen ohne weiteres leisten, da ist sich Hans Renz sicher. Zudem lassen sich Elemente des Konzepts, wie Rückzugsräume für Patienten und lebenspraktische Trainingseinheiten im Alltag, ohne Mehrkosten in den Klinikalltag integrieren. Das alternative Psychiatriekonzept ist also sowohl praktikabel als auch erfolgreich. Das bestätigen Umfragen zur Zufriedenheit der Patienten und Behandlungserfolge. Entlassene Patienten setzen die Behandlung fast immer ambulant fort und reagieren aufmerksam auf Alarmsignale für eventuelle Rückfälle, so dass sie ihr Leben in Zukunft besser meistern können.

Eine große Chance auch für Sarah. Sie steht nach ihrer Entlassung nun wieder mitten im Leben, trifft sich mit Freunden und ist in eine Wohngemeinschaft gezogen. Demnächst will sie ihr Abitur nachholen.