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SENDETERMIN Do, 26.8.2010 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Perspektiven moderner Psychiatrie

Was passiert eigentlich bei einer seelischen Störung im Gehirn? Und welche Methoden können wirklich helfen? Diesen und anderen Fragen geht man am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim nach. Das ZI ist nicht nur eine psychiatrische Klinik, sondern auch eine renommierte Forschungseinrichtung.

Psychiatrie als High-Tech-Labor: Genforscher suchen nach erblich bedingten Krankheitsursachen, Neurowissenschaftler studieren Aufnahmen des Kernspintomographen. Offenbaren sich in den Schnappschüssen von Hirnaktivitäten die Geheimnisse der erkrankten Seele? Die Sehnsucht der Forscher, mit ihrem Maschinenpark die Biologie der Psyche zu ergründen, ist überall spürbar.

Die Biologie der Psyche ergründen

Beispiel Suchterkrankungen: Um zu überprüfen, ob eine Therapie Erfolg hatte, testen die Forscher Patienten per „Neuroimaging“. Dabei beobachten sie die Gehirnaktivitäten, während die Patienten Bilder ihrer Droge sehen: Ein frisch gezapftes Bier, Rotwein oder Schnaps. Reagieren die Belohnungszentren im Hirn der Testperson immer noch stark auf die visuellen Reize, ist die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls hoch. „Das Gehirn lügt nicht“, lautet die Devise.

Neurowissenschaftler Professor Peter Kirsch ist vom Segen des Neuroimaging überzeugt: „Erst mal ist es, glaube ich, ziemlich genial, was da gerade passiert. Dass wir zum ersten Mal die Möglichkeit haben, quasi in den Kopf hineinzuschauen und dem Gehirn beim Arbeiten zuzusehen. Das ist ein Traum für Neurologen, Mediziner und Neurowissenschaftler, immer schon gewesen.“

Patienten mit Magnetspule über dem Kopf im Kernspintomographen

Blick ins Gehirn mit dem Kernspintomograph

Diese Einblicke sollen helfen, Suchtkranke zielgerichteter zu behandeln. Welcher Mix aus Therapie und Medikamenten wirkt bei welchem Patienten? Für die Betroffenen und deren Familien, so die Suchttherapeuten des ZI, sei es oft entlastend zu erfahren: Es gibt klare Bilder und Daten einer Erkrankung. Nach dem ersten Schock eine gute Verteidigung gegen den Vorwurf, man sei nur willenschwach. Das Problem wird erklärbar, wird medizinisch eingeordnet.

Hinweise in den Genen?

Nach gesichertem medizinischem Wissen streben auch die Genforscher: Immer schneller lassen sich Genvarianten analysieren. So wächst auch ständig das Wissen um erbliche Vorbelastungen. Die Psychiatrie ist auf dem „biologischen Trip“. Genforscherin Professor Marcella Rietschel: „Man spürt bei vielem: es ist eine biologische Ursache. Man spürt das richtig als Psychiater, vor allem wenn Sie schizophrene Patienten sehen. Und hier die biologischen Ursachen zu finden, das sind natürlich Aussichten, von denen wir träumen.“

Ins Visier der Forscher ist eine Genvariante geraten, die bei Schizophrenen sehr gehäuft auftritt – ist sie die Ursache der Erkrankung? Nicht nur, denn auch bei Gesunden kommt diese Variante vor. Die Genforscherin spricht mit dem Neurowissenschaftler, und der schaut den Trägern des verdächtigen Proteins per Neuroimaging ins Gehirn: Die Testpersonen müssen während der Kernspintomographie einfache Knobelaufgaben lösen. Dabei zeigt sich: Bei Trägern der Genvariante arbeiten auch bestimmte Hirnareale anders zusammen. Wieder ein Puzzlestein mehr.

Doch wie hängen Erbeigenschaft und Hirnaktivität zusammen? Unklar ist auch, welche Rolle Persönlichkeit und Umwelt spielen. Schließlich wird nicht jeder, der die Genvariante trägt, schizophren. Auf diese Fragen hat die biologisch orientierte Psychiatrie noch keine Antwort.

Verführerische Technik mit bunten Bildern

Doch die Euphorie über die Möglichkeiten der Maschinenwelt ist groß. Werden dadurch weniger technische Therapieformen verdrängt? Es ist verführerisch, „objektive“ Medizinpsychiatrie über scheinbar unwissenschaftliche Seelenklempnerei zu stellen. Im ZI möchte man nicht in solchen Gegensätzen denken. Achtsamkeitsübungen etwa sollen es den Patienten ermöglichen, die Umwelt ebenso offen wie konzentriert zu erleben. Im Rahmen einer Psychotherapie hilft diese Entspannungstechnik unter anderem Trauma-Patienten. Auch solche mentale Übungen und Psychotherapien verändern langfristig Strukturen im Gehirn. Sie können heilen. Psychologen wissen das, aber die medizinische Fraktion in der Psychiatrie hat dies lange bezweifelt. Doch die Lage ändert sich, seit mit Neuroimaging die Wirkung sanfter Therapien in Farbe gezeigt werden kann.

Eine wichtige Argumentationshilfe für Psychotherapeuten. Denn, so Prof. Christian Schmahl: „Auch wir müssen nachweisen, dass unsere Therapie erfolgreich ist, sonst wird sie vom Markt genommen. Das ist ganz selbstverständlich. Die Bildgebung und andere biologische Verfahren helfen uns dann zusätzlich, um sozusagen die Beweise noch zu sichern. Aber es ist nicht das Allheilmittel und wir können uns auch auf keinen Fall nur auf bunte Bilder verlassen und daran festmachen, dass es dem Patienten besser geht.“

Keine Dogmen

Die Forscher im ZI haben täglich mit den Erkrankten aus der angeschlossenen Klinik zu tun. Auch deshalb schauen sie über den Tellerrand ihrer eigenen Arbeit. Die übergeordnete Frage lautet immer: „Was hilft dem Patienten?“ Dogmatische Haltungen führen da meist in die Sackgasse, so die Erfahrung des Direktors Prof. Meyer- Lindenberg: „Ich denke wir sind sehr gut damit gefahren, dass wir auch diese Integration wollen. Wir wollen, dass die Leute miteinander reden, und auch, dass die Therapeuten mit den Forschern reden. Und es ist auch unsere Erfahrung als Institution, dass daraus immer Sachen entstehen, die wir uns nicht hätten träumen lassen.“

Bei allem technischen Fortschritt geht es auch darum, Offenheit und lebendigen Austausch zwischen den Disziplinen zu fördern. Darin liegen die eigentlichen Perspektiven für eine wirklich moderne Psychiatrie.