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SENDETERMIN Do, 12.8.2010 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Gefährliches Kunstlicht

Brustkrebs ist in Deutschland, wie in ganz Europa und in Nordamerika, der häufigste Krebs bei Frauen - er macht fast 30 Prozent der Krebserkrankungen aus. Das Erstaunliche: In den Industrieländern tritt Brustkrebs fünfmal häufiger auf als in weniger entwickelten Ländern. Genetische Unterschiede können nicht die Ursache sein. Denn wenn Frauen aus China, Westafrika oder Thailand in ein Industrieland auswandern, nimmt auch bei ihnen die Zahl der Brustkrebserkrankungen zu. Wissenschaftler suchen seit vielen Jahren weltweit nach den Ursachen.

Der amerikanische Krebsforscher Richard Stevens hatte eine beunruhigenden Vermutung: das viele künstliche Licht, das bei uns die Nacht zum Tag macht, könnte ein Faktor sein. Denn das Kunstlicht bringt den Hormonhaushalt unseres Körpers gewaltig durcheinander.

Ein begründeter Verdacht

Außenlaterne und hell erleuchtetes Fenster

Mit Kunstlicht wird die Nacht oft zum Tag.

„Andere Kollegen dachten: Das ist doch verrückt, wie kann Licht eine so schreckliche Krankheit wie Brustkrebs hervorrufen? Aber im Laufe der Jahre interessierten sich immer mehr Leute dafür, wie Licht unseren Alltag, unseren Schlafrhythmus und unser Hormonsystem verändern kann. Eben für alles, was im Zusammenhang mit der Zunahme von Brustkrebs stehen könnte. Inzwischen ist aus meiner Idee mehr geworden: ein begründeter Verdacht, dem nachgegangen werden muss“, erklärt der Wissenschaftler.

Es scheint, dass jenseits der Zapfen und Stäbchen, die in unseren Augen das Sehen ermöglichen, weitere Rezeptoren existieren, die offensichtlich über den Außenreiz Licht einen starken Einfluss auf unsere innere Uhr haben. Und damit auf die Produktion von Melatonin: „Melatonin ist ein kleines Molekül das im Gehirn entsteht. Es beeinflusst andere Hormone. Melatonin und Brustkrebs hängen so zusammen: Zum einen verlangsamt Melatonin das Wachstum von Tumoren. Zum anderen hemmt es die Produktion von Östrogenen. Wird weniger Melatonin gebildet, steigt also der Östrogenpegel. Und wir wissen, dass Östrogene eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Brustkrebs spielen", so der Krebsforscher.

Blinde Frauen bekommen weniger Brustkrebs

Wenn die Hypothese von Professor Richard Stevens stimmt, müssten blinde Menschen weniger Krebs bekommen. Und tatsächlich fanden Forscher heraus, dass blinde Frauen beispielsweise weniger häufiger an Brustkrebs erkranken als Sehende.

An der Medizinischen Hochschule von Harvard stieß Professor Stevens auf weitere Hinweise. Dort lagern Daten von 120.000 Krankenschwestern, die jedes Jahr Fragebögen zu ihrer Gesundheit ausfüllen. Vor allem bei Nachtschichten sind Krankenschwestern viel künstlichem Licht ausgesetzt. Stimmt die Hypothese von Professor Stevens, wäre ein erhöhtes Krebsrisiko die Folge.

Auch hier ist das Ergebnis eindeutig: Je öfter die Krankenschwestern nachts arbeiten, desto häufiger erkranken sie an Brustkrebs. Und eine Blutproben-Analyse von Krankenschwestern zeigte es ganz deutlich: Nachtschwestern haben deutlich weniger Melatonin, und mehr Brustkrebs fördernde Östrogene im Blut.

WHO warnt vor bestimmter Schichtarbeit

Zwei Schichtarbeiter am Montageband montieren einen Automotor

Schichtarbeiter leiden am verdrehten Tag-Nacht-Rhythmus.

Viel Kunstlicht während der Nacht bedeutet also weniger Melatonin und ein erhöhtes Krebsrisiko. Was lange nur die Hypothese eines amerikanischen Professors war scheint sich jetzt zu bestätigen. Im Oktober 2007 hat die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), bestimmte Formen von Schichtarbeit als wahrscheinlich krebserregend eingestuft.

Am Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Sozialhygiene der Uniklinik Köln wurden rund 30 weltweite Studien zum Thema Schichtarbeit und Krebs ausgewertet - mit bemerkenswerten Ergebnissen. Die Kölner Wissenschafter interessieren sich hierbei vor allem für den Zusammenhang zwischen externen Zeitgebern, insbesondere dem Licht, und der Möglichkeit, Krebs zu bekommen.

Flug- und Schichtpersonal haben höheres Krebsrisiko

Ein zentrales Ergebnis dieser so genannten Meta-Analysen (Auswertungen von Studienergebnissen zur gleichen Fragestellung) ist, dass sich bei den beiden untersuchten Studiengruppen, nämlich Flugpersonal und Schichtpersonal, eine statistisch signifikante Risikoerhöhung für Krebs zeigt. "Auch wenn die Erhöhung des Risikos nicht zu vergleichen ist mit beispielsweise der Risikoerhöhung beim Rauchen", wie der Arbeitsmediziner am Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Sozialhygiene, Dr. Thomas Erren, betont.

Bei Flugpersonal stellte sich ein um 70 Prozent höheres Brustkrebsrisiko heraus, für Prostatakrebs stieg das Risiko um 40 Prozent. "Ähnliche Ergebnisse erhielten wir bei Schichtpersonal", erklärt Privatdozent Thomas Erren. Die Erforschung der Hintergründe für das gestiegene Krebsrisiko bei Schichtarbeit ist relativ neu.

Blaues Licht unterdrückt Melatoninproduktion

PC-Bildschirm mit Spektrogramm des Lichtes

Blaues Licht unterdrückt die Melatonin-Produktion.

Die Ursache liegt vermutlich in der Art der Lichtquelle. Amerikanische Wissenschaftler um Professor Stevens fanden nämlich heraus: Vor allem blaues Licht, das in den meisten künstlichen Lichtquellen vorkommt, unterdrückt die Melatoninproduktion. Rot dagegen nicht. Doch ob das Licht allein die Wurzel des Übels ist, können die Wissenschaftler noch nicht endgültig sagen. Eine Rolle in der Krebsentwicklung kann auch die Art der Nahrung, die der Schichtarbeiter abends zu sich nimmt, spielen.

Doch für Thomas Erren ein ausreichender Grund, etwa in der Arbeitswelt bereits heute Änderungen einzuführen: "Das heißt: ungeachtet der gesicherten Ursachenkette, die wir momentan noch nicht kennen, gibt es auf jeden Fall einen Faktor, den wir bereits jetzt beeinflussen können: Licht." Er schlägt daher vor, die Licht-Dunkel-Verhältnisse für Schichtarbeiter dem natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus anzunähern, um die inneren Uhren schneller auf Nachtarbeit umzustellen. Das könnte einer vermuteten Bildung von Krebs möglicherweise vorbeugen.

Sind Melatonin-Tabletten sinnvoll?

Nachttischlampe und Bett

Das richtige Licht für einen gesunden Schlaf.

Die nächtliche „Lichtbeschallung“ ist also ein Risiko für unsere Gesundheit. Doch wer jetzt denkt, er könnte mit Melatonin-Tabletten sein Defizit ausgleichen, sei gewarnt. Denn, so der Arbeitsmediziner Thomas Erren: „Aus meiner Sicht ist Melatonin mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Schlüsselsubstanz. Aber eben nicht ausschließlich für diese Phänomene. Die Wechselwirkung etwa im Körper, auch mit anderen Substanzen, sind aus meiner Sicht viel zu wenig verstanden, als dass man Melatonin an dieser Stelle womöglich einsetzen kann.“

Etwas kann man allerdings auf jeden Fall für die nächtliche Lichthygiene tun: Nicht bei laufendem Fernseher einschlafen, oder das Gerät am besten ganz aus dem Schlafzimmer verbannen. Und auch die Nachttischlampe sollte vor dem Einschlafen ausgeschaltet werden.