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SENDETERMIN Do, 16.4.2009 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Alte Hausmittel: Honig

Sein guter Ruf als Hausmittel bei Erkältungen eilt ihm voraus: Seit fast 2.400 Jahre schwört man auf den Honig. Damals erklärte der Grieche Hippokrates den Honig zum Allheilmittel. Und tatsächlich: Ärzte setzen immer öfter einen ganz besonderen Honig ein – um Wunden zu heilen.

Der Onkologe Arne Simon von der Krebsstation der Bonner Universitäts-Kinderklinik, sammelt seit einigen Jahren überwiegend positive Erfahrungen mit dem so genannten „medizinischen Honig“. Vor allem in der Wundversorgung nach Operationen wird der als Medizinprodukt zugelassene Honig in der Klinik eingesetzt. Denn was die Wundversorgung anbelangt, zählen seine kleinen Patienten zur Hochrisikogruppe: Medikamente gegen Krebs, die so genannten Zytostatika, bremsen nicht nur die Vermehrung bösartiger Zellen, sondern stören auch die Wundheilung.

Wirksamer Bakterienkiller

Medizinischer Honig wird in Wunde gespritzt

Honig fördert die Wundheilung auch bei geschwächten Immunsystem

"Normalerweise heilt eine Hautverletzung in einer Woche. Bei den krebskranken Kindern dauert es oft einen Monat oder mehr", so Dr. Arne Simon. Gefährliche Wundkeime stören die Heilung. Die krebskranken Kinder haben zudem ein geschwächtes Immunsystem. Gelangt ein Krankheitskeim durch eine Wunde in die Blutbahn, kann daher eine tödliche Blutvergiftung die Folge sein. Um die Keime abzutöten, müssen die Patienten deshalb regelmäßig mit Antibiotika versorgt werden. Und das belastet den Körper zusätzlich.

Durch den Einsatz des medizinischen Honigs konnte der Antibiotika-Einsatz extrem gesenkt werden, so die Ärzte. Sogar multiresistenten Keimen, wie dem so genannten Krankenhauskeim MRSA, kann das Naturprodukt den Garaus machen.

Die Mischung macht's

Der eingesetzte medizinische Honig besteht aus zwei verschiedenen Honigsorten aus Neuseeland und Australien. Der australische Honig enthält große Mengen an „Wasserstoffperoxid“, welches antiseptisch auf die Bakterien wirkt. Die Bienen setzen bei der Produktion des Honigs ein Enzym namens Glucose-Oxidase hinzu. Dieses Enzym sorgt dafür, dass aus dem Zucker im Honig permanent in kleinen Mengen das „Wasserstoffperoxid“ entsteht. Allerdings gibt es auch ein Problem, so die Mediziner: Das Wundwasser verdünnt diesen Honig mit der Zeit, und so lässt die Wirkung schnell nach.

Darum kommt zusätzlich der Honig einer neuseeländischen Baumgattung, dem Manuka-Teebaum, zum Einsatz. Dieser Honig wirkt besonders stark antibakteriell - und das selbst noch in einer zehnprozentigen Verdünnung, so Dr. Arne Simon. Die genauen Wirkstoffe im neuseeländischen Honig waren bisher aber noch nicht eindeutig bekannt.

Methylglyoxal wirkt antibakteriell

Petrischale mit vier Keimproben

Methylglyoxal verhindert eine Vermehrung von Baktierien.

Um zu klären, was genau im neuseeländischen Teebaum-Honig wirkt, haben Dresdner Chemiker diesen Honig mit 100 einheimische Sorten verglichen und chemisch analysiert. Das Ergebnis erläutert Professor Thomas Henle: „Wir konnten ein Zuckerabbauprodukt mit dem Namen Methylglyoxal im Manuka-Honig finden. Wir konnten feststellen, dass Methylglyoxal unmittelbar für die antibakterielle Wirkung verantwortlich ist. Die antibakterielle Wirkung korreliert direkt mit dem Gehalt an Methylglyoxal. Methylglyoxal findet sich in keinem anderen Lebensmittel in annähernd vergleichbaren Konzentrationen.“

Aufgetragen auf Bakterienkulturen tötet der neuseeländische Honig die Mikroben ab. Einheimische Honigarten dagegen konnten das Bakterienwachstum nicht hemmen. Der Lebensmittelchemiker vermutet zwei mögliche Wirkmechanismen: „Einmal könnte Methylglyoxal die Bakterienzellwand zerstören – mit der Reaktion von bestimmten Eiweißstoffen. Und zum anderen kann Methylglyoxal in den Energiestoffwechsel der Bakterien eingreifen und den Energiestoffwechsel regelrecht lahm legen, und auf diese Art und Weise die Bakterienaktivität ausschalten.“

Bakterien entwickeln keine Resistenzen

Ein weiterer Vorteil: Die Wissenschaftler konnten keine Resistenz gegen die Honigwirkstoffe, wie sie bei Antibiotika bekannt ist, feststellen. Die Bienen scheinen allerdings nichts mit der heilenden Substanz zu tun zu haben, so Prof. Henle: „Es könnte sein, dass Methylgyoxal direkt in der Pflanze, im Manukabaum, gebildet wird, abhängig von bestimmten Stresssituationen, vor allem wenn die Bäume besonders trocken stehen. Eine andere Möglichkeit wäre, dass Mikroorganismen, die in Symbiose mit den Pflanzen leben, Methylgyoxal bilden. Und dass dieses Methylgyoxal dann mit dem Nektar zusammen von den Bienen aufgesammelt und in den Honig abgegeben wird.“ Doch das müssen weitere Studien noch beweisen.

Weniger Schmerzen und keine Geruchsbildung

Alle zwei Tage muss die Wundbehandlung mit dem medizinischen Honig durchgeführt werden. Und da zeigt das Naturprodukt seine weiteren Vorteile gegenüber der herkömmlichen Wundversorgung: Der Verbandswechsel bereitet den kleinen Patienten weniger Schmerzen, weil sich die Umschläge leicht entfernen lassen, ohne die neu gebildeten Hautschichten zu verletzen. Doch nicht nur das. Normalerweise riechen manche Wunden unangenehm - eine enorme Belastung für den Patienten, so die Mediziner. Der Honig hilft auch hier, indem er geruchsmindernd wirkt.

Mittlerweise nutzen zwei Dutzend Kliniken in Deutschland den medizinischen Honig in der Wundversorgung. Doch trotz aller Erfolge gibt es bislang kaum belastbare klinische Studien zu seiner Wirksamkeit. Zusammen mit Kollegen aus Düsseldorf, Homburg und Berlin haben die Bonner Ärzte nun Abhilfe geschaffen. Sie haben Hunderte von Krankheitsverläufen dokumentiert. Jetzt wird die Studie ausgewertet. Die ersten Ergebnisse zeigen, dass das Naturprodukt mit herkömmliche Behandlungsmethoden scheinbar mühelos gleichziehen kann.