Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 26.2.2009 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Emissionsrecht-Handel

Erst vor wenigen Tagen schlugen Klimaforscher Alarm: Sie prophezeien einen noch viel dramatischeren Klimawandel als bisher angenommen. Eine neue Idee muss her - und die gibt es! Was wäre, wenn wir als Privatpersonen nicht mehr so viel CO2 verbrauchen dürften wie wir eigentlich wollen? Wenn wir nur noch ein bestimmtes Kontingent an Verschmutzungsrechten hätten?

Wir müssen den privaten CO2-Verbrauch drastisch einschränken. Bisher verbrauchen wir Deutschen im Durchschnitt zwischen zehn und zwölf Tonnen CO2. Auf die privaten Haushalte fallen rund 50 Prozent des Verbrauchs, der Rest wird von der Industrie ausgestoßen. Die privaten Emissionen verteilen sich in den Hauptposten auf das Heizen der Wohnung, die Warmwasseraufbereitung, die Mobilität und den Konsum. Etwa fünf Tonnen verbrauchen wir insgesamt pro Jahr. Wenn alle Menschen auf der Welt so verschwenderisch leben würden, würde das System in kürzester Zeit kollabieren. Um das zu verhindern, müssten wir auf einen Verbrauch von zwei Tonnen pro Person kommen.

Sportler verbrauchen mehr CO2

Gehende Frau mit einer grafischen Einblendung eines gut gefüllten CO2-Konto.

Vision: Jeder Mensch erhält ein eigenes CO2-Konto.

Warum also nicht ein Gedankenexperiment wagen und jedem Deutschen ein maximales Verbrauchsrecht von zwei Tonnen CO2 einräumen? Damit müsste er seine Wohnung heizen, seine Fortbewegung mit Auto, Bahn oder Rad absolvieren und seine übrigen energiehungrigen Geräte betreiben.

Außerdem hat jeglicher Konsum eine CO2-Komponente. Jedes Duschgel, jeder Apfel, jede Stereoanlage hat im Laufe ihres Lebens einen CO2-Fußabdruck hinterlassen. Wenn man es auf die Spitze treiben wollte, könnte man auch die Atmung mit einbeziehen: Ein Sportler würde durch seine Atmung mehr CO2 ausstoßen als ein „Nicht-Sportler“.

In unserem Gedankenspiel könnte man all diese Summen von den zwei Tonnen Verbrauchsrecht abziehen. Allerdings bleiben wir damit bei einem schnöden Gedankenspiel. Das würde uns zwar verdeutlichen wo wir CO2 produzieren, aber die Umsetzung eines solchen Systems wäre undenkbar.

Die Vision wird real

In Aachen wird an einer realistischen Version des Themas persönlicher CO2-Rechtehandel gearbeitet. Die Aachener Stiftung Kathy Beys möchte das Thema für eine gesellschaftliche Diskussion vorbereiten. Realitätsnähe ist dafür oberstes Gebot. Darum war die erste Frage für den Projektleiter Klaus Dosch: Wie kann so ein Konto aussehen?

Die schlichte Antwort: „Wie jedes andere Konto auch. Am Anfang des Monats bekommt jeder Mensch ein bestimmtes Vorschussguthaben an CO2-Verbrauchsrechten überwiesen.“

Wir nehmen zu Beispielszwecken zwei Tonnen an. „Diese zwei Tonnen kann der Verbraucher dann so verplanen, wie ihm das gefällt. Er kann ein energiehungriges Auto fahren, muss dafür aber bei seiner Heizung einsparen. Wer eine heizintensive Immobilie bewohnt, muss an andere Stelle sparen. Der Vorteil der Selbstbestimmung ist aus psychologischer Sicht immens.“

CO2-Rechte werden an der Börse gehandelt

Wer mehr als zwei Tonnen CO2 verbrauchen will, muss sich die Verbrauchsrechte dafür kaufen. Nach den Vorstellungen von Klaus Dosch soll das an einer Börse geschehen. Dort wird jeden Tag nach Angebot und Nachfrage entschieden, wie teuer CO2-Verbrauchsrechte im Kilobereich sind. Wer in einem Monat keine zwei Tonnen verbraucht, kann seine Rechte an der Börse verkaufen lassen. Das formale Geschäft könnte, wie auch heute, an der existierenden Börse über Banken abgewickelt werden. Der Preis an der Börse würde bei zwei Tonnen pro Person sehr schnell sehr teuer werden, da nicht Viele mit weniger als dem Grundbetrag auskommen würden - also wäre die Nachfrage wesentlich höher als das Angebot.

Das System beschleunigt ökologische Veränderung

Also muss eingespart werden. Es würde für uns günstiger werden unsere Wohnungen zu isolieren, als zusätzliche Emissionsrechte an der Börse zu kaufen. Die größere Nachfrage nach sparsamer Technologie würde die Entwicklung beschleunigen und die Preise senken. Diese Tendenz würde sich nach den Vorstellungen des Stiftungsmannes in vielen Bereichen beobachten lassen: von sparsameren Autos bis zur umweltschonenden Heizung.

Klaus Dosch sieht auch im Konsumbereich Vorteile eines Kontosystems, auch wenn der gesamte Konsumbereich nicht Teil des Handelssystems auf privater Seite wäre, denn: „Es ist schlicht viel zu kompliziert, jedem Produkt einen CO2-Wert zuzuordnen, den es in der Entstehung verbraucht hat.“

Das Beispiel eines deutschen Apfels macht das schnell deutlich. Ist der Apfel im Herbst frisch geerntet, hat er einen sehr geringen CO2-Fußabdruck. Liegt er allerdings bis ins Frühjahr in einem deutschen Kühlhaus, hat der Apfel schnell einen größeren CO2-Fußabdruck als ein Apfel, der mit dem Schiff über die halbe Welt transportiert wurde. Die Lösung ist nach Klaus Dosch, den Herstellern die CO2-Bilanz ihrer Produkte zu berechnen: „Wer CO2-intensiv produziert, muss dafür zahlen. Der Händler wird die Mehrkosten an die Kunden weitergeben, daraus ergibt sich ein Wettbewerbsnachteil. Also wird jeder versuchen, so CO2-günstig wie möglich zu produzieren.“ Klaus Dosch lächelt. „Ziel erreicht.“

CO2-Konto gegen Steuererhöhungen

Armer Mann mit leerem CO2-Konto verkauft einem Mann in Anzug mit vollem CO2-Konto Teile seiner Emissionsrechte,  beide Konten sind als rote Farbbalken eingeblendet

Privater Emissionshandel.

Kritiker werfen dem CO2-Kontosystem Ungerechtigkeit vor. Reiche Menschen könnten es sich weiter leisten Energie-, und damit CO2-verbrauchsintensiv zu leben, dicke Autos zu fahren und sich nicht so einschränken zu müssen wie Ärmere. Klaus Doschs argumentiert dagegen: „Das können Reiche bei jedem System. Wenn wir uns die Alternativen anschauen, dann kommen wir nur zu einem steuerbasierten System, wie wir eines in den Anfangsstadien haben. Allerdings sehen wir im Steuersystem auch schnell die Nachteile. Erstens die Ungerechtigkeit, die jedem System zugrunde liegt. Zweitens, und das ist viel wichtiger, das Steuersystem ist viel schwieriger zu steuern. Wir haben ja gesehen, als die Benzinpreise bei 1,50 Euro lagen hat das kaum jemanden davon abgehalten, weniger Auto zu fahren. Wenn wir also mehr CO2-Steuer auf die Preise packen wird das auch nicht helfen. Wenn wir aber ein Kontosystem einführen, dann ist der große Vorteil: es kann nur eine bestimme Menge an CO2 freigesetzt werden. Nämlich die, die wir verteilen, danach ist Schluss.“

Emissionshandelsystem in den USA

Noch sind wir sehr weit davon entfernt, dass ein solches System umgesetzt werden könnte - es fehlt schlicht an Forschung. In Großbritannien wurde eine Vor-Machbarkeitsstudie angefertigt, doch in Deutschland sind wir sogar davon noch entfernt. Die Hoffnung des smarte Stiftungsmann ruht auf den USA: „Präsident Obama hat im Wahlkampf ein CO2-Handelssystem angekündigt, welches den CO2-Haushalt der Vereinigten Staaten immens einschränken soll. Welches das ist, und wie es in Detailfragen aussehen könnte, wissen wir noch nicht. Aber wenn der Größte CO2-Emmitent der Welt das richtige System auswählt, dann würde sich auch in der deutschen Politik schnell etwas ändern.“

aus der Sendung vom

Do, 26.2.2009 | 22:00 Uhr

SWR Fernsehen

Das neue Odysso-Logo von 2019

Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.