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SENDETERMIN Do, 20.11.2008 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Heilkraft der Muskeln

Muskeln können viel mehr als uns nur zu bewegen: Muskeln arbeiten dem Immunsystem zu, regen den Stoffwechsel an und schützen sogar vor Osteoporose. Forscher sind sicher: kräftige Muskeln sind ein wahrer Jungbrunnen. Denn sobald Muskeln anfangen zu arbeiten setzen sie chemische Signale frei, die das Immunsystem beeinflussen und den gesamten Stoffwechsel auf Trab bringen. Allerdings reicht es nicht, sich einfach nur zu bewegen. Entscheidend ist ein gezieltes Krafttraining.

Dr. Martin Runge ist praktischer Mediziner und einer der wenigen Muskel- und Knochenforscher Deutschlands. Eine seiner Patientinnen ist Evi Schwab. Seit einem Hirnschlag leidet sie unter Lähmungen. Um Patienten wie Evi Schwab helfen zu können, misst Martin Runge den wichtigsten Ansatzpunkt in seinem gesamten Therapiekonzept: die Kraft des Muskels - für den Mediziner der Schlüssel zur Genesung: „Man kann sagen, dass ganz wesentliche Verschlechterungen, die wir durch Inaktivität und Altwerden erleiden, am Muskel hängen und zum Teil durch ein Training des Muskels aufgehalten oder reversibel gemacht werden können.“

Patientin tippt mit dem rechten kleinen Finger in Tastatur, Arzt schaut zu

"Tapping" ist eine unscheinbare, aber wirkungsvolle Muskelübung.

„Tapping“ nennt sich eine Trainings-Übung um festzustellen, wie fit die Armmuskeln sind. Dabei muss die Patientin innerhalb kürzester Zeit möglichst oft eine Taste auf der Computertastatur anschlagen. Durch die Lähmung wurde die Muskulatur bei Evi Schwab zum Teil abgebaut. Mit der unscheinbaren Muskel-Übung kann Martin Runge seine Therapieerfolge gut messen.

Mobilität im Alter durch Muskelkraft

Bei Evi Schwab war es ein Hirnschlag, doch jeden von uns ereilt der Abbau von Muskeln: im Alter - und das am gesamten Körper. Dabei, das haben die Studien von Martin Runge gezeigt, ist der Muskel das wichtigste Organ wenn es um unsere Gesundheit im Alter geht. Denn er trainiert den Halteapparat, wodurch die Balance des Körpers erst möglich wird. Deshalb kommt nach Meinung des Wissenschaftlers für die Mobilität im Alter nicht auf Ausdauer, sondern in erster Linie auf Muskelkraft an.

Um die zu stärken wird in seiner Therapiegruppe gezielt die Schnellkraft der Muskeln erhöht. Denn das, so der Muskelexperte, ist die Größe, die im Alter am stärksten abnimmt. „Man kann seine Muskeln behalten. Wenn die langsam arbeiten sind die recht stark. Aber wenn die schnell arbeiten müssen, um etwa beim Stolpern den Sturz zu verhindern, dann wird es kritisch. Und das kann man üben, diese Schnelligkeit und Kraft gleichzeitig.“ Eine Vorbeugung für jeden Einzelnen und eine wichtige Prävention für die alternde Gesellschaft.

Muskeltraining als Prävention

„Wenn wir die Prävention, und zwar eine ganz konsequente Prävention an den richtigen Stellen lang anhaltend, wenn wir die nicht betreiben, laufen wir auf ein Desaster ohne Gleichen zu“, so der Mediziner besorgt. „Das kann man sich eigentlich ausrechnen, es gibt kein Entkommen aus dieser demografischen Situation. Und wenn wir nicht wollen, dass ein Viertel, ein Drittel unserer Älteren da sitzt und auf fremde Hilfe angewiesen ist um ins Bett oder auf die Toilette zu kommen, dann müssen wir ganz gezielt Bewegungsprogramme etablieren die genau diese kritischen Entwicklungen im Alter aufhalten können.“

Ein Aufruf der vielerorts noch ins Leere läuft. Oft wirkt Seniorensport mehr wie eine Ulkveranstaltung, die ein gezieltes Muskeltraining völlig außer Acht lässt. Dabei sind nicht einmal die altbekannten Traditionssportarten für die Fitness im Alter ausreichend, so Dr. Runge: „Es kommt auf bestimmte Funktionen an. Auf die Fähigkeit, den Körper zur Seite hin zu kontrollieren. Das sind alles Dinge die man beim Laufen, beim Joggen, beim Schwimmen und auch beim Radfahren nicht in dieser Weise trainiert. Und wir müssen dafür sorgen, dass wir, wenn wir älter werden, die Punkte trainieren und immer wieder üben, wo uns das Unheil ereilen kann.“

Körperkontrolle wieder erlangen

Evi Schwab ereilte das Unheil schon vor dem Alter. Jetzt muss sie ihre Stabilität wie eine Seniorin aufbauen. Die unterschiedliche Muskelleistung ihrer Beine soll wieder ins Gleichgewicht kommen. Das ist das Ziel, das sich Martin Runge und Evi Schwab gesetzt haben. Sprungübungen auf einem Messgerät zeigen die Fortschritte: „Hieran sehen wir jetzt, wo wir in der Therapie ansetzen müssen. Und wir können dann sehen, ob die Therapie erfolgreich war, wenn es uns gelungen ist, diese beiden Kurven aneinander anzulehnen und auch in dem betroffenen Bein Energie zu speichern und mehr Kraft zu produzieren. Und dann ist die Bewegung auch besser.“

Osteoporose durch Muskelmangel

Seniorengruppe, die mit Trainerin Sitz und Aufstehübungen an Stühlen macht

Die Übungen zum Auftstehen und Hinsetzten sehen zwar banal aus, doch sie wirken der Osteoporose entgegen.

In der Seniorengruppe lautet das Motto Vorbeugen statt Therapie. Wie bei allen Übungen werden die Muskeln für den Alltag trainiert. Das Aufstehen und Hinsetzen wirkt banal, ist aber eine sehr wichtige Übung gegen den großen Feind der Mobilität im Alter, die Osteoporose. Viele Millionen Menschen sind vom Knochenabbau betroffen – das Altersleiden schlechthin.

Die Folge: Knochenbrüche, die teure und für den Patienten belastende Operationen nach sich ziehen. Die Ursache wird von den Ärzten dagegen oft vernachlässigt. „Sehr viele Osteoporose-Prozesse bei älteren Menschen sind eigentlich verursacht durch einen Muskelmangel. In dem Sinne ist in 80 Prozent der Fälle die Osteoporose eine Muskelerkrankung. Und sie ist deshalb an das Alter gekoppelt, weil aus verschiedenen Gründen, aus physiologischen Gründen aber auch aus Gründen des Lebensstils und der Inaktivität im Alter, unser Muskel zurückgeht“, so die Bilanz von Martin Runge.

"Muskeln ernähren Knochen"

Um zu sehen, ob ihre Knochen durch die Lähmung der Muskeln bereits abgebaut wurden, wird bei Evi Schwab eine Computertomografie erstellt. Denn Martin Runge behandelt seine Patienten nach dem Gesetz: Der Muskel ernährt den Knochen. Sein Fitness-Rezept: Den Knochen durch gezielten Sport am Leben erhalten. Seine Patienten lernen durch eigene sportliche Anstrengung, unsinnigen veralteten Osteoporose-Therapien zu entkommen.

Das bestätigt auch eine Teilnehmerin der Seniorensportgruppe: „Ich war bei einer Knochendichtemessung und die war nicht so toll. Der Arzt sagte ich müsste eventuell Hormone nehmen. Das wollte ich nicht und das war eigentlich auch der Anlass dafür (in der Sportgruppe mitzumachen, Anm. d. Red.) und dann war meine Dichte jetzt immer sehr gut und gleichbleibend, – fast gleichbleibend.“

Frau steht auf einem Fitnessgerät und bedient ein Eingabebedinefeld

Evi Schwab trainiert mit einem Schnellmassage-Gerät ihre Muskeln.

Damit das auch bei Evi Schwab so bleiben kann, trainiert sie mit einem Schnellmassage-Gerät ihre Muskeln, denn die Nerven versagen noch den Dienst. Eine Muskeltherapie als Motivationsmotor für die Zukunft. „Ich für mich selber bin davon überzeugt, dass es einigermaßen wird. Also zumindest so, dass ich gut damit leben kann und auch alt werden kann. Hoffe ich.“ Evi Schwab ist optimistisch. Ein sportlicher Kampfgeist, den jeder von uns spätestens im Alter aufbringen sollte.