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SENDETERMIN Do, 29.5.2008 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Wie leicht geben wir Daten preis?

Professionelle Datensammler wissen fast alles über uns: Wo wir wohnen, was wir kaufen, wann wir mit wem telefonieren. Sie wissen es, weil wir es verraten. Leichtfertig geben wir privateste Dinge preis, und das auch noch gerne. Wir haben ja auch nichts zu verbergen. Aber was passiert eigentlich mit unseren Daten? Wer verdient daran? Und wozu werden sie genutzt? Wir haben versucht mit Hilfe eines Experiments herauszufinden, warum wir so blauäugig sind.

Blicke hinter die Kulissen: Eine große Besuchergruppe aus dem badischen Durmersheim bei einer Führung durch den SWR. Scheinbar läuft alles ab wie immer. Was die fünfzig Besucher nicht wissen: Am Ende der Führung haben wir ein Experiment vorbereitet: Eine Befragung im Besucherzentrum.

Scheinbar harmlose Besucherbefragung

Besucher beim SWR füllen fingierten Fragenbogen aus

Besuchergruppe beim Ausfüllen des fingierten Fragebogens

Der Fragebogen der "Medienforschung" sieht ganz seriös aus, ist aber gespickt mit detaillierten Fragen zu Person, Haushalt und Einkommen. Zeiträume eventueller Arbeitslosigkeit, Nummern von Kundenkarten und die Bankverbindung werden auch abgefragt. Hinweise zum Datenschutz gibt es nicht. Das alles ist eine einzige Unverschämtheit und schlicht illegal.

Nach der Führung verteilen wir die Fragebögen an die Besuchergruppe mir der Bitte, die Bögen so vollständig wie möglich auszufüllen. Gibt es Proteste? Kritische Fragen? Im Gegenteil: Unsere Besucher sind freigiebig mit persönlichen Informationen; Kunden- und Bankkarten werden gezückt. Denn wir haben uns ja längst daran gewöhnt, an die alltägliche Preisgabe unserer Daten.

Die Kundenkarte zum gläsernen Verbraucher

Vier Kundenkarten besitzt jeder Deutsche im Schnitt. Allein damit legen wir detaillierte Spuren unserer Lebensgewohnheiten. In den Rechnern von Großkonzernen werden daraus Kundenprofile erstellt. Das beunruhigt Datenschützer. Der Kopf des Bielefelder Vereins „FoeBud e.V.“ hat sich extra ein Pseudonym zugelegt: "padeluun" nennt er sich.

Männchenfigur durch die eine transparente Platte mit Zahlenkolonnen hindurchgeht

Der Big Brother Award

Sein Verein vergibt jährlich die "Big-Brother-Awards" für zu gierige Datensammler. Auch das Kundenkarten-Programm "Payback" wurde schon geehrt. Der Datenschutz-Aktivist padeluun meint: "Wir kommen dahin, dass uns wenige Großunternehmen, oder Konglomerate, oder Datenkraken, quasi darüber, welche Informationen sie uns zukommen lassen, manipulieren. Diese Manipulation läuft ganz freundlich ab, nämlich indem ich nur noch das bekomme, von dem der Konzern denkt, dass es mich zu interessieren hat."

Das Geschäft mit Kundenprofilen

Kundenprofile sind eine begehrte Ware. Sie helfen Unternehmen, Konsumenten in Schubladen einzuteilen - um Werbung zielgerichtet zu verschicken. Diese Kategorien können aber auch dazu führen, dass unattraktive Kunden bei Telefonauskünften länger warten müssen oder Kredite zu schlechteren Konditionen bekommen.

Ständig müssen sich die Datenschützer über neue "Kundenbindungs-Programme" informieren: Seit kurzem lockt die "DeutschlandCard", bei der auch viele Unternehmen aus allen Konsumbereichen kooperieren. Die Kundenprämien: Nach einem Kartenumsatz von etwa 1.900 Euro hat man 1.900 Punkte. Dafür gibt’s sage und schreibe - eine "Gummivase".

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft...

Schon kleinste Belohnungen helfen, Menschen ihre Daten zu entlocken. Das zeigt sich auch bei unserem Versuch, als SWR-Besucherführer Arno Ruf nach dem Verteilen der Fragebögen unserer Besuchergruppe mit einer kleinen ‚Belohnung’ winkt: „... und wie versprochen: das kleine Gewinnspiel. Als Geschenk gibt’s noch den SWR-Kugelschreiber. Den Kugelschreiber dürfen Sie behalten!“ Das Publikum reagiert erfreut und alle füllen munter die Fragebögen aus.

Daten für "sonstige Dritte"

Bei der Anmeldung zur "DeutschlandCard" wird auch einiges gefragt - im gesetzlichen Rahmen, vieles freiwillig. Die Datenschutz-Hinweise sind aber für Laien verwirrend. Da heißt es, nur der Partner bei dem man sich anmeldet erhält personenbezogene Daten; später ist von "sonstigen Dritten" die Rede, deren Werbung dem Kunden gezielt zukommt.

Dazu der Datenschützer padeluun: "In den Datenschutz-Bestimmungen der Firma DeutschlandCard habe ich jetzt gerade sehr viele Ausnahmeregelungen gefunden, die man sich darüber herleitet, dass eben an einer anderen Stelle dann doch noch mal Ausnahmen definiert werden, obwohl an der Stelle davor gesagt wurde: wir geben die Daten dann entsprechend nicht weiter."

Vertrauen und Datenschutz

In unserem Versuch mit der SWR-Besuchergruppe haben wir gar nicht auf Datenschutz hingewiesen. Nach dem Ausfüllen wollen wir wissen, wer besonders freigiebig mit seinen Daten war. Gunnar Roters von der SWR-Medienforschung fragt die Gruppe: "...wer von Ihnen diese Fragen, nur diese Fragen a bis g nahezu vollständig ausgefüllt hat. Bitte um Handzeichen, mal ganz deutlich..."

Die Hände gehen hoch: Fast alle der fünfzig Besucher haben mitgemacht. Eine kleine Umfrage in der Gruppe zeigt, wie vertrauensselig viele sind. Eine Besucherin hat "wahrheitsgemäß drauf geschrieben, so wie es da stand. Beim Auto, Automarke, wir haben zwei Autos, hab ich zwei reingeschrieben." Ein Mann meint: "Ob ich ein Auto hab, ob ich ein Haus hab, das könnt ihr alles wissen von mir aus, das ist für mich kein Geheimnis." Und auch eine dritte Befragte ist ganz ohne Argwohn: "Ich hab alles eingetragen, ich glaube doch, dass das nicht... Datenschutz oder so was, das glaub ich nicht. Ich hab alles eingetragen." Klug ist das nicht, aber wer macht sich schon Gedanken darüber, wer hinter der Fassade von Datensammlern steckt.

Ein schweigender Medienkonzern

Die DeutschlandCard GmbH sitzt recht bescheiden in einem Bürohaus in der Münchner Vorstadt. Hinter der Firma steht allerdings Europas größter Medienkonzern Bertelsmann, zu dem wiederum der Dienstleiter "Arvato" gehört. "Arvato Infoscore" bietet zig-Millionen Daten über Privatpersonen und Unternehmen auf dem freien Markt an, inklusive "Bonitätsprüfung" und "Schuldner-Service". Haben auch die Zugriff auf Kundendaten von DeutschlandCard?

Unsere Anfrage nach einem Interview mit DeutschlandCard - abgelehnt. Auch auf unsere schriftlichen Fragen zu den Datenschutz-Bestimmungen – keine Antwort. Unternehmen die unsere Daten sammeln wissen offensichtlich, wie nachhaltig alles sein kann, was man über sich preis gibt.

Fehlende Sensibilisierung

Unsere Besuchergruppe im SWR hat das noch nicht gemerkt: Man hat ja nichts zu verbergen, und gut erzogen ist man auch. Zu gut – findet padeluun: "Da wird man freundlich gefragt und da gibt man auch eine Auskunft. Und was noch nicht so in einem drin ist, ist zu wissen: 'Moment mal! Die Leute, die wir gar nicht kennen, die fragen aus einem Konzerninteresse heraus' Dass die eigentlich immer böse Absichten haben und dass ich mich davor schützen muss. Und diese eigentlich harmlosen Informationen, die ich ganz freundlich jemandem in der Eisenbahn so mitteilen würde, die sagt man Leuten, die die Daten sammeln, eben nicht. Und das müssen wir lernen."

Mann vernichtet seinen Fragebogen mit einem Papierschredder

Der Fragebogen wird vernichtet.

Am Ende wird unsere Versuchsgruppe im SWR über das Experiment aufgeklärt und bekommt von Medienforscher Gunnar Roters Tipps zum Thema "Datenfalle": "Name und Anschrift, das gehört nicht auf den Fragebogen. Eine seriöse Befragung würde so aussehen, dass sie einen Fragebogen hat und eine Postkarte, wenn es ein Gewinnspiel gibt..."

Danach wandern alle Bögen vor den Augen der Besuchergruppe in den Schredder. Der Versuch hat gezeigt, wie sorglos Bürger mit ihren persönlichen Daten umgehen. Für unsere Besucher jedenfalls ist die Zeit der Unschuld vorbei.