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SENDETERMIN Do, 13.9.2007 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Hormone im Rheinwasser

Das Wasser des Rheins ist so sauber, dass man darin baden kann. Doch unbelastet ist es nicht. Unter anderem fließen jährlich Tonnen von Schmerzmitteln, Anti-Epileptika oder Antibiotika den Fluss hinab. Eine Gruppe von Wirkstoffen wird zur Zeit erstmals systematisch untersucht: Stoffe, die so wirken wie Hormone. Hormonaktive Substanzen. Doch was steckt dahinter?

Der Thuner See in den Schweizer Alpen

Der Thuner See in den Schweizer Alpen

Die Frage führt an den Thuner See in den Schweizer Alpen. Auch dort lassen sich hormonaktive Substanzen nachweisen: Sie stammen aus Antibabypillen, Weichmachern oder Reinigungsmitteln. Professor Helmut Segner, deutscher Hormonspezialist an der Universität Bern, ist mit einem Forschungsboot zu einem einheimischen Fischer unterwegs. Denn die berichten seit dem Jahr 2000 von mysteriösen Vorkommnissen.

Missbildungen an den Geschlechtsteilen

Etwas, was es zuvor noch nicht gegeben hat: Fast die Hälfte aller gefangen Felchen hat Missbildungen an den Geschlechtsteilen. Äußerlich ist nichts festzustellen. Doch Helmut Segner zeigt die Veränderungen bei den Männchen: Verkümmerte oder festgewachsene Hoden. Der Verdacht des Forschers: Hormonaktive Substanzen haben zur Verweiblichung der Männchen geführt. Belege über die Wirkung solcher Substanzen auf Lebewesen gibt es zahlreiche. Doch welche Rolle sie bei den Fischen im Thuner See spielen, muss erst noch der Laborversuch zeigen.

Heute finden sich Abbaustoffe von Plastik oder Pflanzenschutzmitteln in fast allen Gewässern. Am Institut für Gewässerökologie in Berlin untersucht Professor Werner Kloas seit über einem Jahrzehnt die Auswirkungen von hormonaktiven Chemikalien. Schon winzige Mengen eines Stoffes, der beispielsweise in Konservendosen vorkommt, beeinflusst die Sexualentwicklung. Befindet sich dieser Stoff im Wasser von Kaulquappen, gibt es später mehr Weibchen.

Zwei große Kaulquappen in grünlichem Wasser

Riesenkaulquappen statt Fröschen

Ein anderer Versuch. Werner Kloas gibt das Abbauprodukt eines Pestizids in das Wasser von Kaulquappen. Dieser Stoff schaltet ein Hormon aus, das für die Entwicklung wichtig ist. Nach einer Woche zeigt sich ein erstaunlicher Effekt: Im sauberen Wasser entwickeln sich die Tiere zum Frosch, im belasteten Wasser dagegen zu Riesenkaulquappen. Werner Kloas beunruhigt, wie leicht sich diese Effekte hervorrufen lassen: "Wenn es bei den Tieren zu Effekten kommt, dann wird es in irgendeiner Weise auch für den Menschen bedenklich."

Hormone auch bald im Trinkwasser?

Zum Glück nur ein Experiment. Doch es zeigt, wie wirkungsvoll Hormone sind. Und die werden nicht gezielt aus dem Abwasser gefiltert. Die Betreiber von Klärwerken, wie dem Zentralklärwerk in Mainz, sind trotzdem zufrieden mit der Qualität des Wassers das in den Rhein gelangt. So landen etwa ein bis zwei Drittel der im Abwasser vorhandenen Medikamente, hormonähnlichen Substanzen oder gar Hormone in den Flüssen und gelangen von da ins Grundwasser. Gerade darin sieht der Chemiker Rainer Plasa von der Umweltschutz-Organisation BUND ein Problem, denn: "Wie wir festgestellt haben, auch zum Teil aus eigenen Untersuchungen, nehmen die Konzentrationen von hormonähnlichen Substanzen im Rohwasser zu."

Aus dem Rohwasser gelangen die Stoffe in das Trinkwasser. Dort wurden sie auch festgestellt. Noch sind die bisher gemessenen Gehalte so niedrig, dass sie biologisch nicht wirksam sind. Aber was passiert, wenn wirksame Konzentrationen erreicht werden?

An der Charité in Berlin wird mit Konzentrationen gearbeitet, die auch in der Umwelt vorkommen. Das Experiment: Schwangeren Laborratten wird ein hormonaktiver Inhaltsstoff aus Alltagsplastik verabreicht. Die Frage: Haben die geringen Dosierungen Einfluss auf die Nachkommen? Und tatsächlich: einige der Neugeborenen weisen Veränderungen an den Hoden auf. Solche Experimente sind nicht ohne weiteres auf die Trinkwassersituation zu übertragen, das weiß auch Rainer Plasa: "Noch besteht kein dringender Handlungsbedarf. Was wir allerdings fordern als BUND ist, dass man es genau beobachtet und dass man sich vermehrt der Forschung widmet, in welchen Konzentrationen Kinder oder Kleinkinder davon betroffen sein könnten."

Der Rhein steht jetzt unter Beobachtung. Zwar deutet vieles darauf hin, dass der Strom dank seiner Wassermassen die gefährlichen Stoffe besonders stark verdünnt, doch es bleibt zu hoffen, dass man nicht erst wartet, bis ein Effekt nachgewiesen wird.

aus der Sendung vom

Do, 13.9.2007 | 22:00 Uhr

SWR Fernsehen

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.