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SENDETERMIN Do, 13.8.2009 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Falsche Diagnose, falsche Behandlung Warum so viel Pfusch passiert

Falsche Diagnose, falsche Behandlung - das kommt in der Rückentherapie immer wieder vor. Nicht einmal die Ärzte scheinen ihrer eigenen Zunft, geschweige denn ihrer Kunst, zu trauen: Forscher aus Heidelberg wollten nämlich von ihren Kollegen in ganz Deutschland wissen, ob sie sich nach einem Bandscheibenvorfall mit hartnäckigen Schmerzen operieren lassen würden. Das Ergebnis sagt alles: Gerade einmal 17 Prozent würden sich unters Messer legen. Warum aber wird dann so viel operiert? Und vor allem: warum werden auch noch so viele Fehler gemacht?

Ärzte bei einer Operation

Jedes Jahr etwa 70.000 Bandscheibenoperationen

Antworten auf diese Fragen erhalten wir von dem Chefarzt der Wirbelsäulenchirurgie in Karlsbad, Professor Jürgen Harms. Schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit zu waschen ist normalerweise nicht das Ding des Spezialisten. Doch auf dem boomenden Gebiet der Wirbelsäulenchirurgie - so Jürgen Harms - sind einige massive Fehlentwicklungen zu beklagen. Zum Beispiel: "In Deutschland werden jedes Jahr etwa 70.000 Bandscheibenoperationen durchgeführt. Das sind für mich 30- bis 35.000 zu viel."

Viele dieser OPs würden aus wirtschaftlichen Gründen gemacht, seien medizinisch eigentlich überflüssig, so seine Ansicht. Und das hat Folgen: 60 Prozent seiner Zeit verbringt Jürgen Harms nämlich damit, verpfuschte Operationen von Kollegen zu reparieren. Obwohl er selbst nicht direkt von Pfusch sprechen möchte: "Pfusch ist ja ein sehr herbes Wort. Ich glaube, ich sollte mich als Kollege etwas zurückhalten, das als Pfusch zu bezeichnen. Aber sicher wird zu viel an der Wirbelsäule herumoperiert. Und es gibt auch zu viele Kollegen, die sich an Dinge heranwagen, denen sie von ihrer Ausbildung her nicht gewachsen sind."

Ein falscher Schlag kann die Querschnittlähmung bedeuten

Im OP arbeitet das Team von Jürgen Harms bereits seit einer Stunde. Die Ärzte haben die Wirbelsäule einer Patientin auf einer Länge von 40 Zentimetern freipräpariert. Die Patientin leidet unter einer extremen Verkrümmung der Wirbelsäule, eine Skoliose. Harms will das mit Hilfe einer Schiene korrigieren. Mit Hammer und Meißel arbeitet der Chirurg an den Wirbelkörpern, bereitet die Korrektur vor. Eine höchst anspruchsvolle Aufgabe, denn ein falscher Schlag kann die Querschnittlähmung bedeuten.

Um so erstaunlicher, dass es trotz der hohen Anforderung an den Operateur, keine geregelte Ausbildung in der Wirbelsäulenchirurgie gibt. Aber das ist nicht das einzige grundlegende Problem, wie Prof. Harms erläutert: "Das andere Problem ist, dass wir in der Wirbelsäulenchirurgie keine Qualitätskontrolle besitzen. Wenn wir in der Wirbelsäulenchirurgie 35 Prozent schlechte Ergebnisse produzieren, dann wird das voll akzeptiert. Wenn wir das in der Knie- und Hüftchirurgie hätten, würde ein Aufschrei durchs Land gehen."

Ein wahres Gruselkabinett mit Beispielen für verpfuschte Rücken

Mitverantwortlich für die desolate Situation: In Deutschland sind es Orthopäden, Unfallchirurgen und Neurochirurgen, die an der Wirbelsäule herumdoktern. Einheitliche Standards? Fehlanzeige! Kein Wunder, dass sich in Jürgen Harms Archiv ein wahres Gruselkabinett mit Beispielen für verpfuschte Rücken-Operationen befindet. Zum Beispiel die falsche Anwendung von Knochenzement. Auf Röntgenbildern ist zu sehen, dass der Zement Wirbelknochen samt Bandscheiben förmlich weggefressen hat. Was Halt geben sollte machte instabil und brachte Schmerzen.

Auf einem weiteren Röntgenbild ist ein vollkommen misslungener Versuch, die Wirbelsäule zu schienen, zu sehen. Jürgen Harms ist regelrecht verärgert:
"Die Patientin - und das ist das entscheidende - wurde sieben mal am Rücken operiert. Und das ist das Ergebnis: Die metallischen Implantate sind vollkommen gelockert. Die Schrauben im unteren Bereich hängen vollkommen in der Luft. Aber viel dramatischer ist die massive Knickbildung in der Wirbelsäule, was zu eine massiven Fehlhaltung des Rumpfes führt. Das bedeutet, dass die Nervenbahnen massiv druckgeschädigt werden - was auch bei der Patientin der Fall war. Sie hatte Lähmungserscheinungen im linken Bein, und - was noch dramatischer ist - Mastdarmbeschwerden und an der Blase beginnende Lähmung." Nur zwei Beispiele von Tausenden.

Ein komplexe Zusammenspiel von Wirbel mit Bandscheiben und Bändern

Szenenwechsel: Labor für Biomechanik, Uni Ulm. Auf dem Prüfstand ein Bandscheibenmodell das von Elektromotoren geknetet wird. Ein Laserscanner misst die Verformungen auf Bruchteile von Millimetern genau. Was hat sie wirklich auszuhalten? Welche Kräfte wirken? Wie genau verformt sich die Bandscheibe? Kaum zu fassen, aber viele dieser fundamentalen Fragen sind bisher nicht zufriedenstellend beantwortet.

Hans Joachim Wilke erforscht in dem Labor seit 15 Jahren die Wirbelsäule - mit Präparaten, Modellen, Computersimulationen. Im Laufe der Jahre hat er Bescheidenheit gelernt: Schon das komplexe Zusammenspiel der 28 Wirbel mit Bandscheiben und Bändern ist kaum zu verstehen: "Wenn die Muskulatur noch ins Spiel kommt, oder die Wirbelsäule als Gesamtkomplex, dann verstehen wir eigentlich noch sehr, sehr wenig."

Allein die Unterschiede der Muskulatur bewirken, dass Kräfte und Druckverhältnisse an der Wirbelsäule sich von Mensch zu Mensch um ein Vielfaches unterscheiden, sagt der Biomechaniker. Jede Wirbelsäule ist so individuell wie ein Gesicht. Das hat auch Folgen für eine Behandlung oder eine Strategie im Operationssaal: "Ein junger Patient, der sportlich sein will, braucht eine ganz andere Behandlung als ein älterer, der vielleicht schon an Osteoporose leidet. Das heißt, hier muss man ganz gezielt individuelle Maßnahmen anbieten und auch richtig auswählen."

Rückenchirurgie ein wahrer Wachstumsmarkt

Genau diese individuelle Behandlung ist die Spezialität von Jürgen Harms. Wenn möglich, verzichtet der Chirurg dabei auf vorgefertigte Implantate. Die Schiene zur Begradigung der Wirbelsäule fertigt er während der OP individuell an: Je genauer die Schiene zum Körper der Patientin passt, desto größer die Chance auf baldige Heilung.

Dreieinhalb Stunden hat die aufwändige Operation an der Wirbelsäule gedauert. Jetzt wird mit einer Röntgenaufnahme überprüft, ob das Ziel des Eingriffs erreicht wurde. Vor der Operation hatte die Wirbelsäule der Patientin eine stark S-förmige Verkrümmung.

Der Röntgenbogen fährt über den Rücken der Patientin. Das Team ist gespannt, ob sich die harte Arbeit gelohnt hat. Für Laien zeigt das Gerät ein gespenstisches Bild: dicke Schrauben und Metallstangen im Rücken. Doch die Wirbelsäule ist gerade und stabil. Jürgen Harms ist mit dem Ergebnis absolut zufrieden.

Dass andere Kollegen mit fragwürdigen Methoden Geld scheffeln, ärgert ihn. Als Beispiel nennt er ein Implantat, das neuerdings immer häufiger bei Rückenpatienten zwischen den Dornfortsätzen der Wirbelsäule eingesetzt wird. Der Hersteller verspricht eine Aufweitung des Wirbelkanals. Rückenschmerzen sollen verschwinden, der unbeschwerte Gang wieder möglich werden. Dazu sagt der Spezialist aus Karlsbad: "Genau das Gegenteil von dem, was hier gezeigt wird, ist tatsächlich der Fall. Der Druck in der Bandscheibe wird dadurch erhöht. Vielleicht gibt es kurzfristig eine Besserung, aber für die Gesamtwirbelsäule ist das eine absolut schädliche Operation."

Rückenschmerzen sind eine Volkskrankheit, Rückenchirurgie ein wahrer Wachstumsmarkt, auf dem viel Geld zu verdienen ist. Höchste Zeit, dass bei Ausbildung und Qualitätskontrolle strengere Maßstäbe angesetzt werden.

aus der Sendung vom

Do, 13.8.2009 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.