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SENDETERMIN Do, 10.5.2007 | 22:02 Uhr | SWR Fernsehen

Darmflora und Fettleibigkeit Darmbakterien machen dick

Wer dick ist, so ein gängiges Vorurteil, der ist willenschwach, kann sich beim Essen nicht zusammenreißen und ist obendrein zu faul sich zu bewegen. Aber - wie kommt es dann, dass viele Dicke ihre Ernährung umstellen, sogar Sport treiben und trotzdem nicht schlank werden? Oder das Gegenteil: Menschen können so viel essen wie sie wollen und nehmen einfach nicht zu. Irgendetwas scheint mit der simplen Formel vom dick werden also nicht zu stimmen. Und tatsächlich: Wissenschaftler in den USA sind auf eine Spur gestoßen, die unsere Vorstellungen vom Zu- und Abnehmen komplett über den Haufen wirft.

Der Ernährungsforscher Professor Michael Blaut

Ernährungsforscher Professor Michael Blaut

Denn bei unserem Körpergewicht gibt es neben Ernährung und Bewegung noch andere Faktoren, die eine Rolle spielen, erklärt der Ernährungsforscher Professor Michael Blaut: "Unsere bisherigen Vorstellungen davon, wie der Körper die Nahrung verwertet, ist sehr vereinfacht gewesen. Es stellt sich immer mehr heraus, dass die Bakterien beim Prozess der Verdauung eine sehr wichtige Rolle spielen."

Im Menschendarm leben 100 Billionen Bakterien. Und im Darm von Dicken - das haben amerikanische Forscher jetzt herausgefunden - ist die Bakterienart der "Firmicuten" besonders häufig. Die amerikanischen Forscher untersuchten daraufhin auch die Darmflora bei dünnen und dicken Mäusen. Und fanden im Darm der dicken Mäuse den gleichen auffällig hohen Bestand an Firmicuten wie bei dicken Menschen.

Ballaststoffe viel besser verdauen

Dabei zeichnen sich die Firmicuten durch eine besondere Eigenschaft aus: Sie können Ballaststoffe viel besser verdauen als andere Bakterien. Firmicuten können Ballaststoffe in kleinere Bausteine zerlegen. Und dabei entstehen Zucker und Fettsäuren, aus denen der Körper Fett aufbaut. Waren die amerikanischen Forscher tatsächlich auf eine Ursache der Fettleibigkeit gestoßen?

Die Wissenschaftler entschlossen sich zu einem ungewöhnlichen Experiment: Sie nahmen Kot von dünnen und von dicken Mäusen und fertigten daraus zwei verschiedene, etwas unappetitliche "Cocktails" an: Dickmaus-Kot-Cocktail und Dünnmaus-Kot-Cocktail. Sie wollten beweisen, dass die vielen Fermicuten und ihre Kohlehydrat-Verdauung auch wirklich Ursache und nicht nur Begleiterscheinung der Fettsucht waren.

Diese zwei verschiedenen Cocktails wurden speziellen Mäusen verabreicht, die bis dahin keine eigene Darmflora hatten. Das Ergebnis nach wenigen Wochen: Mäuse mit dem Dünn-Maus-Kot-Cocktail mit wenig Fermicuten blieben dünn. Die mit dem Dickmaus-Kot-Cocktail mit vielen Fermicuten entwickelten tatsächlich einen deutlich höheren Körperfettanteil. Obwohl beide die gleiche Menge Futter bekommen hatten.

Ballaststoffe werden zur Kalorienbombe

Die Konsequenzen sind gravierend: Die häufig verklärten Ballaststoffe, die praktisch in allen pflanzlichen Nahrungsmitteln enthalten sind, werden zur Kalorienbombe, wenn man die falsche Darmflora hat. Äußerst fragwürdig vor diesem Hintergrund: Nahrungsmittel, die mit Ballaststoffen angereichert sind. Als Hilfe für die Verdauung und fürs Abnehmen angepriesen, können sie im Ernstfall genau die gegenteilige Wirkung haben.

Ebenso fragwürdig: ein Großteil der Kalorienzählerei. Denn wie weit Ballaststoffe verwertet werden können, ist eben von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Kalorienwerte müssten eigentlich für die persönliche Darmflora berechnet werden.

Michael Blaut vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung arbeitet daran, die lange unterschätzte Rolle der Darmbakterien genauer zu untersuchen: "Man kann die Darmflora als Ganzes eigentlich wie ein eigenes Organ ansehen. Die Stoffwechselleistung, die durch diese Bakterien im Darm vollbracht wird, ist sehr vielfältig. Gleichzeitig bedeutet die Vielfältigkeit für uns, dass es sehr schwierig ist, diese Vielfältigkeit zu erforschen, die einzelnen Funktionen zu erkennen und auch einzelnen Bakterienarten zuzuordnen."

700 verschiedene Bakterienarten

Bakterien verbergen sich im Mikrokosmos. Sie sind kleiner als ein tausendstel Millimeter, und mit den besten Lichtmikroskopen gerade noch sichtbar. Sechs bis siebenhundert verschiedene Arten bevölkern den menschlichen Darm. Und ihre vielfachen Wechselwirkungen mit ihrem Wirt, dem Menschen, sind erst in Ansätzen geklärt.

Michael Blaut erklärt seine Forschungsziele in Zusammenhang mit den neuen Erkenntnissen über die Rolle der Darmflora bei der Dickleibigkeit: "Wir möchten herausbekommen, inwieweit unsere Ernährung dazu beiträgt, dass wir eine andere Darmflora bekommen, die dann dafür sorgt, dass wir noch dicker werden. Und wir versprechen uns davon, dass wir die Rolle, die die Bakterien dabei spielen können, erkennen können. Dass wir möglicherweise auch eine Möglichkeit haben, das zu beeinflussen, um die Fettleibigkeit zu verhindern oder zu verringern oder abzuschwächen."

Im Keller des Instituts, bei minus 70 Grad, liegen die Bakterien der Darmflora auf Eis. Nicola Reichert wählt für ihre Doktorarbeit die wichtigsten Stämme aus. Auch Firmicuten. Wie 99 Prozent der Darmbakterien vertragen sie keinen Sauerstoff. Die junge Wissenschaftlerin muss sie im sauerstofffreien Anaerobiazelt vorbereiten. Die Bakterien kommen auf einen Nährboden und vermehren sich zwei Tage im Brutschrank. Dann werden sie geerntet. Nicola Reichert mischt sie mit anderen Bakterienstämmen der Darmflora zu einem genau definierten Bakteriencocktail. Das ist die zentrale Idee Ihrer Forschungsarbeit.

Noch ist es Grundlagenforschung

Keimfrei aufgezogene Ratten werden mit diesem Bakteriencocktail gefüttert und erhalten somit quasi eine genormte Darmflora: Alle Tiere haben die gleiche, genau definierte Bakterienkultur im Darm. Jetzt erst lässt sich erforschen, wie Nahrung die Darmflora beeinflusst. Noch ist es Grundlagenforschung, doch in einigen Jahren können die Erkenntnisse, die am Deutschen Institut für Ernährungsforschung gewonnen werden, vielleicht einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung der großen Krankheit des Jahrhunderts leisten: der Fettsucht.

Auf eine Bemerkung legen die Potsdamer Ernährungsforscher großen Wert: Die jüngsten Entdeckungen zum Zusammenhang zwischen Darmflora und Übergewicht sollten nicht dazu verleiten, das vernünftige Essen zu vernachlässigen - nach dem Motto: "Ist ja egal, was und wie viel wir essen, denn ob wir dick werden oder nicht, das hängt alleine von unserer Darmflora ab". Nein, es gibt erste Hinweise, dass eine ausgewogene und vernünftige Ernährung sogar davor schützt, dass die Firmicuten, die die Fettleibigkeit fördern, im Darm die Oberhand gewinnen.

aus der Sendung vom

Do, 10.5.2007 | 22:02 Uhr

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