Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 30.11.2006 | 22:01 Uhr | SWR Fernsehen

Service oder Manipulation? Umstrittene Pharmawerbung

Für verschreibungspflichtige Medikamente darf die Pharmaindustrie nicht werben. Eigentlich. Denn schließlich geht es dabei nicht um Autos, Putzmittel oder Fertigsuppen. Aber "Not" macht erfinderisch und so hat die Branche einen Trick gefunden, wie sie dennoch für ihre Produkte werben kann. Der Skandal: Die Patienten werden dabei ungewollt und ohne es zu wissen zu Mitstreitern von Pharmainteressen ...

Arzt misst den Blutdruck einer älteren Frau

Ursula Unterberg kommt auch ohne Medikamente gut über die Runden

Ursula Unterberg hat seit ihrer Gallenoperation leicht erhöhte Cholesterinwerte. Jetzt isst die 75-Jährige weniger Butter und mehr Obst und kommt auch ohne Medikamente gut über die Runden. Ihr Arzt, Dr. Klaus Weckbecker, hat ihr von Tabletten abgeraten. Die Seniorin findet das gut: "Er ist vorsichtig. Er verschreibt einem nicht einfach nur so, sondern ist sehr vorsichtig mit den Dingern, die er verschreibt. Und die wirken dann auch."

Doch seit einiger Zeit kommen immer wieder Patienten zu Dr. Weckbecker, die das ganz anders sehen, merkwürdige, sehr spezielle Fragen stellen, Medikamente verlangen. "Diese Patienten sind sehr verängstigt, drängen oft sehr auf Behandlung, die aber nicht notwendig ist. Und man muss ihnen dann erklären, dass die Behandlung mehr gefährdet als nutzt", so der Mediziner.

Angeblich geht es um Leben und Tod

Diese Patienten haben eine dieser Broschüren gelesen, in denen eine Initiative vor den Gefahren zu hohen Cholesterins warnt. Dem Leser wird suggeriert, es ginge um Leben oder Tod. Motto: "Sie spüren nichts, bis es vielleicht zu spät ist." In einem Selbsttest kann jeder sein persönliches Risiko herausfinden. Wer raucht oder übergewichtig ist, ist schon gefährdet. Also Millionen.

Die beunruhigten Leser sollen sich dann über Hotlines oder im Internet weiter informieren. Dort ist dann auch von einer erfolgreichen Therapiemethode die Rede. Die Botschaften werden auch über Anzeigen millionenfach verbreitet. Wer genau hinschaut entdeckt, dass dahinter die Pharmariesen MSD und Essex stecken. Was also hat es damit auf sich?

Die beiden Konzerne wollen sich dazu nicht äußern. Wie sieht der Bundesverband der pharmazeutischer Industrie diese Kampagne? "Ich denke, es ist eine gute Servicegeschichte, um eben einfach deutlich zu machen: wo könnten Probleme sein, und was muss ich gegebenenfalls tun? Und muss ich das nicht mal mit meinem Arzt besprechen", findet Professor Barbara Sickmüller vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie.

Aufklärung oder Desinformation?

Also einfach nur Aufklärung von Patienten? Oder geht es um Werbung von verschreibungspflichtigen Medikamenten, die in Deutschland verboten ist? Nachfrage bei Professor Peter Sawicki vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit. Das unabhängige Institut untersucht den Nutzen von Medikamenten. Sawicki hält die Kampagne für Desinformation. Risiken würden verschwiegen: "Es ist keine Patientenaufklärung, es ist Werbung. Oder es ist ein Versuch der Umgehung des Werbeverbots für solche Medikamente. Der Gesetzgeber hat sich aus guten Gründen entschlossen, keine Werbung direkt an die Patienten, direkt an die Verbraucher zuzulassen, weil er eine Manipulation der Verbraucher befürchtet. Und genau das passiert hier, was der Gesetzgeber nicht wollte."

In der Tat. Entwickelt wurde die Kampagne von der Werbeagentur H & C Heye. Die Auftraggeber: MSD und Essex. Dahinter steckt eine ausgeklügelte Strategie. "Im Fokus der Kampagne stehen die Patienten oder der Patient. Er wird informiert, sie werden informiert, über Anzeigen zunächst, aber auch über das Internet", erklärt der Managing Director der Werbeagentur, Bernd Hoffmann.

Geschickt wird der Patient dann so gelenkt, dass ein Arztbesuch dringend geboten erscheint. Dafür bekommt er sogar einen Leitfaden mit gezielten Fragen an die Hand. Hoffmann weiter: "Ziel der Aktivitäten ist es, einen Push zu erzeugen vom Patienten hin zum Arzt, der entsprechend ebenfalls, zum Beispiel über Anzeigen, vorinformiert ist und dann im Idealfall das entsprechend richtige Medikament verordnet."

Auf die Schlüsselworte kommt es an

In diesem Fall ist das Inegy, ein neuer Cholesterinsenker von Essex und MSD. Andere, bewährte Cholesterinsenker kosten bis zu 90 Prozent weniger. Aber Inegy soll jetzt als besonders wirksame Innovation in den Markt gedrückt werden. Die Kampagne funktioniert auch, ohne den Namen Inegy ein einziges Mal zu erwähnen. Der Patient muss nur dazu gebracht werden, beim Arzt bestimmte Schlüsselwörter zu nennen. "Wenn er diese Schlüsselwörter hört, weiß er im Prinzip - in Anführungszeichen - was er zu tun hat", so der Werbefachmann.

Im Klartext: Ärzte wie Dr. Klaus Weckbecker sollen dann das Rezept für das richtige Medikament ausstellen. Der Arzt ist verärgert: "Die versuchen mich zu missbrauchen. Da wehre ich mich, so gut ich kann. Ich bin mir bewusst, dass die Patienten beeinflusst werden. Ich versuche mich zu wehren. Das ist eine Strategie, die in Kauf nimmt, dass die Gesundheit der Leute gefährdet wird. Und das ist etwas Schreckliches."

Aber die Strategie scheint aufzugehen, zumindest wenn es darum geht, mehr Medikamente zu verkaufen. Das bestätigen die Umsatzzahlen. Nach diesem Muster funktionieren Dutzende Pharmakampagnen in Deutschland. Besonders gern bewerben die Konzerne neue, teure Medikamente, die lebenslang eingenommen werden müssen. Als Patientenservice getarnt locken sie Interessierte an, verunsichern sie, sammeln deren Daten und schicken sie mit gezielten Fragen zum Arzt - auch mit der Aufforderung, sich nicht abwimmeln zu lassen.

Kampagnen in Millionenhöhe

"Hier geht es darum, das Arzt-Patienten-Verhältnis und das Gespräch gezielt zu lenken und zu beeinflussen. Und das ist verwerflich", findet Prof. Peter Sawicki. Dennoch gibt die Pharmaindustrie hierzulande schätzungsweise dreistellige Millionenbeträge für solche Kampagnen aus. Tendenz steigend. Trotz Heilmittelwerbeverbots. Mit der Kritik konfrontiert, räumt der Pharmaspitzenverband ein, dass die Sache rechtlich noch nicht geklärt ist: "Unserer Meinung nach ist es keine Werbung. Über die Grenzen der Informationen zu bestimmten Indikationsbereichen kann man sicher streiten, aber bevor da keine gerichtlichen Bewertungen vorliegen, ist es erst mal keine Werbung, weil kein Produkt spezifisch genannt wird", erklärt Prof. Barbara Sickmüller.

Die Verbraucherzentralen prüfen jetzt eine Klage. Doch bis ein Richter die Industrie stoppen könnte, laufen die millionenschweren Kampagnen weiter. Bleibt die Frage, wer am Ende für all das aufkommt. Für Prof. Peter Sawicki ist die Antwort klar: "Alle Kosten, die die Industrie im Rahmen der Vermarktung, im Rahmen der Werbekampagnen, im Rahmen der Herstellung und Überprüfung der Medikamente hat, zahlt die Solidargemeinschaft. Das heißt, wir zahlen in diesem Fall unsere eigene Irreführung."

aus der Sendung vom

Do, 30.11.2006 | 22:01 Uhr

SWR Fernsehen

Das neue Odysso-Logo von 2016

Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.