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SENDETERMIN Do, 16.11.2006 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Verfault und runtergekaut Mrs. Miller und die Zähne des Pharao

Verfault und runtergekaut: Der wahre Fluch der Pharaonen waren ihre Zähne. Ramses II z.B. litt unter Parodontose, die sich bis zu den Knochen durchgefressen hatte. Ein massiver Abszess saß auf seinem Unterkiefer, und die verbliebenen Zähne waren so abgekaut, dass nur noch kleine Kegel standen. Kräftig Zubeißen konnten die Pharaonen nur selten. Und häufig waren ihre Zähne so schlecht, dass die Entzündungen sogar zum Tod führten. Das bestätigt jetzt eine Studie der britischen Ägyptologin und Zahnärztin Dr. Judith Miller, die Tausende von Mumien, Schädeln und Knochen untersuchte. Odysso begibt sich auf eine Detektivreise ins Reich der alten Ägypter und erklärt, warum Pharaonen niemals lächelten.

So was hatte sie noch nie gesehen

Große Steinfigur eines Pharaos

Mächtige Herrscher - aber schlechte Zähne

Sie waren die mächtigsten Herrscher ihrer Zeit. Doch die Pharaonen des antiken Ägyptens waren machtlos im Kampf gegen eine Qual des Alltags. Ramses der Zweite, seine Vorgänger und Nachfolger - sie alle litten unter schlechten Zähnen.

Judith Miller hat den alten Ägyptern auf den Zahn gefühlt. Die Engländerin arbeitete 40 Jahre lang als Zahnärztin. Doch eine Ägyptenreise veränderte ihr Leben. Und bescherte der Wissenschaft neue Einblicke in den Alltag der alten Ägypter. Fasziniert von der Reise belegte sie Abendkurse in Ägyptologie. Und da sah sie zum ersten Mal Kiefer und Schädel von Mumien. Mit so schlechten Zähnen, wie sie sie noch nie gesehen hatte. "Ich war geschockt. So sehr, dass ich die Sache mit Kollegen in der Zahnklinik besprechen wollte. Aber die glaubten mir nicht! Ich kaufte mir daraufhin eine Digitalkamera. Erst dann waren meine Kollegen davon überzeugt, dass ich keine Gespenster sah."

Im Gegensatz dazu glaubten die Ägyptologen an der Universität von Manchester und dem angeschlossenen Museum der Zahnärztin sofort. Rosalie David, eine der renommiertesten englischen Ägyptologinnen, nahm die Zahnärztin in ihr "Mumienteam" auf. Judith Miller entschied sich daraufhin mit 55 Jahren, noch einmal neu zu studieren: forensische Ägyptologie.

Viele Menschen müssen schreckliche Zahnschmerzen gehabt haben

Drei Jahre studierte Judith Miller neben ihrem Job. Dann fasste sie einen Entschluss. Sie wollte ihre Zahnarzt-Karriere an den Nagel hängen und stattdessen eine Doktorarbeit über die Zahngesundheit im alten Ägypten schreiben. Die Probleme ihrer Patienten waren zur Routine geworden. Was lockte, war das Rätsel Jahrtausende alter Gebisse. Die heute 66-Jährige unterzog mehr als 500 Schädel und Kieferknochen einer eingehenden Untersuchung. Zähne aus einem Zeitraum von mehr als 3.000 Jahren. Sie konnte kaum glauben, was sie sah. Die Zähne der alten Ägypter aus der Zeit der ersten Dynastien über das Alte, Mittlere und Neue Reich bis in die Epoche der Ptolemäer waren wesentlich schlechter als man angenommen hatte: Meistens war der Zahnschmelz fast völlig abgerieben. Offen lag das Zahninnere mit den Nerven zutage. Auch die Kieferknochen waren oft so deformiert, dass der Betroffene seinen Mund nicht mehr richtig öffnen konnte. Die Folge von ständigem Kauen auf nur einer Seite.

Judith Miller: "Viele Menschen im alten Ägypten müssen schreckliche Zahnschmerzen gehabt haben. Allein durch die Knochenschädigungen, die vermutlich durch Abszesse hervorgerufen wurden. Oder wegen der Entzündungen aufgrund mangelnder Zahnhygiene. Ich glaube sogar, dass viele an Blutvergiftung gestorben sind." Doch das Bild, das sich Judith Miller bot, war nicht einheitlich. Abgeriebene Kronen, Löcher im Kiefer aufgrund eitriger Entzündungen und Karies im Wurzelbereich waren bis zum 3. Jahrhundert vor Christus weit verbreitet. Doch plötzlich änderte sich die Lage: Ab dem 3. Jahrhundert vor Christus waren die Zahnkronen in viel besserem Zustand. Zähne wie sie auch heute zu sehen sind. Aber wieso besserten sich die Zähne mit dem Beginn der Herrschaft der Griechen im alten Ägypten? Und warum sahen die Zähne drei Jahrtausende lang so aus, als wären sie mit Schmirgelpapier abgeschliffen worden?

Waren Ernährungsgewohnheiten die Ursache?

Die Zahnärztin mit dem Hang zu längst verstorbenen Patienten begab sich auf die Suche nach den Ursachen für den Wandel. Waren vielleicht Ernährungsgewohnheiten der Grund? Tatsächlich fand Judith Miller einen möglichen Schuldigen: eine besonders grobe Weizenart. Ihre Körner waren so hart, dass man Sandkörner zum Mahlen hinzufügte. Über Jahrtausende war das Brot in Ägypten - Hauptnahrungsmittel aller Ägypter - dadurch mit Sand verunreinigt. Auch das Mahlen und Backen unter freiem Himmel führte dazu, dass sich im Brot vieles wiederfand, das dort nicht hinein gehörte. Und das die Zähne beim Kauen abrieb und zerstörte. Erst die Griechen brachten einen neue Weizenart ins Land. Und die Zähne besserten sich. Doch warum hatten die Ägypter nicht schon vorher etwas gegen ihre schlechten Zähne unternommen? Dr. Miller weiß es nicht: "Die waren völlig hilflos. Ich weiß wirklich nicht, warum sie nichts gegen ihre schlechten Zähne unternommen haben. Ich habe viele Gebisse gesehen, bei denen man den kaputten Zahn einfach mit den Fingern hätte ziehen können. Und trotzdem war er noch an seinem Platz."

Eine überraschende Erkenntnis, obwohl die Ägypter doch so viel wussten über die Anatomie des Körpers und sogar Operationen durchführten. Warum litten selbst die reichsten und mächtigsten Männer jener Zeit lieber an fürchterlichen Zahnschmerzen als sich einen Zahn ziehen zu lassen? Vielleicht werden es Judith Miller's Studenten, die sie heutzutage an der Universität unterrichtet, eines Tages herausfinden.

aus der Sendung vom

Do, 16.11.2006 | 22:00 Uhr

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