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SENDETERMIN Do, 9.11.2006 | 22:03 Uhr | SWR Fernsehen

Wenn der Hunger nicht aufhören will Dickmacher Glutamat

Wer kennt sie nicht, die Pfunde, die bei manchem ansetzen und einfach nicht mehr runter wollen. Leider gibt es dagegen noch keine Wunderdiät. Trotzdem muss es Gründe dafür geben, dass die einen dick werden und die anderen nicht. Lange Zeit wurde das Fett in der Nahrung für die Extra-Pfunde verantwortlich gemacht, doch das scheint nicht zu stimmen, genauso wenig wie die Kohlenhydrate, die auch schon verteufelt wurden. Jetzt gibt es einen neuen Verdächtigen: Glutamat, das offensichtlich in der Lage ist, unsere Hungerbremse im Gehirn außer Kraft zu setzen.

Professor Michael Hermanussen

Der Kinderheilkundler Professor Michael Hermanussen

Zu diesem Ergebnis kam der Kieler Kinderheilkundler Professor Michael Hermanussen auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, warum dicke Kinder und Erwachsene ständig hungrig sind. Doch seine Untersuchungen zeigten noch etwas anderes: "Die Glutamat-Produktion ist vielleicht nicht das Einzige. Wir denken eben auch, dass es der Eiweißkonsum insgesamt sein könnte. Moderne Menschen ernähren sich zunehmend lieber von eiweißreicher Nahrung. Und Eiweiß gilt ja auch als gesund. Man isst eben gerne Eiweiß und Obergrenzen des Eiweißkonsums werden nicht ernsthaft diskutiert."

Jährlich 1,7 Millionen Tonnen Glutamat

Fleisch, Käse und Tomaten enthalten schon von Natur aus bis zu 20 Prozent natürliches Glutamat, ein Bestandteil von Eiweiß. Dazu kommt künstlich zugesetztes Glutamat, vor allem in asiatischem Essen oder in Fertignahrung. Es ist kein Geschmacksverstärker - obwohl man es fälschlicherweise als solchen bezeichnet. Glutamat ruft auf unserer Zunge die Geschmacksrichtung "umami" oder "deftig, fleischig" hervor. Die zugesetzten Mengen werden immer größer: 1,7 Millionen Tonnen Glutamat werden weltweit jährlich produziert - und gegessen!

Die Professorin Susanne Klaus vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung bestätigt: "Es ist bekannt, dass Glutamat in experimentellen Situationen dick machen kann. Also wenn man das neugeborenen Ratten injiziert, dann werden sie fett. Das macht man sogar extra im Modell, um fette Ratten zu bekommen. Und das liegt daran, dass Glutamat bestimmte Regionen im Hirn, also im Hypothalamus, zerstört. Und dadurch fressen die Tiere dann mehr und werden dick."

Permanentes Hungergefühl durch Glutamat?

Allerdings bekamen die Modellratten sehr große Mengen Glutamat gespritzt. Die neuen Studien von Prof. Hermanussen zeigen jetzt aber, dass auch geringe, über längere Zeit über die Nahrung aufgenommene Glutamat-Mengen die gleichen Folgen haben können: Die Tiere werden fresssüchtig und nehmen deutlich zu. Hermanussen vermutet, dass auch beim Menschen langfristig erhöhte Glutamat-Mengen über die Blut-Hirnschranke ins Gehirn gelangen und den natürlichen Glutamatspiegel im Gehirn verändern. Die Folge: permanentes Hungergefühl.

Patienten, die an Übergewicht und ständigem Hunger leiden, gab Hermanussen ein Medikament, das diese Entgleisung eindämmt. Mit Erfolg, wie eine Patientin berichtet: "Nach der Einnahme der Tropfen war das Hungergefühl weg. Ich hab vorher - na ja, schon gerne zwei Brötchen zum Frühstück geschafft. Das war gar kein Problem. Und Portionen, wie man sie im Restaurant eben kennt. Und nachdem ich die Tropfen genommen habe, war es gar kein Problem, auch mal mit einem Möhrchen oder Gürkchen klarzukommen, weil man nicht das Gefühl hatte, man muss so einen Berg essen, um satt zu sein."

Fettreduziert essen und doch nicht abnehmen?

Die Studie könnte damit zum ersten Mal erklären, warum viele übergewichtige Menschen in den USA nicht abnehmen, obwohl sie weniger fettreiches essen. Der hohe Anteil an Eiweißen und Glutamat in der Fertignahrung führt zu immer mehr Hunger. Und mehr noch: vor allem fettreduzierte Nahrungsmittel enthalten einen höheren Anteil an Eiweiß und Glutamat. Die Verträglichkeit wurde aber fast nur in asiatischen Ländern getestet. Möglicherweise, so Prof. Hermanussen, seien Ostasiaten, die ja sehr viel Glutamat essen, unempfindlicher gegen diese Substanz als Monosubstanz in der Ernährung. Doch eine Bestätigung für diese These gibt es nicht.

Eine brisante Situation, denn Glutamat ist in unserer täglichen Kost allgegenwärtig. Künstlich zugesetztes Glutamat findet man auf der Zutatenliste unter den Zusatzstoffen der Nummern E620 bis E625. "Das Problem ist ein bisschen, dass die Mengen nicht angegeben sind. Also sie sind nicht verpflichtet, anzugeben, wie viel Glutamat zugesetzt ist. Aber wenn man da Bedenken hat, sollte man Sachen vermeiden, wo diese Nummern angegeben sind", so Prof. Klaus.

Eiweißkonsum einschränken

Michael Hermanussen geht noch etwas weiter: "Also wir haben einfach bisher wenig Informationen und ich bin vorsichtig und würde sagen: sofern es keine Notwendigkeit gibt, so viel Eiweiß zu essen - und diese Notwendigkeit sehe ich zur Zeit nicht - würde ich empfehlen, den Eiweißkonsum auf ein Maß einzuschränken, von dem wir sicher wissen, dass es ungefährlich ist. Und das ist ja auch notwendig, wir brauchen unser Eiweiß."

Einige Diäten empfehlen sogar, noch mehr Eiweiß zu essen. Was früher Mangelware war, könnte heute für viele Menschen in eine Sackgasse aus Übergewicht und deren Folgekrankheiten führen.

aus der Sendung vom

Do, 9.11.2006 | 22:03 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.