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SENDETERMIN Do, 13.7.2006 | 22:06 Uhr | SWR Fernsehen

Die Heilpflanze Artemisia annua Tee gegen Malaria

Viele Kinder in Afrika leiden unter der gefährlichsten Form der Malaria, der Malaria tropica. Ohne Medizin haben sie keine Überlebenschance. Zwar gibt es neue, wirksame Medikamente, doch die sind nicht überall zu bekommen und zudem für die arme Bevölkerung unbezahlbar. Die älteren, billigen Medikamente, die man die ganzen Jahrzehnte zuvor benutzt hat, haben ihre Wirksamkeit verloren, weil der Malariaerreger gegen sie resistent geworden ist. Ein Todesurteil für viele Malariakranke, besonders aber für Kinder, weil sie noch keine Abwehr gegen den Erreger aufbauen konnten.

Die Heilpflanze Artemisia annua

Die Heilpflanze Artemisia annua

Dabei ist gegen Malaria ein Kraut gewachsen: Die Heilpflanze Artemisia annua. Von den Chinesen wird sie bereits seit 2.000 Jahren erfolgreich gegen Malaria eingesetzt. Nun wurde sie auch im Westen entdeckt. Eine Gruppe von Medizinern und Heilern hat sich deshalb zusammengefunden und die "Aktion natürliche Medizin in den Tropen" gegründet, kurz Anamed. Die Mitglieder bauen die Artemisia als Spezialzüchtung in vielen kleinen Projekten überall auf der Welt an, auch in Tansania in Ostafrika.

Malariatherapie für die Allerärmsten

Geerntet wird vor der Blütezeit, denn dann ist der Artemisinin-Gehalt in den Blättern am höchsten. Wenn sie gut getrocknet und gelagert werden, bekommt man einen Tee mit hoher Wirkstoffkonzentration. Der Gründer von Anamed, der Apotheker Dr. Hans-Martin Hirt, hatte bereits vor zehn Jahren die Idee, die Pflanze überall dort anzusiedeln, wo es Malaria gibt: "Unsere Vision war, dass für Jahrtausende auch für die allerärmsten Menschen eine Malariatherapie möglich ist. Und diese Therapie wurde uns jetzt ermöglicht durch die Wiederentdeckung der Pflanze Artemisia annua. Wir wollen, dass die Pflanze nicht irgendwie patentiert wird, sondern dass diese Pflanze verfügbar ist und dass auch eine einzelne Familie sie im Garten heranziehen kann oder eine Klinik im Klinkgarten diese Pflanze ziehen kann", erklärt Hans-Martin Hirt.

Dennoch spricht sich die Weltgesundheitsorganisation WHO gegen den Tee aus - obwohl auch sie weiß, dass er Artemisinin enthält, ein potentes Mittel gegen Malaria. Warum, erklärt Dr. Pascal Ringwald so: "Wir haben mehrere Bedenken gegen den Artemisia-Tee. Eine erste Einschätzung zeigt, dass er nicht sehr wirksam ist. Zweitens: Es bedeutet, dass man erst einmal untersuchen müsste, wie viele Teeblätter in eine Tasse Tee hinein müssten, um eine gute Konzentration von Artemisinin zu erreichen. Und drittens hat die WHO den Gebrauch von Artemisia-Monotherapien untersagt, um die ACTs zu fördern und der Artemisia-Tee muss als Monotherapie betrachtet werden."

60 Wirkstoffe im Tee

Doch dagegen wehrt sich Dr. Hirt energisch: "Wir können sagen, dass wir im Tee 60 Wirkstoffe haben. Diese 60 Wirkstoffe wirken oftmals synergetisch und verhindern damit die Resistenzen. Wir haben auch gezeigt, dass man den Tee sehr exakt dosieren kann. Wir haben gezeigt, dass der Gehalt über drei Jahre lang stabil bleibt, wenn der Tee richtig getrocknet und gelagert wird. Wir haben daraufhin Richtlinien erarbeitet, wie der Tee allein verwendet werden kann, wie der Tee aber auch für Personengruppen verwendet werden kann, die immungeschwächt sind, zum Beispiel durch HIV. Bei diesen Personengruppen kombinieren wir den Tee mit alten, patentfreien Malariamitteln und bekommen dadurch eine gute Wirksamkeit."

Schützenhilfe für den Tee kommt auch aus einer ganz unerwarteten Richtung: Die Ricam ist eine Organisation, die im Auftrag der WHO und der Universität Oxford weltweit Malariapflanzen untersucht. "In abgelegenen ländlichen Gebieten, zum Beispiel in den entfernten Teilen des amazonischen Regenwaldes in Brasilien oder Afrika gibt es keine Malaria-Behandlung. Und diese Pflanzen können Menschen wenigstens die ersten zwei bis drei Tage am Leben halten, bis sie ein modernes Gesundheitszentrum erreichen", so der Forschungsleiter Dr. Merlin Willcox.

Die WHO setzt auf die Pharma-Industrie

Trotzdem hat die WHO nichts unternommen, um Anamed zu helfen, über Anbau und Wirkung von Artemisia-Pflanzen zu informieren um sie weltweit verbreiten zu können. Stattdessen setzte sie ausschließlich auf die Entwicklung von Tabletten aus Artemisinin und so genannten ACTs, produziert vom Pharmakonzern Novartis. Diese Präparate kombinieren den Wirkstoff Artemisinin mit einem anderen Malariamittel. So soll der Entstehung von Resistenzen vorgebeugt werden. Die WHO ordnet an, nur noch solche ACTs einzusetzen und verbannt Präparate, die als einzigen Wirkstoff Artemisinin enthalten. Also auch den Artemisia-Tee.

Tatsache ist jedoch, dass die neuen ACT-Tabletten in vielen Ländern gar nicht, oder nur in den Städten zu haben sind. Und wenn, sind sie für viele zu teuer. Der Artemisia-Tee hätte schon seit Jahren viele Menschenleben retten können - wenn er gefördert worden wäre. Warum aber bremst die WHO seine Verbreitung aus? Für Hans-Martin Hirt ist die Sache klar: "Ich denke, es hat politische Gründe. Leider ist die WHO so arm, dass sie sich selbst nicht ernähren kann. Deshalb braucht sie Unterstützung von außerhalb, und das ist die Pharmazeutische Industrie. Die Pharmazeutische Industrie muss Gewinn machen - und mit dieser Pflanze kann sie keinen Gewinn machen. Und daher auch keine Patente einbringen. Nun denke ich, wenn wirklich alle 12 Sekunden ein Mensch an Malaria stirbt, dann ist das eben gerade diese WHO - die industrieabhängige WHO - die das nicht bekämpfen kann, die diese Menschenleben nicht retten kann. Ich selber habe viele Kliniken besucht in der Dritten Welt. Sie haben keine Tabletten und sie haben auch nicht den Tee. Die Tabletten haben sie nicht, weil die Finanzen fehlen. Und den Tee haben sie nicht, weil die WHO ihn nicht empfiehlt." Dagegen argumentiert Dr. Pascal Ringwald: "Für die WHO gilt eine Therapie erst ab 95 Prozent Wirksamkeit als effektiv. Und 80 Prozent ist weniger als 95 Prozent."

Anstatt zu helfen, stellt die WHO lieber Maximalforderungen: Entweder fast 100-prozentige Sicherheit oder gar nichts.

aus der Sendung vom

Do, 13.7.2006 | 22:06 Uhr

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