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SENDETERMIN Do, 20.9.2012 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Macht der Erinnerung

Wie uns das Gehirn austrickst

PTBS – Posttraumatische Belastungsstörung. So heißt ein heimtückisches Leiden, ausgelöst durch Überlastungen des Gehirns nach einer sehr stressigen Situation, wie einem Unfall. Eine neue Therapie kann helfen, zumindest Walter Schmischke, nach seinem Unfall.

Motorradfahrer fährt durch den Berufsverkehr

Der Weg zur Arbeit: Anfang eines Horrortrips...

Walter Schmischke hat erfahren müssen, welche Macht Erinnerungen haben können. Erinnerungen, die sich dem Bewusstsein entziehen. Vor dreieinhalb Jahren beginnt für ihn auf der Fahrt zum Arbeitsort eine Reise in den Horror.

"Ich habe mir das Schlüsselbein gebrochen, das rechte Schulterblatt drei Mal, neun Rippen, die zwei unteren sogar zwei Mal gebrochen und dann ist auch die rechte Lungenseite perforiert worden. Ich habe dann eine ganze Zeit lang erstmal nur mit links gejappst." Was ihm damals als Motorradfahrer passiert ist, weiß Walter Schmischke nur aus dem Polizeibericht: Zuerst läuft alles gut, doch dann schneidet ihn ein LKW von der Nebenspur. "Der kam abrupt rechts rüber, da bin ich hingeflogen, und das Motorrad hat sich dann einmal in der Luft gedreht. So hat man es mir hinterher erzählt", berichtet Walter Schmischke.

Angstzustände und Panikattacken

Mann hält gebrochenen Motorradhelm in der Hand

Erinnerung an vergangene Zeit: der durch den Unfall beschädigte Helm.

Seine bewusste Erinnerung an damals ist ausgelöscht und doch haben sich die traumatischen Eindrücke des Unfalls über die Nervenimpulse tief in das Gedächtnis eingeprägt. Mit Folgen für die Gesundheit. „In dem Maße, wie meine körperlichen Beschwerden und Schmerzen nachließen, hatte ich immer weniger eine vernünftige Erklärung dafür, warum ich nachts so schlecht schlief, hoch geschreckt bin, nicht weiterschlafen konnte, mich tagsüber völlig zerschlagen und müde gefühlt habe. Je länger das andauerte, umso beunruhigter war ich, weil mir kein Arzt sagen konnte, womit das zusammenhing.“

Zu seiner Schlaflosigkeit treten damals auch Angstzustände und Panikattacken auf. Als Erinnerungsstück an den Unfall ist ihm nur der verbeulte Helm geblieben. Der Körper ist zum Glück längst genesen, aber das eigentliche Problem steckt nun in seinem Kopf. Sein Gehirn konnte die vielen zeitgleichen Eindrücke während des Unfalls nicht verarbeiten und bewusst zuordnen. Dennoch wurden diese Informationen ungefiltert ins Langzeitgedächtnis übertragen und dort abgespeichert. Doch hier flackern sie als unbewusste Ängste und Belastungen immer wieder auf. „Man wird verunsichert dadurch“, so Walter Schmischke, „man weiß ja nicht, was da gerade mit einem geschehen ist. Das ist kein schönes Gefühl.“

Von Mäusen und Menschen

Maus steht auf Gitterstäben in einem Käfig

Negative Erinnerung: Obwohl in den Gitterstäben kein Strom fließt, verharrt die Maus in der Angststarre.

Wie sich solche belastenden Erinnerungen genau erklären und womöglich heilen lassen, wird an der Universität Göttingen erforscht. Hier dienen Mäuse als Stellvertreter für den Menschen. In einem speziellen Käfig erhält eine Maus leichte Elektroschocks über die Gitterstäbe. Die Folge: Sie ist überfordert und fällt in eine typische Angststarre. Auch als die Elektroschocks in den kommenden Tagen ausbleiben, hält ihre Angst trotzdem an. Sie erinnert sich an die unangenehme Erfahrung. Verantwortlich dafür ist wie beim Menschen ein bestimmtes Erinnerungs-Enzym im Gehirn. Die Göttinger Forscher können dieses Enzym blockieren. Die Maus erinnert sich nicht mehr an die Elektroschocks und zeigt ein völlig entspanntes Putzverhalten. Ein möglicher erster Schritt zu einem Medikament gegen traumatische Erinnerungen.

Eine verblüffend einfach wirkende Therapie

Mann sitzt mit einem Betreuer vor einem Gerät mit einer Reihe an Leuchtdioden die in einer Linie nacheinander abblinken.

REM im Wachzustand: Durch die Augenbewegungen verarbeitet das Gehirn vergangene Ereignisse auch am Tage.

Doch eine Maus ist kein Mensch. Für Walter Schmischke gibt es noch keine Pille, die sein Unfall-Trauma auslöscht. Und schließlich sind unsere Erinnerungen Teil der Persönlichkeit. Er musste also einen anderen Weg finden. Und der heißt, die Erinnerungen aufrufen und bearbeiten. Die Lösung bietet eine verblüffend einfach wirkende Methode namens EMDR-Therapie. Der Mediziner und Psychotherapeut Arne Hofmann hat sie in Deutschland etabliert. Sie basiert darauf, dass der Patient die Augen wie im Tiefschlaf hin und her bewegen soll. In dieser so genannten REM-Phase bearbeiten wir unsere Erlebnisse. Das Gehirn sortiert nachts unsere Eindrücke. Erschreckende, besondere oder auch plötzliche Ereignisse, die wir nicht richtig verarbeitet haben. Auch verschüttete Erinnerungen wie die an einen Unfall treten zu Tage und können durch die Augenbewegungen auf noch ungeklärte Weise wach gerufen und bearbeitet werden. „Es geht um einen Selbstheilungsmechanismus“ sagt Dr. Arne Hofmann, Psychiater, Psychotherapeut und Gründer des EMDR-Instituts Bergisch Gladbach. „Ich gucke immer nur, dass es zurückführt zu dem Netz, wo wir vermuten, dass da das Problem sitzt. Und siehe da, in den meisten Fällen löst sich das Problem, auch auf der körperlichen, der Empfindungsebene, und wenn sie das eine Reihe von Malen gemacht haben, ist das schneller als die meisten therapeutischen Bemühungen, die wir sonst anbieten können.“

Für Walter Schmischke ist die Therapie schon nach gut zehn Sitzungen beendet: „Das war dann auch der Weg über wenige Wochen wo es mir schrittweise wieder deutlich besser ging. Und wo ich heute sagen kann, ich bin wieder in einem vergleichbaren Zustand wie vor dem Unfall. Mir geht es wieder gut.“

Die große Macht der Erinnerung – Walter Schmischke hat sie überwunden.