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Streit um Gentechnik: Genome Editing Die Genschere - zweischneidig für die Natur

Schneller Züchten, robustere Pflanzen - die Industrie jubelt, wie etwa Crispr Pflanzengene "um"schreibt. Aber keiner weiß, was sie in der Umwelt bewirken. Natur- und Verbraucherschützer mahnen.

Crispr Gene Editing: Das CrisprCas9 Protein wird benutzt, um ein DNA-Molekül abzutrennen. Das DNA-Molekül kann dann verändert werden.

Crispr Gene Editing: Das CrisprCas9 Protein wird benutzt, um ein DNA-Molekül abzutrennen. Das DNA-Molekül kann dann verändert werden.

Der Europäische Gerichtshof hat über eine Klage aus Frankreich entschieden. Französische Verbände wollten damit grundsätzlich klären, ob neue Verfahren wie zum Beispiel die Gen-Schere Crispr/Cas unter das Gentechnikrecht fallen. Und falls nicht - wie dann Vorsorgeprinzip, Risikoabschätzung und Rückverfolgbarkeit gewährleistet werden. Der EuGH hat diese Technik nun dem strengen EU-Gentechnikrecht untergeordnet.

Fragen an Alice Thiel-Sonnen, SWR Umwelt und Ernährung

Wo kommt moderne Gentechnik wie die Genschere Crispr auf dem Acker oder im Stall bereits zum Einsatz?

Champignons auf einem Teller

In USA bald verfügbar: Champignons, die nicht braun werden beim schneiden.

Auf dem Markt ist noch nichts. Aber die Entwicklungen sind teils schon weit. In den USA ist bereits auf dem Acker eine Sojabohne getestet worden, die extra viel gesunde Fettsäuren produziert. Auch ein Champignon, der beim Anschneiden keine braunen Schnittstellen bekommt, also länger haltbar ist, ist marktreif - ist aber wohl noch nicht im Handel.

Bei den Pflanzenforschungen arbeitet man daran, wie kann man Reisbräune beim Reis vermeiden oder Mehltau bei Weizen - also wie kriegt man die Pflanzen dazu, dass sie weniger von den typischen Pflanzenkrankheiten befallen werden. Bei Nutztieren ist man noch nicht ganz so weit hinsichtlich der Marktreife. Da geht es beispielsweise darum, Rinder ohne Hörner zu züchten oder Schweine, die resistent sind gegen die Afrikanische Schweinepest.

Was lässt sich mit diesen neuen Gentechnik-Verfahren erreichen?

Moderator Jens Hübschen im Sojabohnen-Feld

Gentechnisch umgeschrieben: Sojabohnen mit ungesättigten Fettsäuren

Neue Züchtungen lassen sich damit vor allem schneller erreichen als mit der klassischen Züchtungsmethode. Und auch schneller als mit der alten klassischen Gentechnik.

Das hängt damit zusammen, dass man beim Genome Editing die vorhandenen Gene "um"schreibt - das wäre die Übersetzung. Bestimmte Bausteine in der DNA werden ausgeknipst, anders kombiniert, angeschaltet. Damit kann man bestimmte Eigenschaften in der Pflanze herausarbeiten oder ausschalten. Also bei der Sojabohne hat man beispielsweise zwei Gene ausgeschaltet - und jetzt produziert sie mehr einfach ungesättigte Fettsäuren.

Man hat gehaltvolle, haltbare Lebensmittel im Blick, weniger Befall mit Pflanzenkrankheiten, robustere Pflanzen, die nicht so viele Pestizide brauchen, die höhere Erträge bringen. Das sind so ein paar langfristige Ziele, die man im Auge hat.

Es wurde gestritten, ob das nun unter Gentechnik fällt oder nicht. Was ist denn der Unterschied zu klassischer Gentechnik?

grünes Siegel auf weißem Grund mit Schriftzug "ohne Gentechnik"

"ohne GenTechnik" Siegel - bisher verlässlich

Bei der bisherigen, klassischen Gentechnik werden fremde Gene von Außen eingefügt. Also dem Mais wird beispielsweise das Gen einer bestimmten Bakterienart eingepflanzt, um ihn resistent gegen Herbizide zu machen. Beim Genome Editing arbeitet man in den meisten Fällen nur mit dem vorhandenen Erbgut. Das wird nur umgeschrieben.

Bei der klassischen Gentechnik haben wir am Ende einen GVO/gentechnisch veränderten Organismus. Beim Genome Editing haben wir die Pflanze wie vorher, nur mit neuer Eigenschaft. Das macht es so schwer, hier eine klare Linie zu ziehen. Die Einen sagen: Das ist aber trotzdem ein Eingriff in die Genetik. Die Andern sagen: kein veränderter Organismus, keine Gentechnik.

Warum ist es so wichtig, ob man das nun Gentechnik nennt oder nicht?

Bio-Hackfleisch liegt abgepackt in einer Kühltruhe in einem Supermarkt am 07.05.2010 in Frankfurt am Main.

Das Biosiegel bleibt weiterhin verlässlich.

Gentechnik ist gesetzlich geregelt. EU-Richtlinien und unser Gentechnikgesetz sagen klar: Es braucht eine Risikobewertung, bevor sie auf den Markt kommen. Es braucht Kontrollen. Da müssen die Produkte am Ende gekennzeichnet werden, damit der Verbraucher auch erkennt, hier ist Gentechnik drin.

Hab ich jetzt diesen Pilz oder das Soja mit der Genschere bearbeitet und es würde nicht unter die Rubrik Gentechnik fallen, fiele das alles weg. Verbraucher im Laden könnten nicht erkennen, ob das der spezielle Genscheren-Champignon ist. Der dürfte sogar von Biobauern angebaut werden und bekäme noch ein Biosiegel.

Welche Risiken befürchten Kritiker von Crispr in der Landwirtschaft?

Man weiß noch zu wenig, was in den so veränderten Pflanzen geschieht - und was solche Pflanzen draußen in der Umwelt bewirken. Einmal in der Umwelt, kann man sie nicht mehr zurückholen. Deshalb drücken Kritiker auf die Bremse.

Fragen wie: Mischen die sich mit anderen Sorten? Hat sich außer der gewünschten neuen Eigenschaft noch etwas anderes verändert? Verdrängen sie womöglich andere Arten? Wie derart gentechnisch veränderte Pflanzen auf die Umwelt und auf die Gesundheit wirken, dazu gibt es zu wenig Daten, Untersuchungen, Bewertungen. Das alles wollen Umwelt- und Verbraucherverbände gerne vorher in einer gründlichen Risikobewertung untersucht haben, bevor man draußen Fakten schafft, die man nicht mehr korrigieren kann.

Wie hat der Europäische Gerichtshof jetzt entschieden?

Die Richter beim Europäischen Gerichtshof sagen, so wie mit diesen Verfahren das Erbgut und die Pflanze verändert wird, so wäre das auf natürliche Weise nicht möglich. Also gelten sie als genetisch verändert und fallen damit unter die EU-Richtlinie und bei uns unter das deutsche Gentechnikgesetz. Damit gelten entsprechende Auflagen: Bevor so etwas wie dieser Genscheren-Champignon draußen angebaut werden darf, muss eine Risikobewertung stattfinden, es muss Kontrollen geben. Und wenn er in den Handel käme, dann müsste er klar gekennzeichnet werden als "genetisch verändert".

Online: Heidi Keller