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Bewusst einkaufen Regionale Produkte - woher kommen die eigentlich?

Produkte aus der Region genießen einen guten Ruf. Doch nach einer einheitlichen Kennzeichnung sucht der Kunde bislang vergebens, ebenso nach festen Anforderungen an die Hersteller und Produkte. Nicole Weik, Projektleiterin beim Bundesverband der Regionalbewegung e.V., kritisiert das.

Regionale Lebensmittel in einer Kiste

Bundesverband der Regionalbewegung e. V.

"Regional" ist ein Begriff, der bei den Kunden zieht. Doch wie regional ist denn zum Beispiel die Marmelade eines großen Herstellers, auf dessen Gläser "heimische Früchte" steht?

Das ist immer eine Frage der Begriffsdefinition. Der Verbraucher versteht unter "regional" im Normalfall, dass die Rohstoffe aus der Region stammen, das Produkt in der jeweiligen Region verarbeitet ist und dort auch wieder verkauft wird. Wenn die Früchte aber nur heimisch sind, also eventuell aus Österreich oder anderen Teilen der EU stammen, dann ist das natürlich kein Rohstoff aus der Region und somit eine Verbrauchertäuschung. Auch Deutschland ist ganz klar keine Region.

Nun befällt einen als Kunde aber teilweise der Verdacht, dass jeder Hersteller macht was er will und der Begriff "regional" so definiert wird, wie es gerade passt. Wieso gibt es auf dem Lebensmittelmarkt denn so ein Wirrwarr?

Portrait von Nicole Weik

Nicole Weik - Bundesverband der Regionalbewegung e.V

Weil es keinerlei gesetzliche Richtlinien gibt, das ist genau das Problem. Bei Bio-Produkten gibt es seit einigen Jahren gesetzliche Regelungen, damit nicht jeder seine Produkte als "Bio" kennzeichnen kann, auch wenn sie es gar nicht sind. Das fehlt leider im Regionalbereich. Es gibt derzeit keine einheitliche Kennzeichnung. Vor Gericht kann eine irreführende Produktbezeichnung kaum abgestraft werden, weswegen eigentlich jeder macht, was er will. Klar ist auch: Mit "regional" kann man im Moment einfach sehr gut Geld verdienen.

Auch die Politik sieht deswegen Handlungsbedarf: Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) plädiert für eine neue einheitliche Kennzeichnung, die den Namen "Regionalfenster" (siehe Kasten) tragen soll. Der Bundesverband der Regionalbewegung e.V. ist an der Ausgestaltung jedoch nicht beteiligt. Wieso?

In das Konzept des Regionalfensters spielen sehr viele Interessen hinein. Der Handel ist ebenso beteiligt wie die Bio-Verbände und andere Gruppierungen. Die Interessen sind dabei sehr stark von der Industrie und vom Handel geleitet und schrammen nach unserer Ansicht ein Stück weit am Ziel der wirklichen Regionalvermarktung vorbei – also dem Verkauf regionaler Rohstoffe vor Ort. Das Konzept des Regionalfensters entspricht nicht dem, was wir als Verband unter einer glaubhaften Kennzeichnung vertreten können, weswegen wir uns derzeit auch nicht daran beteiligen.

Das sogenannte Regionalfenster soll künftig als ein extra deklariertes Feld auf der Verpackung regional produzierter und vertriebener Lebensmittels zu finden sein. Damit ein Produkt mit einem Regionalfenster gekennzeichnet wird, muss
- die Hauptzutat vollständig aus der Region stammen
- mindestens 51 Prozent der Zutaten regional sein.
Die ersten Produkte mit Regionalfenstern sollen ab kommendem Jahr u.a. in Edeka-Märkten in Baden-Württemberg erhältlich sein [Link].

Was kritisieren Sie denn insbesondere am Regionalfenster?

Regionale Produkte auf dem Bauernmarkt

Regionale Produkte auf dem Bauernmarkt

An sich geht es vor allem um die Definition der Region: Im Moment darf im Regionalfenster eine Region so definiert sein: größer als eine Kommune, aber kleiner als Deutschland. Da bleibt natürlich zu viel Spielraum. Außerdem könnte der Anteil der regionalen Rohstoffe, die das Regionalfenster den Herstellern vorschreibt, definitiv höher sein. Zudem werden entscheidende Punkte wie kurze Transportwege, artgerechte Tierhaltung und die Verwendung von Gentechnik, durch das Regionalfenster nicht abgesichert. Das Zeichen ist in seiner jetzigen Form noch sehr weich.

Regionale Produkte gibt es bereits auch schon in den großen Supermärkten. Verrät das nicht den Gedanken des regionalen Produkts?

Nein, überhaupt nicht. Denn die Vermarktung in Supermarktketten bedeutet ja nicht zwangsläufig, dass das Produkt überregional vermarktet wird. Viele Supermarktketten sind aufgeteilt in Regionalgesellschaften, das heißt, sie vermarkten die Produkte in einem relativ engen Kreis. Wenn ein Hersteller an eine große Kette ein Produkt vermarktet, dann landet dieses nicht automatisch in allen Filialen Deutschlands. Zudem ist es für regionale Initiativen sehr wichtig, im Supermarkt vertreten zu sein, da hier noch immer der Haupteinkauf stattfindet.

Die Verbraucher sind generell bereit, für regionale Produkte etwas mehr zu bezahlen. Können Sie ungefähr sagen, welche Preisdifferenz gegenüber gewöhnlichen Produkten in Ordnung ist?

Regional vor Bio

2011 kauften die Deutschen eher Produkte aus der Region als Bio-Produkte

Grundsätzlich muss ein regionales Produkt nicht teurer sein. Die Preisbereitschaft beim Kunden liegt bei 15 bis 20 Prozent. Mehr wird auch selten verlangt. Regionale Produkte pendeln sich da preislich im Bereich der Bio-Produkte ein.

Welchen Nutzen hat der Kunde von regionalen Produkten – außer einem guten Gewissen?

Der Kauf regionaler Produkte kann den Landwirt oder Erzeuger vor Ort stärken. Zudem bleibt die regionale Wertschöpfung erhalten, das heißt, das Geld fließt nicht in andere Regionen ab. Und auch die Umwelt profitiert durch die kurzen Transportwege der Produkte. Die Konsumenten können mit ihrem Einkaufsverhalten also sehr viel bewegen.

Der 30. September 2012 ist der Tag der Regionen. Ein deutschlandweiter Aktionstag mit über 1.200 verschiedenen Angeboten, die regionale Produkte, Dienstleistungen und Engagement stärken sollen. Veranstaltungen finden vom 21. September bis 7. Oktober statt. [Link]