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Ökologischer Ausnahmezustand im Südwesten 28 Grad in Rhein und Mosel - Fische sterben

Während die Wasserpegel der Flüsse, aus denen Industrie und Kraftwerke ihr Kühlwasser entnehmen, täglich sinken, steigt die Wassertemperatur weiter. Das Fischsterben setzt weit unter 28 Grad ein.

Experten fürchten, das hitzebedingte Fischsterben geht in den nächsten Tagen weiter.

Experten fürchten, das hitzebedingte Fischsterben geht in den nächsten Tagen weiter.

In Deutschland halten die hohen Temperaturen an. Auf bis zu 37 Grad kann das Thermometer laut Deutschem Wetterdienst klettern. Im Wasser der Flüsse wurde jetzt erstmals der kritische Wert von 28 Grad überschritten.

Fragen an SWR-Umweltredakteurin Elke Klingenschmitt

Was bedeutet dieser Grenzwert von 28 Grad Celsius Wassertemperatur für Rhein, Mosel und andere Flüsse?

28 Grad Celsius sind nach der europäischen Oberflächengewässerverordnung maximal in Flüssen und Bächen erlaubt. Doch 28 Grad, das ist viel zu warm für die Wasserlebewesen, sagen Biologen. Dieser Wert stamme aus der umweltpolitischen Steinzeit, sagt zum Beispiel Axel Mayer, Geschäftsführer beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Für Fische und Wasserlebewesen gelten als verträgliche Temperaturen 18 bis 20 Grad Celsius.

Aber auch vor der diesjährigen Hitzewelle war der Rhein schon im Stress: Im Durchschnitt ist der Strom heutzutage drei Grad wärmer als noch vor hundert Jahren. Die Folge: Fische werden in ihrem Paarungsverhalten gestört. Das ist vor allem dramatisch für wandernde Fische: Sie ziehen sich in kühlere Seitenflüsse zurück, obwohl sie zum Laichen den Rhein aufwärts schwimmen sollten.

Der Hochrhein

Der Hochrhein: Ein Naturidyll, wenn nicht gerade Trockenheit herrscht.

Ein Rückblick zum Hitzesommer 2003 zeigt es: Bei 28,2 Grad in der Mosel und 28,6 Grad im Rhein starben damals im großen Umfang Körbchenmuscheln und Aale. Derart warmes Wasser kann viel weniger Sauerstoff binden: 28 Grad warmes Wasser hat nur ein Drittel des Sauerstoffs wie 10 Grad kaltes Wasser. Dann bleibt den Fischen buchstäblich die Luft weg.

Lebensgefährlich wird es vor allem für Kaltwasser-Fische wie Äschen und Forellen. Seit einigen Tagen sterben am Hochrhein bereits diese Fische. Auch in Altrhein-Gewässern sind schon vereinzelt tote Fische gefunden worden. Muscheln sterben auch. Der Schweizer Fischereiverband rechnet damit, dass in den nächsten Tagen am Oberlauf des Rheins viele Fische verenden.

Was lässt sich gegen den ökologischen Notstand in Flüssen tun?

Das heiße Wetter und der fehlende Regen sind nicht allein schuld an den hohen Wassertemperaturen: Viele Industriebetriebe und Kraftwerke entnehmen etwa dem Rhein Kühlwasser und leiten es aufgeheizt wieder in den Fluss zurück. Der BUND forderte deshalb einen sofortigen Stopp dieser Kühlwasser-Einleitungen, um größere ökologische Schäden zu verhindern. Die BASF in Ludwigshafen und das Kernkraftwerk Philippsburg haben bereits in geringem Umfang ihre Produktion gedrosselt.

In der Schweiz zum Beispiel gelten erheblich strengere Grenzwerte. Steigt die Temperatur im Fluss Aare im Tagesmittelwert auf über 20,5 Grad, muss das AKW Mühleberg seine Leistung drosseln. Letzte Woche war die Aare punktuell schon über 23 Grad warm, in der Folge wurde Mühleberg auf 89 Prozent Leistung gedrosselt.

Am Hochrhein sterben die Fische bereits, weil bestimmte Fischarten nur Wasser bis 20 Grad aushalten.

Am Hochrhein sterben die Fische bereits - bestimmte Fischarten halten nur Wasser bis 23 Grad aus.

Bereits im Juli haben die Schweizer Behörden zwischen dem Bodensee und Schaffhausen an den Mündungen kalter Bäche sechs Kaltwasserbecken als Zufluchtsorte für Fische ausgebaggert, in die sich die Fische flüchten können. In den Becken sammelten sich tausende Fische. Trotz dieser Maßnahmen hat am Hochrhein bereits ein hitzebedingtes Fischsterben begonnen.

Am Wochenende wurde laut schweizerischem Fischereiverband bereits rund eine Tonne toter Fische eingesammelt, vor allem Äschen, die wie gesagt kühles Wasser unter 23 Grad bevorzugen. Im Stein am Rhein westlich des Bodensees war das Rheinwasser aber schon über 27 Grad warm.

Wie sieht die Situation in Baden-Württemberg aus?

Blick in das Kernkraftwerk Phillipsburg und auf die Kühltürme

Kernkraftwerk Phillipsburg drosselt geringfügig.

Bei uns in Deutschland gibt es bisher keine einschneidenden Maßnahmen, damit sich der Rhein nicht weiter erwärmt. Die Behörden setzen vielmehr auf Ausnahmegenehmigungen: Seit vergangener Woche dürfen Kraftwerke in Baden-Württemberg sogar 28.5 Grad warmes Kühlwasser in den Rhein leiten, damit es keine Engpässe bei der Stromversorgung gibt.

Laut baden-württembergischem Umweltministerium hat bisher noch kein Kraftwerk im Land von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Täglich würden die Wassertemperaturen über ein Monitoring erfasst und bewertet. Man habe die Lage unter Kontrolle, sagte ein Pressesprecher des baden-württembergischen Umweltministeriums gegenüber dem SWR. "Wir merken es, wenn Fische sterben."

Wie ist die Entwicklung in Rheinland-Pfalz?

Blick auf das BASF-Gelände.

BASF fährt leicht zurück.

Die Wassertemperatur im Rhein hat die 28 Grad Marke geknackt - 28,3 Grad wurden gemessen am Sonntag an der Rheingütestation in Worms. Insgesamt muss man dafür sorgen, dass sich der Rhein nicht weiter erwärmt. Für das Gas- und Dampfturbinenkraftwerk Mainz-Wiesbaden werden zum Beispiel normalerweise jede Stunde 30 Millionen Liter Kühlwasser aus dem Rhein entnommen - so viel wie acht große, volle Schwimmbadbecken - und dann aufgeheizt wieder eingeleitet. Diese Menge wurde jetzt gedrosselt.

Auch die BASF in Ludwigshafen hält sich derzeit etwas zurück mit einer Wasserentnahme aus dem Rhein, damit sich das Rheinwasser nicht noch weiter erwärmt. Wenn es nicht besser wird, können einzelne Betriebe von der Struktur- und Genehmigungsbehörde dazu verdonnert werden, kein aufgeheiztes Kühlwasser mehr in den Rhein zu leiten.

Online: Heidi Keller

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