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Stechmücke

SENDETERMIN Di, 9.8.2016 | 18:15 Uhr | SWR Fernsehen

Nicht nur die Stechmücke stirbt! Schnakenbekämpfung als Gefahr für die Umwelt

Von Pascal Kiss und Corina van Lessen

Im Sommer können sie zu einer echten Plage werden. Damit es nicht soweit kommt, werden am Rhein die Larven der Stechmücken bekämpft. Dabei werden aber auch andere wichtige Mückenarten getötet.

Viel Aufwand für die Bekämpfung der Stechmücke

Sie wollen unser Blut. Besonders für die Menschen am Rhein sind Stechmücken eine Plage. Seit über 30 Jahren werden die Stechmücken deshalb am Rhein bekämpft. Die Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage e.V. (kurz KABS) ist hierfür zuständig. Sie fliegen zum Beispiel mit Helikoptern bei Hochwasser über überflutete Gebiete und versprühen ein biologisches Bekämpfungsmittel - das sogenannte BTI. Damit werden die Larven der Stechmücken abgetötet - noch bevor aus ihnen die Mücken schlüpfen. Zwischen Freiburg und Bingen gibt es besonders viele Stechmücken. Um eine Plage zu verhindern, wurde am Oberrhein allein dieses Jahr eine Fläche von 3.000 Hektar mit dem biologischen Bekämpfungsmittel besprüht. Das kostet Millionen von Euro - lukrativ für die KABS und teuer für die öffentliche Hand.

Womit werden die Stechmücken bekämpft?
Für die Bekämpfung der Stechmücken wird ein biologisches Bekämpfungsmittel eingesetzt. Es handelt sich dabei um das Bakterium mit dem lateinischen Namen Bacillus thuringiensis israelensis (kurz BTI). Das Bakterium produziert einen bestimmten Eiweißstoff, der dem Organismus der Mücken schadet. Bestimmte Rezeptoren der Darmzellen sorgen dafür, dass sich das Eiweiß im Darm anreichert und diesen zerstört. Das Eiweiß heftet sich aufgrund der Rezeptoren nur an die Darmzellen der Mücken. Daher werden andere im Wasser lebende Tiere wie Fische und Amphibien durch das Bakterium und dem Eiweißstoff nicht selbst beeinträchtigt.

Auch die für das Ökosystem wichtige Zuckmücke stirbt

Bekämpfung der Mücken

Die Mückenbekämpfung als Gefahr?

Mit dem Einsatz von BTI werden 90 Prozent der Stechmückenlarven abgetötet. Aber auch die Zuckmücke wird durch den Einsatz von BTI bekämpft. Das ist jedenfalls das Ergebnis des Biologen Dr. Carsten Brühl. Er hat in Labor- und Freiluftexperimenten einen starken Rückgang der Zuckmücken infolge der Bekämpfung von Stechmücken beobachten können. Der Bestand der Zuckmücken ist weitaus größer als der der Stechmücken. Laut dem Biologen können nur zehn bis 15 Prozent der Mücken am Rhein stechen. 80 Prozent seien wiederum friedliche Zuckmücken. Diese interessieren sich - anders als die Stechmücke - nicht für das Blut der Menschen.

Gleichzeitig sind die Zuckmücken für das Ökosystem am Rhein von großer Bedeutung: "Sie stellen den Großteil der Individuen am Rhein", erklärt der Biologe: "Es ist für das Ökosystem extrem wichtig, wie viele Zuckmücken schlüpfen, weil die wiederum Nahrung für andere Organismen sind." Besonders Amphibien und Raubinsekten, wie zum Beispiel Libellen, ernähren sich von den Larven der Zuckmücke. Eine Fledermaus isst um die 10.000 Mücken pro Nacht. Auch Vögel wie die Schwalben sind auf die Zuckmücken angewiesen. Sie versorgen ihren Nachwuchs mit den Mücken.

Umweltschützer kritisieren den Einsatz von BTI

Altrhein

Auch in Naturschutzgebieten kommt BTI zum Einsatz

Die Zuckmücke ist wichtig für das Ökosystem am Oberrhein. Dennoch wird in Kauf genommen, dass ein Großteil der Bestände durch die Bekämpfung der Stechmücken abgetötet wird, kritisieren Umweltschützer. Oft werden in Naturschutzgebieten die Stechmücken bekämpft - so auch am Oberrhein zwischen Bingen und Freiburg. Dr. Heinz Schlapkohl vom BUND sorgt sich um die Naturschutzgebiet am Oberrhein: "Die KABS bekämpft die Stechmücken in einer Art und Weise die sehr flächendeckend ist." Besonders oft seien Schutzgebiete betroffen. Die Einsätze könnten laut Schlapkohl von den zuständigen Behörden überhaupt nicht kontrolliert werden. Er fordert, dass in Naturschutzgebieten die Bekämpfungsmittel zumindest nicht flächendeckend versprüht werden: "Es müssen mehr Tabuflächen ausgewiesen werden und eine behördliche Kontrolle stattfinden, was überhaupt die KABS macht." Außerdem müsse mehr Geld für unabhängige Forschung bereitgestellt werden.

Die KABS und das Umweltministerium sehen kein Handlungsbedarf

Ein Großteil der Brutstätten der Stechmücken liegt in den Naturschutzgebieten. Deshalb warnt Dr. Nobert Becker von der KABS Naturschutzgebiete bei der Bekämpfung zukünftig außen vor zulassen: "Die Naturschutzgebiete müssen behandelt werden, sonst können wir hier die Mückenbekämpfung einstellen."

Auch das rheinland-pfälzische Umweltministerium sieht keinen Handlungsbedarf: "Wir haben kein besseres Mittel. Wir stützen uns dabei auf das Umweltbundesamt." Das habe in Studien festgestellt, dass die Anwendung des BTI zu keinen bedenklichen ökologischen Auswirkungen führe. Die Studien von Biologe Brühl lassen dagegen anderes vermuten.