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Nabu-Aktion "Insektensommer" Eine Stunde Insekten zählen für den Naturschutz

Damit wir mehr über Insekten erfahren, ruft der Naturschutzbund Deutschland bis 10. Juni zum Insektenzählen auf - ein Citizen-Science-Projekt. Insektenmonitoring wissenschaftlich läuft da anders.

Ein männlicher (rechts) und ein weiblicher (weiblicher) Silbergrüner Bläuling sitzen auf einer Blüte

Eine Stunde lang zählen, was summt, brummt und krabbelt - und sechs Beine hat.

Der NABU-"Insektensommer": Auf dem Balkon, im Garten, am Waldrand, in der Wiese Insekten finden - schauen, was fliegt und krabbelt. Eine Lupe hilft oder fotografieren und zuhause bestimmen. Beim NABU gibt es online faltbare Zählkarten für die Strichliste mit Kuli und Papier und eine kostenlose App fürs Smartphone. Die hat 122 Arten gespeichert und eine automatische Fotoerkennung. Wenn was summt oder zirpt, draufhalten und Suchfunktion drücken. Mit der App kann auch gleich die Zählliste erstellt und geschickt werden.

Zum ersten Mal ruft der NABU zum "Insektensommer" auf - vom 1. bis 10. Juni - und jeder kann und soll mitmachen. Wie schon bei den Vogelzähl-Aktionen soll jeder, der sich dafür interessiert, eine Stunde lang Insekten zählen und melden. Eine markante Aktion vor dem Hintergrund, dass die Zahl der Insekten in der Vergangenheit massiv abgenommen hat.

Genau vor diesem Hintergrund wird aber derzeit gerade auch ein bundesweites Insektenmonitoring vorbereitet. Zwei unterschiedliche Projekte - zwei unterschiedliche Herangehensweisen. Es ist schon ein Unterschied, ob Wissenschaftler Insekten zählen oder Bürger.

Wenn Wissenschaftler Insekten erforschen

Ein wissenschaftliches Insektenmonitoring, das heißt erst mal, ein Konzept muss her. Welche Insekten will man beobachten - es gibt bundesweit rund 33.000 verschiedene Arten. Alle geht nicht, also welche wählt man aus. In welchen Lebensräumen schaut man nach ihnen: im Park, Feld und Wiese, im Wald, im Boden, im Wasser? Und mit welcher Methode zählt man die Tiere?

Mit Fangnetz am Stiel, dem Kescher, ist man auch da unterwegs, schildert Andreas Krüß, der beim Bundesamt für Naturschutz das Monitoring vorbereitet. "Man kann Bodenfallen ausbringen - also Becherfallen, die in den Boden eingegraben werden, um zum Beispiel Laufkäfer zu fangen. Oder die Malaise-Fallen, also aufrecht gespannte Netze, wo man Fluginsekten mit fängt. Letztendlich kann man auch mit Singgeräuschen - beispielsweise bei Heuschrecken das Zirpen - die Arten identifizieren. Manche Methoden eigenen sich für mehrere Gruppen, manche sind sehr spezifisch."

Auf bundesweit über tausend Stichprobenflächen soll gezählt werden, wenn das theoretische Konzept bis Ende des Jahres vorliegt. Die ersten Zählergebnisse aus 2019 wären erst mal nur die Basis. Auch mit Trendaussagen wie "werden weniger" oder "nimmt zu" muss man zunächst vorsichtig sein, warnt Andreas Krüß. Es brauche mindestens fünf, sechs, eventuell sogar zehn Jahre, um von statistisch belastbaren Trends sprechen zu können.

Beim NABU geht es einfacher - das Citizen-Science-Projekt

Mit der Lupe sieht man besser - Insekten fotografieren und zuhause bestimmen für den NABU-Insektensommer, geht auch.

Mit Lupe sieht man mehr - oder Insekten fotografieren und mit Buch oder App bestimmen.

Eine aufwendige und langwierige Sache, so ein wissenschaftliches Insektenmonitoring. Da kommt der "Insektensommer", die neue Zählaktion des Naturschutzbund Deutschland, viel schlichter und lockerer daher. In zwei Zeitfenstern über mehrere Tage im Juni und August kann jeder bei sich im Garten oder in der Natur eine Stunde lang Insekten zählen und melden. Als Handreichung gibt es Steckbriefe zu 16 gängigen Arten wie Admiral, Ackerhummel, Marienkäfer. Am Ende werden die Daten veranschaulicht, erklärt NABU-Insektenexpertin Daniela Franzisi: "Wir möchten bei unserer Auswertung vor allem auch anhand einer Karte aufzeigen, wie sind bestimmte Insektenarten in Deutschland verteilt. Und wir möchten auch, ich nenne es jetzt mal ein Ranking der Top 100, die am häufigsten gesehen worden sind bei den Insekten, erfassen."

Schnell und einfach, die bundesweit erste Insektenzählung, wie sich die NABU-Aktion selbst nennt. An der Belastbarkeit der Ergebnisse hat Diplom-Biologe Andreas Krüß vom Bundesamt für Naturschutz eher Zweifel, deshalb will er die beiden Herangehensweisen auch gar nicht miteinander vergleichen. "Es sind nur einige, sehr wenige Arten und die sind letztlich auch eher ein bisschen zufällig erhoben - meistens ja in den Gärten der Leute, oder da, wo sie grad mal spazieren gehen. Das ist also ein völlig anderer Ansatz als ein wissenschaftliches Monitoring."

Einen Mehrwert für alle schaffen

Im Ökomobil

So winzig können Käfer sein.

Wissenschaftliches Monitoring will der NABU-Insektensommer auch gar nicht sein. Citizen-Science-Projekt nennt es Daniela Franzisi: Bürgerwissenschaft. "Ziel eines Citizen-Science-Projekts ist es auch immer, einen Mehrwert für alle zu schaffen - sprich, dass die Artenkenntnis an sich bei den Menschen besser wird. Vor allem weil die Leute dann auch sensibilisiert sind, wie wichtig diese Tiere sind, damit unsere Ökosysteme funktionieren."

Da sind sich NABU und Bundesamt für Naturschutz auch einig: So eine groß angelegte Zählaktion, wie der NABU sie durchführt, ist begrüßenswert, weil neue Interessen geweckt werden, neues Wissen vermittelt wird und vielleicht ja neues Naturschutz-Engagement damit entsteht - was auch den Wissenschaftlern wieder zugute kommt.

Von Alice Thiel-Sonnen, SWR Umwelt und Ernährung | Online: Heidi Keller