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Label für Fleisch Wie lässt sich Tierschutz messen?

Was die Verbraucher wollen, ist klar: Lebensmittel von möglichst glücklichen Tieren. Eine Wohlfühl-Skala für Tierwohl und artgerechte Haltung gibt es nicht - aber viele Siegel und Logos.

Viele Hühner liegen in einem Stall

Glückliche Hühner brauchen Platz

Der Verbraucher legt Wert auf das, was er isst. Auch den Tieren, die die Lebensmittel produzieren, soll es gut gehen. Auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin - angeblich die weltgrößte Verbraucherschau für Landwirtschaft, Ernährung und Gartenbau - hat Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt ein bundesweites, staatliches Tierwohl-Label vorgestellt.

Glückliche Hühner, Schweine und Kühe - lässt sich das messen?

Kuh mit Kuhglocke auf Weide

Glückliche Kühe: Gesund und draußen

Eine Skala von eins bis zehn für Tierwohl wäre praktisch - gibt es aber nicht. Dafür hat das Wohlbefinden von Kuh, Schwein oder Geflügel zu viele verschiedene Aspekte. Tierwohl bedeutet, die Tiere sind gesund. Tierwohl bedeutet auch, das Tier leidet nicht: Schnabelkürzen bei Hühnern, Ferkel-Kastration, Enthornung bei Kälbern geht dann nur noch mit Auflagen. Tierwohl bedeutet zudem, das Tier kann seine ganz eigenen Verhaltensweisen ausleben: Das Huhn etwa muss picken und scharren können, die Kuh liegen und grasen.

Wenn es darum geht, Kriterien zusammenzustellen für ein Tierwohl-Siegel, greift man als erstes gerne darauf zurück, wie viel Platz pro Tier da sein muss - wie viel Spaltenweite im Boden darf sein, damit Schwein und Kuh trotzdem noch sicher laufen können. Da kommt beispielsweise pro Legehenne eine Mindestfläche von einem DIN-A4-Blatt plus fünf EC-Karten heraus. Das sei "Zollstock-Tierschutz", sagen Kritiker.

Äußere Anzeichen und Indikatoren für artgerechte Haltung

Fürs tierische Wohlbefinden bedarf es mehr. Da muss auch auf tierbezogene Indikatoren geschaut werden. Hat das Tier Verhaltensstörungen? Gibt es gegenseitiges Federpicken oder Schwanzbeißen? Das sind Signale, dass etwas mit der Haltung nicht stimmt. Hat das Masthuhn verletzte und entzündete Fußballen oder ist die Brusthaut verändert, ist das ein möglicher Hinweis auf schlechte Einstreu im Stall.

Bei Kühen kann man viel an der regelmäßigen Milchkontrolle ablesen: Die Zellzahlen in der Milch sagen, ob das Euter gesund ist oder nicht. Der Eiweiß- und Fettgehalt der Milch zeigt, ob der Stoffwechsel korrekt ist. Ein EU-Projekt "Welfare Quality" hat Kriterienkataloge erarbeitet, woran man erkennt, wann es einem Nutztier gut geht. Die sind seitenlang. Aber an solchen Kriterienkatalogen erkennt der Verbraucher auch, wie viel Wohlergehen hinter den Tierwohl-Kennzeichnungen auf der Wurst oder dem Fleisch im Supermarkt stecken. Tierwohl messen ist nicht einfach, bedeutet immer viel Aufwand. Deshalb fallen die Messlatten, die angelegt werden, sehr unterschiedlich aus.

Initiativen und Labels für Tierwohl und Tierschutz

  • Freiwilliger Zusammenschluss "Initiative Tierwohl"
Handzeichnung mit dem Titel: Initiative Tierwohl

Keine Kennzeichnung der Lebensmittel

Die Initiative Tierwohl ist ein freiwilliger Zusammenschluss von Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Handel. Zuletzt sind allerdings die Tierschutzverbände ausgestiegen, weil wichtige Tierwohlkriterien nicht berücksichtigt werden. Auch der Handelskonzern Real, ein Gründungsmitglied, stieg vor Kurzem aus. Dort wolle man auf das neue, staatliche Tierwohl-Label setzen, begründet Real seine Entscheidung.

Als Partner von Landwirtschaft und Fleischwirtschaft bleiben in der Initiative Tierwohl die großen Handelsketten ALDI, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto, Rewe, Penny und Wasgau. Statt der bisher 4 Cent pro verkauftes Kilo Fleisch zahlen die Handelsketten ab 2018 über 6 Cent in einen gemeinsamen Topf. Aus diesem werden Schweine- und Geflügelhalter, die für mehr Tierwohl - etwa größere Liegeflächen oder Rauhfutter - in ihren Ställen sorgen, gefördert. Die Anforderungen sind nicht allzu hoch. Das Logo für die Initiative wurde bislang nicht an den Lebensmitteln angebracht und war deshalb für den Verbraucher nicht erkennbar. Das soll sich jetzt ändern: Bei frischem und gefrostetem unbehandelten Geflügelfleisch soll ab 2018 die Teilnahme an der Initiative auf der Verpackung zu sehen sein.

  • Deutscher Tierschutzbund: "Für Mehr Tierschutz"

Weiße Schrift auf hellblauem Grund "Für mehr Tierschutz": Der Deutsche Tierschutzbund steckt hinter diesem zweistufigen Siegel mit Einstiegstufe und Premiumstufe, das man im Handel seit etwa drei Jahren finden kann. Die Produkte mit dem Tierschutzlabel sind in großen Regionen bei Edeka Minden-Hannover, Edeka Südwest, Edeka Nord, Edeka Nordbayern, Globus, Markant, Kaufland, NP Discount, real,-, Netto, famila und Lidl gelistet. Lidl, ALDI Süd und ALDI Nord kommen mit Milchprodukten hinzu.

Mit einem oder zwei Sternen wird bewertet, wie viel Tierschutz es bei der Aufzucht und Mast gab. Die Betriebe werden regelmäßig kontrolliert. Tierschutz kostet - das Fleisch wird mit deutlichem Preisaufschlag verkauft. Das Tierschutzlabel des Deutschen Tierschutzbunds hat ausführliche Listen, was auf dem Bauernhof an Punkten erfüllt sein muss, damit das Produkt am Ende das Siegel bekommt. Solche Tierwohl-Kriterien gibt es für Geflügel, für Schweine und - jetzt neu - auch für Milchkühe.

  • Bundesweites, staatliches Tierwohl-Label
Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) präsentiert ein neues staatliches Label für mehr Tierwohl

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) präsentiert das neue staatliche Label für mehr Tierwohl

Das staatliche Siegel des Landwirtschaftsministeriums soll es zunächst für Schweinefleisch geben, dann für Geflügelfleisch, später auch für Rindfleisch. Das Label soll mehr Tierwohl garantieren, also eine Haltung, die über die geltenden gesetzlichen Vorgaben hinausgeht: Die Tiere haben zum Beispiel etwas mehr Platz oder bekommen Spielmaterial, um sich zu beschäftigen. Für das Label sind zwei Stufen geplant: Standard und Premium - also ein bisschen Tierschutz oder mehr Tierschutz.

Der Minister hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt: Künftig soll Fleisch mit diesem neuen Label "an jeder Ladentheke zu haben" sein. Er rechnet aber mit steigenden Fleischpreisen als Folge des von ihm initiierten Tierwohllabels. Der CSU-Politiker sagte auf der Grünen Woche in Berlin: "Ich erwarte keine dramatischen Veränderungen im Preis, allerdings muss sich und wird sich das widerspiegeln." Ob das Label aber tatsächlich aus der Nische herauskommt, ist fraglich. Denn für die Bauern ist die Teilnahme freiwillig. Es könnte also sein, dass sich für die meisten Tiere in Deutschland überhaupt nichts verbessert.

Alternativen zum staatlichen Tierwohl-Siegel

Einen verbindlicheren Vorschlag macht etwa die baden-württembergische Landesbeauftragte für Tierschutz, Cornelie Jäger. Sie wünscht sich eine verpflichtende Kennzeichnung: Auf wirklich jedem Schnitzel soll draufstehen wie das Schwein gehalten wurde.

Eierreihe

Bei Eiern gibt der Stempel Infos zur Herkunft

Man könnte - so wie bei Eiern - etwa anhand einer Zahl sehen: Dieses Tier hatte Zugang ins Freie. Oder von einer anderen Ziffer - analog zu den Eiern - könnte man erfahren: Das Tier hat immerhin 30 Prozent mehr Platz gehabt und Strukturierung im Stall. Also die Möglichkeit, seine Liegefläche von seiner sonstigen Aktivitätsfläche zu trennen.

Bei den Eiern hat diese Art der Kennzeichnung im Sinne des Tierschutzes gut funktioniert: Wer heute im Supermarkt frische Eier kauft, bekommt keine Käfigeier mehr. Das sind immer mindestens Eier aus Bodenhaltung.

Kritik: Besser strengere Gesetze als nur Verbraucherentscheidungen

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL): "Tierwohl stärken" - Portal mit ausführlichen Infos zum Thema Tierschutz. Hier gibt es auch eine Tabelle mit einem Vergleich aller aktuellen Tierschutz-Labels

Viele Tier- und Umweltschützer, Biobauern und Verbraucherverbände kritisieren, es könne nicht von den Kaufentscheidungen der Verbraucher abhängen, ob es den Tieren in Deutschland gut gehe oder nicht. Das müsse gesetzlich geregelt werden. Die Verbraucherorganisation Foodwatch und der Deutsche Tierschutzbund etwa fordern deshalb eine Verschärfung der gesetzlichen Vorschriften: Mehr Tierschutz und bessere Haltungsbedingungen für alle Nutztiere.

Der Bund für ökologische Lebensmittelwirtschaft verlangt eine klare und verpflichtende Kennzeichnung in vier Stufen: Bio, Haltung mit Auslauf, Haltung auf Stroh und gesetzlicher Mindeststandard. Es dürfe außerdem keine Verwechslungsgefahr mit den bestehenden Biosiegeln geben.

Auf Nummer sicher gehen: Fleisch mit Bio-Siegeln

EU-Bio-Siegel

Das europaweit geltende EU-Biosiegel

Biofleisch stammt von Tieren, denen per Gesetz mehr Platz und mehr Auslauf zusteht als ihren konventionellen Genossen. Das EU-Bio-Logo und das deutsche Bio-Siegel stehen beide für das Einhalten der Rechtsvorschriften der Europäischen Union (EU) für den ökologischen Landbau. Beide Label garantieren einheitliche Mindeststandards - auch bei der Tierhaltung.

Bio-Hackfleisch liegt abgepackt in einer Kühltruhe in einem Supermarkt am 07.05.2010 in Frankfurt am Main.

Das deutsche Biosiegel

Daneben gibt es in Deutschland mehrere Verbände - wie Bioland, Demeter oder Naturland - deren Richtlinien noch über die Mindeststandards der EU für Ökologischen Landbau hinausgehen. Im Ökolandbau ist zusätzlich auch geregelt, dass die Tiere Biofutter bekommen. Was beim EU-Bio-Siegel nicht geregelt ist, sind tiergerechte Bedingungen beim Transport oder der Schlachtung.



Von Alice Thiel-Sonnen + Stefanie Peyk, SWR Umwelt und Ernährung | Online: Heidi Keller