Bitte warten...

SENDETERMIN Mi, 4.3.2020 | 6:40 Uhr | SWR Fernsehen

Im Alter aufs Land Senioren-WG auf dem Bauernhof

Welche Rolle kann die Natur spielen, wenn wir älter werden und Betreuung brauchen? Ein Lebensende im Heim - das ist oft verbunden mit Angst und Einsamkeit. Doch ein landwirtschaftlicher Betrieb in der Nähe von Hachenburg bietet einen Gegenentwurf: eine Senioren-WG auf dem Bauernhof.

Es ist spannend zu beobachten, wie der Lebensabend zwischen Kälbern und Hühnern funktioniert. Ob dieses neue Konzept mit seiner Nähe zu Natur und Tieren eine Alternative zur konventionellen Pflege, wollten wir wissen.

Um acht Uhr morgens trifft man Karl-Heinz Degen im Kuhstall an. Er mistet aus. Eigentlich ganz normal auf einem Bauernhof. Nur dass dies hier eine Pflegegemeinschaft mit 24-Stunden-rund-um-die-Uhr-Betreuung ist. Und zwar nicht für Tiere, sondern für Menschen wie Karl-Heinz.

Senior mistet den Kuhstall aus

Karl-Heinz Degen mistet jeden Morgen den Kuhstall aus.

Wir sind in dem kleinen Ort Marienrachdorf im Westerwald. Wenn in diesem Wohnhaus die Heim-Bewohner erwachen, nehmen Max und Moritz im Stall ihr Frühstück ein. Nein, nicht die von Wilhelm Busch, sondern zwei Kälbchen, die im Alter von vier Wochen schon in die Senioren-WG gezogen sind.

Vertrautes schafft Verbundenheit

Auch die 87-jährige Maria Rohner wohnt hier. Sie wurde in Schlesien geboren. "Wir hatten auch 60 Hühner. Ich wollte mal Geflügelzüchterin werden", erzählt sie. Ein Leben auf dem Bauernhof und den Umgang mit Tieren – das kennen einige der Seniorenhof-Bewohner von Kindheit an. Allmählich lassen die Kräfte nach. Aber Maria und ihre Mitbewohner wollen noch mitmischen, wo`s geht…

Eine Seniorin streichelt ihre Katze, Moderatorin schaut zu.

Die 87-jährige Maria Rohner hat ihren Kater Janosch mitgebracht.

Jedoch ohne ihren Kater Janosch wäre sie nicht hier eingezogen. Der wohnt jetzt mit ihr auf dem Bauernhof. Vertrautes schafft Verbundenheit und mildert die Einsamkeit – ein zentraler Gedanke beim Konzept dieses Pflegehofs.

Zusammenleben wie in einer Familie

Auch Guido Pusch, der Betreiber des Hofs, kommt mal nach dem Rechten schauen: "Ja, wir haben eine Familie zusammen. Das ganze Jahr hat einen Rhythmus in der Landwirtschaft. Und wir leben hier quasi mit dem Rhythmus, ganz natürlich, und haben unseren Alltag mit den kleinen Tätigkeiten, die jeder so übernehmen kann", beschreibt er das Zusammenleben auf dem Bauernhof. Der Kontakt mit Tieren wirkt sich positiv auf die Psyche aus, ebenso die Natur. "Das sind Punkte, die Bewohner auch beruhigen, gerade bei Demenz. Ja, der Bauernhof ist quasi ein Therapiehof." Und er bietet täglich Gesprächsstoff: Wie viele Eier haben heute die Hühner gelegt? Ist das Kalb schon geboren? Und wie soll es heißen? Die Senioren erleben täglich neue Geschichten und sind nicht einsam. Das hält fit, auch oder vor allem geistig.

Guido Posch

Die Familie von Guido Pusch betreibt den Hof seit 1771.

Pusch ist auf die Idee gekommen, Altersheim und Bauernhof zu kombinieren. "Wir haben den Hof aus der Familie seit 1771, und die Großmutter war am Schluss im Haus", berichtet er aus der eigenen Familiengeschichte. "Sie wollte auch im Haus bleiben. Und somit haben wir den Bauernhof umgebaut, behindertengerechte Wohnräume eingebaut. Und so sind Senioren dazu gekommen. Dann gab es Infrastruktur, und die Oma konnte im Haus bleiben." Er kann sich vorstellen, auch selbst seinen Lebensabend auf dem Bauernhof zu verbringen, wo er schon als Kind am Tisch der Großmutter gesessen hat.

Gemeinsam alles selbst machen

Mittlerweile leben hier 16 Senioren. Und da geht’s tatsächlich zu wie in einer Großfamilie. Es wird zum Beispiel auch in der Küche zusammen geschnibbelt und gestritten, gekocht und gegessen. Auf dem Senioren-Bauernhof im Westerwald werden mittlerweile sogar die eigenen Produkte verarbeitet. Maria ist zum Beispiel für den Eierkäse zuständig, eine Westerwälder Spezialität aus der selbst gemolkenen Milch. Während der Eierkäse zwei Stunden im Wasserbad stockt befeuert Günter nebenan den Ofen. Der Eierkäse gehört mit ordentlich Butter aufs Brot und das kommt gerade frisch aus dem Ofen.

Maria fühlt sich wohl hier: "Vor allem find ich schön, dass eben die Bewohner von hier in alles einbezogen werden, das sie auch mal sehen können, wie überhaupt ein Quark oder ein Käse aus der Milch entsteht." Was für ein überzeugendes Konzept: ein Lebensabend zwischen Kühen und Hühnern – im wahrsten Sinn des Wortes "zurück zur Natur".

Noch ein paar Fakten:
In Marienrachdorf arbeitet das Pflegepersonal 24 Stunden im Zwölf-Schichten-System. Das Wohnen in Marienrachdorf kostet um die 1.100 Euro, mit einem Drittel der 24-Stunden-Betreuung werden etwa 1.600 Euro fällig. Von der Krankenkasse kann man einen Zuschuss um die 200 Euro erhalten. "Green Care", wie solche Betreuungsformen auch genannt werden, ist im Kommen. In unseren Nachbarländern wie Holland und Frankreich gibt es bereits hunderte dieser Einrichtungen. Deutschland hinkt mit 24 noch etwas hinterher. Oft ist auch möglich, mal einzelne Tage dort zu verbringen. Viele ältere Menschen finden hier Stille, die Nähe zur Natur und zu Tieren, sowie eine häufig altersgemischte Gemeinschaft. Dinge, die herkömmliche Altersheime nicht vorweisen können.

aus der Sendung vom

Mi, 4.3.2020 | 6:40 Uhr

SWR Fernsehen