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Pflanze

SENDETERMIN Di, 21.7.2020 | 18:15 Uhr | SWR Fernsehen

Einsatz für gelben Salbei und bosnische Bohne Die Saatgutretter: Kampf um Vielfalt bei Gemüse und Co.

Die Welternährung hängt an der Vielfalt der Nutzpflanzen. Für diese Vielfalt setzen sich Initiativen ein, die alte Saatgut-Sorten als Kulturgut betrachten und erhalten wollen. Ein Beispiel ist die "SaatgutBildung" bei Heiligenberg am Bodensee.

4.000 Quadratmeter groß ist der herrlich gelegene Nutzgarten bei Heiligenberg am Bodensee. Was hier angebaut wird, gibt es in keinem Supermarkt: längst vergessene Gemüsesorten, um neues Saatgut zu erzeugen, und Wildblumen für Insekten. Spritzmittel sind tabu, gegärtnert wird mit der Natur – nicht gegen sie. Ein Blick von oben macht deutlich, dass hier alles nach einem genauen Plan verläuft.

Garten SaatgutBildung von oben

Wirkt von oben wie eine Art Labyrinth: der Garten der SaatgutBildung.

Rettet die rankende Zucchini

Maria Schlegel ist eine der Gründerinnen der Initiative. Sie freut sich über jede fast vergessene Sorte, die wieder wächst und damit gerettet werden kann. Rankender Zucchini zum Beispiel oder gelber Salbei, russischer Blattkohl und die bosnische Bohne. Die werden nämlich immer seltener, weil die landwirtschaftliche Massenproduktion nur auf wenige, spezielle Hochleistungssorten setzt. "Früher hat jeder Hof seine eigenen Gemüsesorten gehabt und damit mehr Erntegarantie", erzählt sie. "Hab' ich Frost, gehen manche Sorten kaputt, manche aber eben nicht. Und ich kann meine Pflanzen an mein Klima und an die Schädlinge, die vor Ort sind, anpassen. So brauche ich auch keine zusätzlichen Pflanzenschutzmittel. Heute haben nicht mal mehr die wenigen Landwirte, die wir noch haben, ihr eigenes Saatgut."

Axel Weis und Maria Schlegel

Maria Schlegel hat die Initiative SaatgutBildung mitgegründet und kann Axel Weis viel darüber erzählen.

In diesem Nutzgarten geht es also nicht darum, reifes Gemüse oder Kräuter zu ernten. Es geht um die Samen der Pflanzen. Samen von mehr als 300 alten Sorten hat Maria Schlegel schon in Einmachgläsern in ihrem Keller gelagert. Und trotzdem sucht sie immer weiter nach neuen Schätzen. Auch wenn es hier nicht um riesige Mengen Saatgut geht wie in der industriellen Landwirtschaft. Denn ein winziges Tütchen voll reicht schon aus für den privaten Garten oder einen kleinen Acker.

Vielfalt gegen Einfalt

Rund 20 Mitglieder hat die Initiative. Die Gruppe der Menschen, die hier ehrenamtlich mitmachen, ist kunterbunt gemischt. Jeder ist willkommen – ob Steuerberater, Rentner oder technische Assistentin. Die vielen engagierten Gärtnerinnen und Gärtner, die mit Überzeugung bei der Sache sind, haben alle ein gemeinsames Ziel: der Einfalt in der modernen industriellen Landwirtschaft etwas entgegen zu setzen.

Auch der BUND setzt sich für Sortenvielfalt und Arterhaltung bei Nutzpflanzen ein. Zum Beispiel gibt es seit 1998 unter seiner Schirmherrschaft ein Gemüsesortenprojekt in Rheinland-Pfalz, das nach eigenen Aussagen "mittlerweile bundesweit das größte regionale Sortenarchiv" ist. Im gleichen Bundesland gibt es des Weiteren die IG Saatgut, die Interessengemeinschaft für gentechnikfreie Saatgutarbeit, die sich unter anderem die gentechnikfreie Kulturpflanzenvielfalt zum Ziel gesetzt hat. Auch der Dachverband Kulturpflanzen- und Nutztiervielfalt e. V. schreibt sich auf die Fahnen, "die Vielfalt in der Kulturlandschaft zu stärken und einem weiteren Verlust entgegenzuwirken". Und der Verband der Gartenbauvereine Saarland / Rheinland-Pfalz e. V. (VGID) widmet sich zum Beispiel alten und neuen Tomatensorten. In Hessen gibt es, ähnlich wie die SaatgutBildung in Baden-Württemberg, den Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt e. V. (VEN). Regionales Saatgut wird vom NABU (Naturschutzbund) und sogar von der ein oder anderen Krankenkasse empfohlen.

Mann und Frau beim Gärtnern

Alle arbeiten ehrenamtlich bei der Initiative SaatgutBildung.


Nicht nur die Arbeitskraft der Helfer ist unentgeltlich, auch das Saatgut kostet nichts. "Wir machen einmal im Jahr eine große Saatgut-Börse, da kommen an die 1.000 Leute. Wer will gibt eine Spende", erklärt Maria Schlegel. Saatgut sollte "Allgemein-Gut" sein, das sich jeder leisten können müsse, findet die Initiative SaatgutBildung.