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Boom der Energiegenossenschaften Bürger nehmen die Energiewende selbst in die Hand

Derzeit wird in Deutschland beinahe jeden zweiten Tag eine Bürger-Energie-Genossenschaft gegründet. Bürger schließen sich zusammen und investieren in ihre eigenen Anlagen. Welches Potential steckt in dieser Entwicklung und kann sie die großen Stromanbieter zum Wanken bringen? SWR-Umweltredakteurin Sabine Gronau beantwortet die wichtigsten Fragen.

Solarpark Leutkirch

Solarpark in Leutkirch: Auch hier ist eine Energiegenossenschaft beteiligt

Wohnungsbaugenossenschaften und Genossenschaftsbanken sind uns geläufig. Aber was sind eigentlich Energiegenossenschaften?

Bei Energiegenossenschaften verhält es sich wie bei den anderen Genossenschaften auch: Bürger schließen sich zusammen, um gemeinsam mehr zu schaffen als es der Einzelne vermag. In diesem Fall geht es um die Energieerzeugung. Wer einer Genossenschaft beitritt, beteiligt sich beispielsweise mit 100, 500 oder 1.000 Euro je Anteil an einer Photovoltaikanlage, Windrad oder Biogasanlage.

Genossenschaften engagieren sich in der Regel regional. Das heißt, sie sorgen dafür, dass Aufträge nur an Handwerker aus der Region vergeben werden, wodurch das Kapital in der Region bleibt und die Wirtschaft vor Ort gestärkt wird. Die Bürger-Energiegenossenschaft investiert zudem nur in erneuerbare Energie. Das bringt - trotz sinkender Fördersätze aus dem Erneuerbare Energien Gesetz - noch immer eine satte Rendite. Für viele Kleinanleger bietet eine solche Genossenschaft somit eine lukrative und sichere Geldanlage und ermöglicht zeitgleich eine demokratische Mitbestimmung, denn das sieht die Rechtsform Genossenschaft zwingend vor.


Machen Bürger damit den Energiekonzernen das Geschäft streitig?

Immer mehr Bürger wollen mitmischen – und auch mitverdienen. Und damit kann die Marktdominanz der Energie-Konzerne durchaus ins Wanken geraten. Für sich betrachtet sind die Zahlen einer einzelnen Energiegenossenschaft nicht so beeindruckend. An der Südeifel-Strom eG sind beispielsweise knapp 180 Bürger beteiligt, die in fünf Solaranlagen investieren und im vergangenen Jahr Strom für 140 Haushalte erzeugt haben. Das bereitet keinem Stromriesen Kopfschmerzen.

Entwicklung der Energiegenossenschaften in Deutschland

Entwicklung des Bestands der Energiegenossenschaften in Deutschland

Aber wie sooft kommt es auf die Masse an: In Rheinland-Pfalz gibt es aktuell um die 20 Energiegenossenschaften und in Baden Württemberg über 100 - Tendenz steigend. Bundesweit sind inzwischen rund 600 Energiegenossenschaften eingetragen und jede Woche kommen drei neue hinzu. Und neben den kleinen Genossenschaften gibt es auch noch ein paar richtig große, wie die Elektrizitätswerke Schönau (EWS). Diese Genossenschaft ist mit ihren vielen kleinen dezentralen Stromanlagen bundesweit als Öko-Stromanbieter tätig. Das alles zusammengenommen erreicht Dimensionen, die einem Stromriesen durchaus weh tun können.


Welche Rolle können diese Energiegenossenschaften für die Energiewende spielen?

Energiegenossenschaften investieren ausschließlich in Erneuerbare Energie - und das vor Ort. Der dezentrale Charakter der Genossenschaften spielt mit Blick auf die aktuelle Diskussion um den nötigen Ausbau des Stromleitungsnetzes eine sehr wichtige Rolle.

Strommasten und Windräder

Dezentrale Energieversorgung statt gewaltiger Überlandleitungen?

Denn um Windstrom aus dem Norden zu den energieintensiven Betrieben im Süden zu leiten, fehlen tausende Kilometer Überlandleitung. Der in kleinen Anlagen in der Region erzeugte Öko-Strom braucht hingegen keine neuen Stromtrassen. Außerdem fühlen sich Bürger, die sich beteiligen, insgesamt dem Projekt Energiewende stärker verbunden und sind auch für weitere Projekte oder Maßnahmen leichter mit ins Boot zu holen. 

Dass der Gedanke der Bürgerbeteiligung an der Stromversorgung seinen Charme hat, das zeigt ein Vorschlag, den Umweltminister Peter Altmaier (CDU) vor kurzem unterbreitet hat [mehr]: Bürger sollten in den Ausbau des Stromnetzes in der eigenen Region investieren und dafür eine feste Rendite erhalten. Im Wirtschaftsministerium fand dieser Vorschlag zwar keinen großen Anklang, aber zumindest zwei der großen Netzbetreiber und auch der BUND haben Altmaier für den Vorschlag gelobt. Möglicherweise setzt sich doch die Einsicht durch, dass eine Energiewende, an den Bürgern vorbei, nicht gelingen kann.