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SENDETERMIN Di, 15.8.2017 | 18:15 Uhr | SWR Fernsehen

Wissenschaftler entdecken Mutationen Der Krieg der Marienkäfer

Der Marienkäfer ist ein beliebtes Glückssymbol. Doch ihm selbst drohen derzeit eher unglückliche Zeiten. Seine asiatischen Verwandten verdrängen den sympathischen Krabbler zunehmend.

Marienkäfer leben seit hunderten von Jahren in unseren mitteleuropäischen Gefilden. Dichter des 18. Jahrhunderts widmeten dem beliebten Glücksbringer poetische Zeilen. Doch Dichter von heute würden ihn nicht mehr so uneingeschränkt positiv darstellen, denn unter den verschiedenen Arten tobt ein Verdrängungskampf, bei dem es ums Überleben einer ganzen Gattung geht.

Es begann damit, dass in den 1980er Jahren die asiatischen Verwandten unserer einheimischen Marienkäfer als biologischer Pflanzenschutz eingeführt und in Gewächshäusern auf Blattläuse angesetzt wurden. Denn die Asiaten vertilgen fünf Mal mehr dieser Schädlinge. Doch die asiatischen Käfer drangen aus den geschlossenen Räumen ins Freie, und seitdem breiten sie sich unkontrolliert bei uns aus. Denn außer ihrer Fresslust zeichnet sie eine zweite Hochleistungseigenschaft aus, ihre Zeugungsfähigkeit. Einheimische schaffen einmal im Jahr Nachwuchs, die Asiaten dagegen bis zu vier Mal.

Verwechslungen sind ausgeschlossen

Viele asiatische Marienkäfer

Die asiatischen Marienkäfer kommen mit unterschiedlichen Farben und Punkten vor.

Rein äußerlich unterscheiden sich die Arten markant: Der einheimische Käfer hat immer entweder zwei oder sieben Punkte auf dem Rücken und ein schwarzes Halsschild, die asiatische Art kommt dagegen in unterschiedlichen Farben und Punktzahlen vor, immer aber mit einem weißen Halsschild. Warum aber die beiden verwandten Arten nicht nebeneinander leben können, haben Insektenforscher an der Universität Gießen herausgefunden.

Professor Andreas Vilcinskas ist der bekannteste Marienkäferexperte Deutschlands. Sein Ansatz: Wer sind die natürlichen Feinde der Marienkäfer? - "Marienkäfer sind durch Bitterstoffe im Blut ganz gut vor anderen Fressfeinden geschützt, zum Beispiel Vögel. Die größten Feinde der Marienkäfer sind aber die Marienkäfer selbst. Wo immer ihre Larven die Larven von anderen Marienkäferarten finden, fressen sie diese."

Die Wissenschaft mit ersten Erklärungen

Professor Andreas Vilcinskas

Professor Andreas Vilcinskas ist der bekannteste Marienkäferexperte Deutschlands.

Im Rahmen einer EU-Studie zum asiatischen Käfer machten die Wissenschaftler eine sensationelle Entdeckung, wie Andreas Vilcinskas schildert: "Der asiatische Marienkäfer kann ohne Probleme die Larven der einheimischen fressen. Wenn aber ein einheimischer Zweipunkt die Eier des asiatischen frisst oder die Larven, dann stirbt er daran. Wir konnten zeigen, dass der asiatische Marienkäfer voll ist mit Parasiten. Das ganze Blut ist voll mit sogenannten Mikrosporidien, das sind pilzähnliche Parasiten." Die benutzt er wie eine Bio-Waffe. Er ist selbst mit Parasiten voll, die er toleriert, aber wenn einheimische Konkurrenten an ihm fressen, sterben sie.

Zweigeteiltes Bild: links ein Käfer, rechts Blutbestandteile unter dem Mikroskop

Im Blut der Käfer fanden die Wissenschaftler Parasiten

Die Biologen gehen davon aus, dass der asiatische Käfer mutiert ist. Zur Zeit untersuchen die Forscher sein Blut, um noch mehr über sein Immunsystem zu erfahren. 50 verschiedene Stoffe haben sie schon gefunden, wie er allerdings seine Bio-Waffe entwickelt, das ist noch nicht geklärt. Klar ist, dass der asiatische Marienkäfer mittlerweile vom Helfer zur Bedrohung geworden ist. Der Wissenschaftler glaubt aber nicht, dass die einheimische Gattung komplett verdrängt wird: "Im naturnahen Bereich, zum Beispiel in Wäldern, finden wir den Marienkäfer noch häufig. Er ist gefährdet in der Stadt und in landwirtschaftlichen Gegenden. Ein Aussterben befürchte ich nicht, aber einen ganz starken Rückgang." Er geht davon aus, dass sich unser Glückskäfer neue Nischen zum Überleben suchen wird und vielleicht irgendwann auch seine eigene Bio-Waffe entwickeln kann.