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Ein Liebhaber von Esskastanien hält am Donnerstag (09.10.2003) im Schwarzwälder Glottertal (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald) gesammelte Früchte in Händen.

SENDETERMIN Di, 8.11.2016 | 18:15 Uhr | SWR Fernsehen

Kastanienfieber im Südwesten Keschde als Allround-Produkt

Auf der Suche nach Kastanien in der Pfalz: Die Keschde-Sammler sind unterwegs. Die Esskastanie erlebt als Nahrungsmittel und Baumaterial wieder mehr Beliebtheit. Der Baum bietet für viele eine geeignete Verwendung. Die Frucht ist beliebt - ob herzhaft oder süß. Das Holz wird zu einem vielfältig einsetzbaren Baumaterial. Und auch vielen Insekten bietet die Edelkastanie zudem ein Zuhause.

Bäume mit essbaren Früchten gibt es viele in Deutschland, aber nur eine dieser Baumarten kommt ausschließlich im Südwesten vor: Die Esskastanie. Bisher gibt es insgesamt drei verschiedene Sorten von Esskastanien in der Pfalz. Eine Sorte wurde erst in den letzten Jahren angepflanzt und hat besonders große Früchte.

Vom Grundnahrungsmittel zur Delikatesse

Geröstete Kastanien

Überm Feuer geröstete Kastanien, sogenannte Keschde.

Die Kastanie, im Pfälzischen Keschde genannt, war früher ein Grundnahrungsmittel der Menschen vom Land, die zur Herbstzeit mit den Kastanien ein üppigeres Essen auf die Teller bringen konnten. Ab der Ernte bis zu den Monaten Januar und Februar konnten sie gut von der Frucht leben. Heute wurde die Keschde als Nahrungsmittel wiederentdeckt. Damals ein "Arme Leute"-Lebensmittel, ist sie heute eine Delikatesse und wird vor allem von Vegetariern und Veganern gerne gegessen. Aber nicht nur die profitieren von der vielfältigen Frucht, sondern auch Menschen mit einer Gluten-Unverträglichkeit können diese ohne Probleme essen, denn die Kastanie ist glutenfrei. Sie passt heute also perfekt zum Ernährungstrend vieler Leute und schafft dadurch nun immer häufiger den Sprung auf so manche Speisekarte. Karlheinz Bosch, Förster in Rinnthal, stellt noch einen besonderen Gesundheitswert der Kastanie fest: "Die hat Mineralstoffe und ist wie bei der Kartoffel, wenn sie gekocht ist, Vitamin C-reich und hat viele Nährstoffe."

Edel geht es bei der Edelkastanie her

Kastanienkonfekt auf einem Blech

Schokoladiges Edelkastanien-Konfekt vom Café Herzog in Bad Bergzabern.

Aber wer bei Kastanien nur an herzhafte Gerichte denkt, der liegt falsch. Kastanien gibt es auch in Verbindung mit Honig, Likören, Kuchen und vielem mehr. Das Café Herzog in Bad Bergzabern hat sich der Kastanie als süße Delikatesse angenommen. Jürgen Keßler, Besitzer des Cafés, stellt im Herbst Kastanienkreationen der anderen Art her. Das Maronenkonfekt besteht dann nicht nur aus Maronenteilen, sondern beinhaltet auch Kastanienlikör und hat eine Füllung aus Kastanien. Das i-Tüpfelchen bildet abschließend ein Schokoladenmantel. Bei der Edelkastanie kann es also edel hergehen und ist in vielen Kreationen genießbar.

Sammellust nach Keschden

Herbst bedeutet also für viele Kastanienzeit. Jeder kennt es, das Kastaniensammeln am Wegesrand, bei Spaziergängen. Der Keschdeweg im Pfälzer Wald ist bei den Sammlern sehr beliebt in dieser Jahreszeit. Auf 52 Kilometer langen Wanderwegen findet jeder Wanderer diese Früchte an den Bäumen oder schon abgefallen auf der Erde.

Edelkastanien-Rinden-Krebs

Rissige Rinde - Ein Zeichen für die Erkrankung des Baumes am Edelkastanien-Rinden-Krebs.

Leider sind immer mehr dieser beeindruckenden Bäume von einer Krankheit befallen, mit dem Edelkastanien-Rinden-Krebs. Zu erkennen ist ein kranker Baum an einer rissigen bis zerstörten Rinde. Die Rissbildung wird durch den Krebs verursacht, Pilze dringen ein und unterbinden den Wasser-und Nährstofftransport im Baum. "Und wenn alles sehr negativ läuft, dann stirbt der Baum oberhalb ab", erklärt Dr. Ernst Segatz, Mitarbeiter der Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft in Trippstadt. Hoffnung bestehe jedoch, dass die Krankheit sich nicht weiter ausbreite. Dies sei wichtig, da der Kastanienbaum Lebensraum für viele Tiere sei.

Eine Kastanie mit einem Loch wird in der Hand gehalten

Diese Kastanie hat ein Loch. Hier war der Edelkastanienbohrer am Werk.

Ernst Segatz hat in einem EU-Projekt den Kastanienbaum als Lebensraum für andere Lebewesen untersucht. Obwohl die Edelkastanie kein einheimischer Baum sei, sondern vor 2.000 Jahren hier hergekommen ist, sei dieser doch sehr gut eingenischt. Neben Moosen, Flechten und Pilzen wurden auch ungefähr 1.002 Käfer bei der Edelkastanie festgestellt. Ein besonderer Bewohner der Edelkastanie ist der sogenannte Edelkastanienbohrer, der, wie sein Name es erahnen lässt, Löcher in die Kastanien bohrt, um Eier abzulegen.

Auch das Holz wurde wiederentdeckt

Aber nicht nur Organismen und Kleinstlebewesen finden die Kastanie erstrebenswert als Lebensraum, der Mensch schafft sich mit seinem Holz auch einen Wohlfühlort. Mit dem Holz wurde unter anderem schon so mancher Boden belegt oder Möbel gebaut. Das heißt, nicht nur die Früchte weisen eine hohe Dichte an positiven Eigenschaften auf. Auch der Baum, an denen die Früchte gedeihen, ist vielfältig einsetzbar. Das Holz des Kastanienbaums gilt als besonders widerstandsfähig und hat die Eigenschaft "gut zu schwingen", was es auch zu einem geeigneten Baustoff für Instrumente macht.

Kastanien sind also ganz besondere Bäume, bei denen es sich lohnt auch einmal näher hinzusehen, und das ein oder andere Gericht mit den Früchten auszuprobieren.

Was die Kastanie mit einer gescheiterten Liebe zu tun hat?
Einst soll der römische Gott Jupiter um die schöne und keusche Nymphe Nea geworben haben. Sie lehnte ihn aber ab und ging stattdessen lieber in den Tod. Ihre sterbliche Hülle verwandelte sich in einen Baum: Casta Nea - übersetzt die keusche Nea. Der stachelige Mantel der Kastanie soll diese gescheiterte Liebe versinnbildlichen.



aus der Sendung vom

Di, 8.11.2016 | 18:15 Uhr

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