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40 Jahre EU-Vogelschutz-Richtlinie Wo der Vogelschutz funktioniert - und wo nicht

1979 war von Insekten- oder Vogelsterben noch keine Rede. Die EU-Vogelschutz-Richtlinie gilt als Vorbild und Europas erfolgreichstes Naturschutzgesetz. Viele Vögel sind dennoch bedroht.

Ein Rebhuhn sitzt am 20.11.2017 in einem Gehege des Zoologischen Gartens Wilhelma in Stuttgart.

Das Rebhuhn - sein Bestand ist stark geschrumpft. Grund ist die Intensivierung in der Landwirtschaft, zum Beispiel durch vermehrte Düngung.

Obwohl 1979 in den Schlagzeilen noch nichts von Insekten- oder Vogelsterben stand, hat die EU vor 40 Jahren, am 2. April 1979, in der EU-Vogelschutz-Richtlinie verbindlich festgelegt, dass wildlebende Vögel geschützt werden müssen. Anstoß damals war die Jagd auf Zugvögel. Für sie wollte die Vogelschutz-Richtlinie grenzübergreifend Rast- und Brutplätze erhalten. Das allgemeine Ziel, alle in der EU vorkommenden Vogelarten dauerhaft zu schützen, war für den Naturschutz bereits damals eine Errungenschaft.

Der Schutz funktioniert zum einen durch Vogelschutzgebiete: Davon gibt es in Deutschland rund 740. Zum anderen gibt es regelmäßige Bestandserhebungen. Inzwischen müssen die EU-Mitgliedsstaaten alle sechs Jahre an die EU-Kommission berichten - über Arten, Anzahl, Verbreitung, Gefährdung und welche Schutzmaßnahmen ergriffen werden.

Welche Vögel profitiert haben und welche nicht

Schwarzstorch

Der streng geschützte Schwarzstorch hat von der Vogelschutz-Richtlinie profitiert.

40 Jahre nach Inkrafttreten belegen Untersuchungen: Bei Vogelarten, die in der Richtlinie als besonders schützenswert gelistet waren, nehmen die Bestände zu. Für Schwarzstörche, Seeadler, Wanderfalken war sie ein Erfolg.

Allerdings: Bei den Feldvögeln - Kiebitz, Wachtel, Rebhuhn, Lerche - sind die Bestände in dieser Zeit um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Denn hier gibt es mehr Interessenskonflikte zwischen Landwirtschaft, Bauwirtschaft und Vogelschutz.

Aktuelle Kritik an der EU-Vogelschutz-Richtlinie

Eine Wiese mit einem Plakat, auf dem ein Rebhuhn abgebildet ist

Bitte nicht stören - Rückzugsflächen für gefährdete Vogelarten.

Selbst nach 40 Jahren steht zum Vogelschutz noch zu viel nur auf dem Papier. Zu oft fehlt es noch an den Managementplänen für die praktische Umsetzung oder die Schutzmaßnahmen sind nicht streng genug. Es fehlt an Geld und Personal, wenn es um Naturschutzbelange geht.

Und der damalige Stein des Anstoßes - die Jagd auf Singvögel - wurde zwar verboten, ist aber in Südeuropa und anderswo auch heute noch ein Problem. Für eine Natur ohne Grenzen war die EU-Vogelschutz-Richtlinie ein wichtiger, maßgeblicher Schritt. Aber bei der praktischen Umsetzung, da ist auch nach 40 Jahren noch viel Luft nach oben.

Kontrolle im Vogelschutz - vor allem durch ehrenamtliche Vogelzähler

Ob die Maßnahmen der EU-Vogelschutzrichtlinie greifen oder nicht, wird regelmäßig kontrolliert, beispielsweise von ehrenamtlichen Vogelzählern. Hans-Georg Folz hilft etwa auf dem Ober-Hilbersheimer Plateau, einem Vogelschutzgebiet in Rheinhessen, beim Monitoring häufiger Brutvogelarten. Diese professionelle Vogelzählung ist Grundlage für den Bericht, den Deutschland regelmäßig an die EU-Kommission liefert. Darin wird festgehalten, in welchem Zustand Vogelschutzgebiete und Vogelarten sind. Das Gebiet, das die Vogelzähler abgehen müssen, ist genau vorgeschrieben - ein Quadratkilometer.

Für die Vogelschutz-Richtlinie werden alle sechs Jahre Vogel-Daten gemeldet.

Für die Vogelschutz-Richtlinie werden alle sechs Jahre Vogel-Daten gemeldet.

"Es gibt eine Fülle von Vogelrevieren hier in diesem Waldstück und fast nichts - mit Ausnahme dieser einen Feldlerche - auf der großen Ackerfläche." Hans-Georg Folz begeht das Gebiet seit vielen Jahren und kann an den Zahlen der beobachteten Vögeln ablesen: Buntspecht, Kleiber, Misteldrossel oder Star - den Brutvögeln im Waldstück hat die EU-Vogelschutz-Richtlinie durchaus geholfen. Bei den Allerwelts-Vogelarten auf der Fläche, gerade in Ackerlandschaften, zeigt sie keine Wirkung.

"Bei der Feldlerche haben wir hier auf dem Plateau nur noch etwa zwei Drittel von dem, was 2003 erfasst wurde. Der Kiebitz zum Beispiel hat hier gebrütet, ist heute völlig ausgestorben. Das Rebhuhn ist am Rande des Erlöschens, die Wachtel ebenso." Ein europaweiter Trend - der Naturschutzbund Deutschland (NABU) sieht eine Ursache darin, dass die EU-Vogelschutz-Richtlinie mit der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU konkurrieren muss. Hans-Georg Folz wird sein Karree in den nächsten Monaten noch dreimal abgehen.

Ehrenamtliche sparen Millionen Euro für Gutachter

Um all die Vogelzählungen für die EU-Vogelschutz-Richtlinie liefern zu können, ist man auf ehrenamtliche Hobby-Vogelkundler angewiesen. Darauf verweist Michael Schmolz als Geschäftsführer der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie in Rheinland-Pfalz.

In Deutschland seien es über 6.000 Ornithologen, die dieses Monitoring durchführten, mit jährlich rund 200.000 Ehrenamtsstunden. Unbezahlbar, betont Schmolz. "Das sind mehrere Millionen Euro, wenn man das bezahlen müsste an Gutachter. Deswegen sollte man auch mit diesem Schatz an Ehrenamtlichen sehr sorgsam umgehen."

Online: Heidi Keller