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Michael Steinbrecher, Alexandra Bohlig und Kai Whittaker (v.li.)

SENDETERMIN Fr, 13.4.2018 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Sendung am 13. April 2018 Arm in Deutschland

Deutschland geht es gut: Starke Wirtschaft, technischer Fortschritt und die Zahl der Arbeitslosen auf einem Rekordtief. Und doch gibt es eine dramatische Schere zwischen Reich und Arm in unserem Land. Ein erheblicher Anteil der Bevölkerung ist von Armut betroffen.

Über sechs Millionen Menschen in Deutschland leben von Hartz IV. Jeder sechste Deutsche gilt als armutsgefährdet. Auf Urlaub verzichten, nach Sonderangeboten Ausschau halten und hoffen, dass das Geld für die nächste Mietzahlung ausreicht – trauriger Alltag für zahlreiche Menschen. Die Armut in Deutschland hat viele Gesichter. Wer beispielsweise durch Krankheit oder Unfall früh aus dem Arbeitsleben ausscheidet, ist schnell abgehängt – gesellschaftlich und finanziell. Aber selbst Familien mit Durchschnitts-Einkommen sind immer häufiger verzweifelt auf Wohnungssuche. Denn der Wohnraum ist knapp und die Mietpreise explodieren.

Besonders betroffen sind Alleinerziehende. In Deutschland leben rund 1,6 Millionen alleinerziehende Mütter und Väter. Rund ein Drittel von ihnen ist von Armut bedroht. So reicht für Alleinerziehende oft ein Job nicht zum Leben aus. Viele von ihnen sind Multijobber, sitzen vormittags an der Supermarktkasse, gehen abends putzen – und müssen gleichzeitig ihre Kinder versorgen.

Insgesamt gelten in Deutschland über drei Millionen Kinder und Jugendliche als arm. Ins Kino gehen oder ein Eis essen – für viele Kinder Luxus. Und neben der Kinderarmut macht vor allem die Altersarmut betroffen: Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, reicht die Altersversorgung nicht zum Überleben. Die Zahl der Rentner, die auf die Unterstützung der Tafel angewiesen sind, hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt.

Wie sieht ein Leben an der Armutsgrenze in Deutschland aus? Wie lässt sich dieser unhaltbare Zustand verändern? Und welche Antworten hat die Politik?

Die Gäste:

Alexandra Bohlig

Portrait von Alexandra Bohlig

Alexandra Bohlig

Alexandra Bohlig hatte als Alleinerziehende nie viel Geld zur Verfügung, arbeitete aber voller Stolz als Erzieherin, auch um ihren vier Kindern ein Vorbild zu sein. Bis sie vor einigen Jahren durch eine Krebsdiagnose berufsunfähig wurde. Alexandra Bohlig rutschte in Hartz IV und lebt inzwischen von der Erwerbsminderungsrente. „Ich habe versucht zu arbeiten, ich habe versucht nicht so leben zu müssen. Jetzt kann ich es leider nicht ändern.“

Tiago Möhring

Portrait von Tiago Möhring

Tiago Möhring

„Ich finde es schon ein bisschen ungerecht, dass meine Eltern so wenig verdienen, obwohl sie beide arbeiten gehen“, beklagt der 15-jährige Tiago Möhring. Das Gehalt der Eltern reicht der fünfköpfigen Familie für Miete, Kleidung und Medikamente – für mehr aber auch nicht. Einfach mal ins Kino gehen oder mit Freunden einen Döner essen – das ist Luxus für den Schüler.

Renate Paulat

Portrait von Renate Paulat

Renate Paulat

Wenig Geld zur Verfügung hat auch Rentnerin Renate Paulat. Obwohl sie ein ganzes Leben lang gearbeitet hat, bleiben ihr nur etwa 350 Euro monatlich zum Leben. Um besser über die Runden zu kommen, verkaufte sie ihren Schmuck und zog in eine kleinere Wohnung. „Das ist eigentlich nicht der Sinn des Lebens, dass man alles veräußert, um leben zu können.“

Ralph Rassbach

Portrait von Ralph Rassbach

Ralph Rassbach

Auch der 49-jährige Ralph Rassbach hat sein bisheriges Leben gearbeitet und gehört nun zu den Armen in Deutschland. Eine betriebsbedingte Kündigung zog ihm den Boden unter den Füßen weg. Seit vier Jahren ist er nun auf Hartz IV angewiesen, seine zahlreichen Bewerbungen blieben bisher erfolglos. Rassbach sagt: „Harte Arbeit und auch Verzicht üben, das ist etwas, was ich durchaus kann. Aber spätestens nach der 250. Bewerbung ist man innerlich ausgeblutet.“

Prof. Dr. Stefan Sell

Portrait von Prof. Dr. Stefan Sell

Prof. Dr. Stefan Sell

„Es geht darum, dass die ständige Knappheit Menschen unter einen ganz negativen Druck setzt, weil sie ständig Angst haben.“ Das sagt Prof. Dr. Stefan Sell. Der renommierte Armutsforscher diagnostiziert eine zunehmende Armut im wohlhabenden Deutschland und plädiert dafür, das Thema endlich ernst zu nehmen und eine Sensibilität für die Betroffenen zu entwickeln.

Kai Whittaker

Portrait von Kai Whittaker

Kai Whittaker

Für den CDU-Bundestagsabgeordneten Kai Whittaker steht fest, dass der deutsche Arbeitsmarkt stark genug ist, um alle Arbeitslosen aufzunehmen und somit niemand arm sein müsste. Ältere Menschen sollten gegebenenfalls länger arbeiten und Langzeitarbeitslose müssten dringend in Lohn und Brot gebracht werden, auch um ihren Kindern ein Vorbild zu sein. „Hartz IV ist eine temporäre Hilfe, die so berechnet ist, dass es zum Leben reicht. Für mehr aber nicht.“