Bitte warten...

SENDETERMIN Di, 30.4.2019 | 21:00 Uhr | SWR Fernsehen

Reform der Hilfsmittelversorgung Ist seit 1. Mai für Kassenpatienten alles besser?

Wer Hilfsmittel wie Rollatoren oder Inkontinenzprodukte benötigt, bekommt von seiner Krankenkasse meist nur das Standardmodell gezahlt, der Aufpreis für eine bessere Qualität belastet den eigenen Geldbeutel. Dabei sind die Angebote der Kassen höchst unterschiedlich und kaum zu durchschauen. Mit dem sogenannten Terminservice- und Versorgungsgesetz(TSVG), das seit 1.Mai gilt, soll alles besser werden. Doch nicht jeder profitiert von den Neuregelungen.

In unseren Tipps erfahren Sie, wie man einen mitunter jahrelangen und zermürbenden Kampf vermeidet und möglichst ohne teure Zuzahlungen an die benötigten Hilfsmittel kommt.

Streitpunkt Inkontinenzprodukte

Für Menschen, die an mittlerer Inkontinenz leiden erachten viele Krankenkassen Einlagen als ausreichend. Doch bei diesen Einlagen ist der Betroffene meist nass, der Urin fließt vorbei und die Beine herunter. Daher bevorzugen viele Windelhosen, sogenannte Pants, doch die haben ihren Preis: Rund vierzig Euro muss zugezahlt werden, für ein Produkt, dessen Saugkern Urin gut auffängt und dessen Bündchen in der Taille und an den Beinen passgenau sitzen.

Symbolbild: Windeln mit mangelhafter Qualität

Die Übernahme der Kosten für passgenaue Pants wird von den Kassen häufig abgelehnt.

Und: Mit solchen höherwertigen Inkontinenzprodukten sind die Betroffenen nicht nur besser versorgt, sie erhalten auch ein Stück Lebensqualität und Selbständigkeit zurück, da viele die Pants eigenständig runter- und hochziehen können beim Toilettengang.

Preiswert statt qualitativ hochwertig?

Die Qualität der Hilfsmittel, die die Krankenkasse übernimmt, steht immer wieder in der Kritik. Viele Kassen haben sogenannte Ausschreibungsverträge mit Hilfsmittelanbietern abgeschlossen. Nur von ihnen dürfen die Versicherten die Produkte beziehen.

Der Vorwurf: Bei den Verträgen gehe es vor allem um den Preis statt um die Qualität.

Streitpunkt Rollatoren

Rollator wird über eine Türschwelle gehievt

Mit dem Standardmodell der Kassen kann schon eine Türschwelle zum schwierigen Hindernis werden.

Auch bei den Rollatoren gibt es große Qualitätsunterschiede. Jede Krankenkasse übernimmt nur bestimmte Modelle. Welche ist von Kasse zu Kasse unterschiedlich. Für ein Standardmodell muss man zehn Euro zuzahlen. Höherwertige Modelle sind auch bei den Vertragshändlern der Krankenkassen zu bekommen. Allerdings: Den Aufpreis kann sich nicht jeder leisten.

Aber was viele nicht wissen: Man kann das Produkt auch woanders kaufen - manchmal sogar günstiger als beim Vertragsanbieter der Kasse.

Beispiel: Ein Versicherter bekommt einen Rollator verordnet. Seine Kasse zahlt für das Standardmodell 45 Euro. Er möchte jedoch ein höherwertiges Modell. Beim Vertragshändler der Kasse kostet das 499 Euro. Abzüglich der 45 Euro müsste er 454 Euro zuzahlen. Den gleichen Rollator gibt es aber auch bei einem Onlineanbieter - für gerade mal 399 Euro. Kauft der Versicherte dort, bekommt er zwar keinen Zuschuss, zahlt aber unterm Strich weniger.

Grafik: Preisvergleich eines Rollators beim Onlinehändler und beim Vertragspartner einer Krankenkasse

Ohne Zuzahlung, aber trotzdem 55 Euro Ersparnis möglich!

Vertragswirrwarr statt Patientenfürsorge

Beim Sozialverband VdK landen zahlreiche Anfragen überforderter Patienten. Hier sieht man das Vertragswirrwarr der Kassen kritisch.

Moritz Ehl, Sozialverband VdK Rheinland-Pfalz:
"Im Moment ist es für die Versicherten schwer zu überschauen, denn es hängt von sehr vielen Faktoren ab, welche Hilfsmittel mir zur Verfügung stehen. Beispielsweise von der Krankenkasse, auch vom Wohnort und es kann auch sein, dass mir gewisse Hilfsmittel gar nicht zur Verfügung stehen, obwohl sie auf meine Situation gut passen würden, eben weil es kein Angebot meiner Krankenkasse dafür gibt.“

Dazu kommen die unterschiedlichen Qualitäten der Hilfsmittel je nach Krankenkasse.

Das neue Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG)

Gesundheitsminister Jens Spahn hat das Problem erkannt und will mit dem seit 1. Mai 2019 geltenden Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) für Verbesserung sorgen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hält im Bundestag eine Rede

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn erläutert im im Bundestag die Neuerungen durch das TSVG.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn:
„Wir haben eine bessere Situation in Zukunft bei den Hilfsmitteln. Es ist genannt worden, die Ausschreibungen kommen weg bei Rollstühlen, bei Inkontinenzprodukten in vielen Bereichen. Das ist das größte, das umfangreichste Gesetz in dieser Legislatur in der Gesundheit, aber es macht konkret den Alltag für Millionen Menschen besser.“

Klingt gut. Doch was bedeutet das für die Betroffenen, die Inkontinenzprodukte benötigen? Bekommen sie künftig Pants ohne Zuzahlung und höherwertige Rollatoren?

Beitrittsvertrag statt Ausschreibungs- oder Rahmenvertrag – mehr als reine Namens-Kosmetik?

Der VdK ist skeptisch. Denn Verträge zwischen Krankenkassen und Anbietern wird es weiterhin geben. Sie werden in Zukunft nur anders heißen, nämlich Beitrittsverträge. Ob damit die Preis- und Qualitätsprobleme vorbei sind, ist fraglich.

Moritz Ehl, Sozialverband VdK Rheinland-Pfalz:
„Es lässt sich aktuell noch nicht absehen, welche Verbesserungen sich genau ergeben werden. Das Gesetz schafft Rahmenbedingungen damit Verbesserungen möglich sind, aber das wird sich zeigen durch die Praxis, ob es und welche Verbesserungen es geben wird.“

Stefan Süß vom Selbsthilfeverband Inkontinenz bezweifelt, dass durch die neuen Verträge der Krankenkassen viele Pflegebedürftige Vorteile haben werden.

Stefan Süß, Selbsthilfeverband Inkontinenz

Stefan Süß vom Selbsthilfeverband Inkontinenz

Stefan Süß, Selbsthilfeverband Inkontinenz:
„Die neuen Beitrittsverträge bringen den Betroffenen nur ein paar Euro mehr im Monat. Aber wenn jemand schwer inkontinent ist, werden ihm trotzdem seine Hilfsmittel nicht bezahlt, weil die neuen Beitrittsverträge nicht unterscheiden zwischen den einzelnen Inkontinenzformen- und stärken. Und bei schwerer Inkontinenz braucht man mehr oder stärkere Inkontinenzhilfsmittel und auf diesen Kosten bleibt der Betroffene weiter sitzen.
Für Patienten, die auf Pants angewiesen sind, bringt das TSVG gar nichts. Denn bisher war die Versorgung bereits eingeschränkt. So haben nur Patienten, die zum Beispiel Rheuma oder Demenz oder Spastiker waren, Pants auf Kasse bekommen. Nach dem 1. Mai bleibt das so und auch weiterhin bekommen keine weiteren Patienten diese Pants auf Kassenleistung.“

Kein voreiliger Versicherungswechsel

Nicht jede Krankenkasse hat die gleichen Hilfsmittel im Angebot. Allerdings sollten Versicherte nicht voreilig wechseln, auch wenn das Hilfsmittelangebot einer anderen Krankenkasse verlockend erscheint.

Moritz Ehl, Sozialverband VdK Rheinland-Pfalz

Moritz Ehl vom Sozialverband VdK Rheinland-Pfalz

Moritz Ehl, Sozialverband VdK Rheinland-Pfalz:
„In vielen Fällen ist es nicht sinnvoll, die Kasse zu wechseln. Das geht in der gesetzlichen Krankenversicherung sehr einfach, aber oft sind Leistungen, die die Krankenkassen erbringen, Ermessensleistungen. Ich muss argumentieren, dass ich sie bekommen möchte und eine lange Zugehörigkeit zu einer gesetzlichen Krankenkasse kann ein gutes Argument dafür sein, eine Ermessensleistung zu erhalten.“

Filmautor: Wolfgang Weber | Online: Dorothée Panse

Mehr zum Thema bei Marktcheck