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Urlaub ohne schlechtes Gewissen Nachhaltige Reisen werden immer beliebter

Nachhaltiger Tourismus war vor 20 Jahren noch etwas für "Weltverbesserer". Mittlerweile kann sich aber rund ein Drittel der Deutschen zumindest vorstellen, eine solche Reise zu buchen.

Sandstrand mit Palmen

Besonders hoch ist der CO2-Verbrauch bei Fernreisen.

Die Internationale Tourismus-Börse ITB, die gerade in Berlin läuft und geschätzt rund 200.000 Besucher anlockt, zeigt: Die Reiselust der Deutschen ist ungebrochen. Mindestens jeder Zweite plant dieses Jahr eine Urlaubsreise, viele sogar zwei oder drei. Schließlich ist das die schönste Zeit des Jahres für den gestressten Menschen.

Für die Natur ist das allerdings oft nicht so schön. Denn die vermehrten Fernreisen verursacht Umweltschäden. Zehntausende Flüge belasten täglich das Klima, Touristenmassen verbrauchen an den besonders beliebten Orten oft viel zu viel Wasser und produzieren zu viel Müll. Probleme die nicht unbekannt sind, doch die meisten von uns nehmen sie in Kauf.

Vielzahl an Gütesiegeln für nachhaltige Reisen sorgt für Verwirrung

Urlauber am Strand von Arenal auf der Mittelmeerinsel Mallorca

Viele Urlauber bedeuten auch viel Müll und hohen Wasserverbrauch.

Bequem soll es sein. Deshalb machen sich die meisten Deutschen mit dem Flugzeug und vor allem mit dem Auto auf den Weg. Aber auch das schlechte Gewissen fährt immer öfter mit. Die Zahl der Menschen, die die Umweltauswirkungen ihres Urlaubs reduzieren möchten, steigt. Das zeigt sich auch auf der ITB in Berlin. Dort gibt es Jahr für Jahr mehr Anbieter, die damit werben, grün, nachhaltig oder umweltfreundlich zu sein. Doch halten alle das, was sie versprechen?

Es gibt mehr als 150 verschiedene Gütesiegel für nachhaltiges, grünes oder soziales Reisen. Deshalb sprechen Tourismus-Experten von einem Dschungel. Hinzu kommen Preise von anerkannten, aber auch dubiosen Vereinen. Offiziell möchte niemand innerhalb der Touristik-Branche ein Gütesiegel oder einen Preis schlecht reden. Lieber lobt man die "Guten", wie der Kleingruppen-Reiseveranstalter Intrepid. Dieser bekam bereits 2013 die "EcoTrophea", eine Auszeichnung vom Deutschen Reisebüro-Verband für sein jahrelanges Engagement für verantwortungsbewusstes und nachhaltiges Reisen.

"Nachhaltigkeit" bedeutet für jeden etwas anderes

Aufnahme aus der Froschperspektive: Eine Familie steht mit ihren Fahrrädern dicht beisammen. Hinter den Köpfen blitzt die Sonne hindurch.

Fahrradreisen - gut für Fitness und Umwelt

Barbara Glanz von Intrepid glaubt allerdings nicht, dass Kunden vor allem wegen des grünen Engagements buchen. Glanz kritisiert, oft bedeutete nachhaltiges Reisen: schöner Schein, aber nicht viel dahinter: "Das ist mittlerweile - leider muss ich sagen - schon so ein Modebegriff geworden. Das schreiben sich auch Veranstalter auf die Fahne, wo das Ganze in meinen Augen durchaus näher beleuchtet werden müsste."

Stefan Baumeister von der Klimaschutzorganisation "myclimate" sieht das Hauptproblem bei dem schwammigen Begriff "Nachhaltigkeit". Für jeden bedeute dieser etwas anderes. Außerdem sei Nachhaltigkeit für einen Reisenden vor Ort sehr schwer nachzuprüfen: Auch wenn ein Hotel seine Gäste bitte, auf die Umwelt zu achten, sei schließlich nicht klar, ob es zum Beispiel 100 Prozent Ökostrom verwende und was es im Bereich Energieeffizienz tue.

Individualreisen sind nicht unbedingt umweltfreundlicher

Kombo: Kalendereintrag und Leute am Strand

Urlaub - für viele die schönste Zeit des Jahres.

Es handle sich um ein sehr komplexes Thema, das für den Gast kaum nachvollziehbar sei: "Wenn ein Hotel oder Reiseveranstalter die Sache ernst nimmt, dann wird er wahrscheinlich viel Mühe darauf verwenden, gut zu kommunizieren, was er unter Nachhaltigkeit versteht und warum er das tut", so Baumeister. Er macht auf der Internationalen Tourismus-Börse Werbung für "myclimate". Dort kann man im Internet seinen CO2-Verbrauch berechnen und dann zum Ausgleich Geld an Klimaschutzprojekte spenden.

Besonders bei Fernflügen entsteht ein hoher CO2-Verbrauch. Um das Gewissen zu beruhigen, kann der Fluggast Aufforstungen oder erneuerbare Energien unterstützen. Stefan Baumeister glaubt allerdings, dass es bei den meisten Last-Minute-Schnäppchen-Angeboten deutlich weniger um nachhaltiges Reisen gehe.

Doch auch Individualreisen sind häufig nicht nachhaltig, und letztlich entscheidet der Kunde: "Wenn ich einen Heli vor Ort in Botswana buche, dann ist das eine Sache. Aber wenn ich unterwegs bin mit dem Fahrrad, dann brauche ich nicht mehr nachzufragen, ob das nachhaltig ist. Ich habe selbst schon intuitiv ein gutes Gefühl, was mir entspricht – ob ich den nachhaltigen Teil wähle, oder ob ich das andere schöner finde."


Susanne Henn, SWR Wirtschaft und Umwelt | Online: Stefan Heinz

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