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Reaktionen auf SWR-Dokumentation Ist Leiharbeit zum Niedriglohn gerecht?

Bei Daimler - und anderen Unternehmen - arbeiten Menschen als Leiharbeiter, die so wenig verdienen, dass sie Hartz IV-Unterstützung vom Staat bekommen. Die Reaktionen gehen weit auseinander.

Unterschiedlicher Lohn für die gleiche Arbeit

Unterschiedlicher Lohn für die gleiche Arbeit - in den Daimlerwerken in Stuttgart und Wörth

Betroffen sind offenbar Leiharbeiter einer Logistikfirma, die für Daimler arbeiten. Das hat das SWR Fernsehen recherchiert. Zu sehen war die Sendung am Mittwoch, 12. April, um 20.15 Uhr: "betrifft: Harte Arbeit - schlechter Lohn".

Gespräch mit Lutz Heyser, SWR Wirtschaft und Soziales

Was ist dran an den Vorwürfen gegen Daimler wegen der Werkverträge?

Laut Sozialberatung des Deutschen Gewerkschaftsbundes hier in Stuttgart war der Fall in diesem Film kein Einzelfall. Demnach gibt es wohl immer wieder Menschen, angestellt über externe Werkvertragsfirmen, die auf dem Daimler Werksgelände arbeiten, dort im Prinzip genau die gleiche Arbeit leisten wie die bei Daimler selbst Festangestellten - dafür aber wesentlich weniger Geld bekommen. Und zwar teils nur ein Drittel dessen, was ein zur Stammbelegschaft Gehörender verdienen würde.

Das ist in manchen Fällen offenbar so wenig, dass die Leute zusätzlich staatliche Unterstützung benötigen, um über die Runden zu kommen - also ihren Lohn über Hartz IV aufstocken müssen, so ein Werkverträgler in der SWR-Dokumentation.

Welche Reaktionen von Daimler oder von den Gewerkschaften gab es auf diese Vorwürfe?

Daimler nutzt die aktuelle Gesetzgebung

Daimler nutzt die aktuelle Gesetzgebung

Daimler selbst sagt, der Film habe keine Verstöße aufgezeigt. Der Film zeige vielmehr, dass Daimler Werkverträge und Zeitarbeit abwickelt, so wie es im deutschen Arbeitsrecht erlaubt und vorgesehen ist. Das beweise, dass die sozialen Grundsätze für Werkvertragsfirmen, die Daimler 2013 eingeführt habe, greifen würden. Damit sieht sich Daimler selbst als beispielgebend für die deutsche Wirtschaft und auch den Öffentlichen Dienst.

Anders sieht es der Deutsche Gewerkschaftsbund: Er sagt, die SWR-Dokumentation zeige erschreckende Missstände bei Leiharbeit, Werkverträgen und Soloselbstständigkeit auf. Das ganze Regelungswerk sei nach wie vor löchrig wie ein Schweizer Käse, so der DGB-Landesvorsitzende Martin Kunzmann. "Menschen dürfen nicht wie Waren von einer miserablen Beschäftigung zur nächsten geschoben werden. Hier gehört dringend nachgebessert."

Der DGB fordert nun die Landesregierung, aber auch die Kandidatinnen und Kandidaten für den Bundestag, dazu auf, sich für die Eindämmung von Billigjobs und prekärer Beschäftigung einzusetzen.

Im Netz wird das Thema Leiharbeit zum Hungerlohn heftig diskutiert. Mit welchem Tenor?

Durchaus kontrovers und überwiegend kritisch. Es wird die Frage gestellt, wie es sein könne, dass Daimler auf der einen Seite Rekordzahlen präsentiere und auf der anderen Seite dort Leute über Werkvertragsfirmen arbeiten sollen, denen der Lohn nicht zum leben reiche. 2016 war bei Daimler das beste Jahr in der Konzerngeschichte. Daimler steht bei Absatz, Umsatz und Ergebnis so gut da wie nie.

Andere Rückmeldungen im Netz sagen, das machen andere Firmen wie etwa Audi oder BMW doch auch so. Daimler sei also nur exemplarisch für viele andere Unternehmen. Es gibt auch Stimmen, die Daimler verteidigen und zu Unrecht an den Pranger gestellt sehen. Denn alles, was Daimler mache, sei doch völlig legal. Da haben die Fernsehkollegen auch nichts anderes behauptet. Aber die Frage bleibt: Ist das, was aktuell juristisch möglich ist, politisch so gewollt und moralisch vertretbar?

Online: Heidi Keller