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SENDETERMIN Di, 18.10.2016 | 20:15 Uhr | SWR Fernsehen

Mikroplastik Wenn die Creme zum Risiko wird

Sie sind mit bloßem Auge kaum zu erkennen, doch sie stecken fast überall drin, in Cremes, in Duschgel, in Shampoo: Kleine Mikroplastikteile. Für die Umwelt sind die Stoffe verheerend, sie werden ins Meer gespült, landen im Körper von Fischen und über die Nahrungskette wieder bei uns. Manche große Hersteller haben sich vor einigen Jahren freiwillig bereit erklärt, auf die gefährlichen Partikel zu verzichten. Doch was ist daraus geworden?

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Sie stecken fast überall drin: In Schminke oder Körperpflege, winzig klein und oft kaum zu erkennen - feinste Mikroplastikteile. Prof. Gerd Liebezeit, ehemals Institut für Chemie und Biologie des Meeres der Universität Oldenburg erklärt: "Wir nehmen ja zum Beispiel beim Atmen oder auch mit der Nahrung, Mikroplastikpartikel zu uns und sehr kleine Partikel können eben ins Gewebe gelangen oder ins Blut."
Seit Jahren ist Prof. Gerd Liebezeit dem gefährlichen Mikroplastik auf der Spur. Er forscht, wo es überall drin steckt und welche Auswirkung es auf unsere Umwelt hat. Eine Quelle: Kosmetikprodukte - dort stecken die winzigen Mikroplastikteile zuhauf drin, als Polyethylene oder zum Beispiel Polyquaternium. Doch kaum ein Verbraucher weiß das.

Was ist Mikroplastik?

Mikroplastik bezeichnet Plastikteilchen, die kleiner als fünf Millimeter sind

Mikroplastikteilchen sind kleiner als 5mm

Mikroplastik bezeichnet Plastikteilchen, die kleiner als fünf Millimeter sind. Die winzigen Partikel werden industriell hergestellt und kommen häufig in Kosmetik vor. Und zwar nicht nur in fester, sondern auch in flüssiger Form, erklärt uns Nadja Ziebarth vom BUND: "Es kann als Abrasiva sein, als Peelingmittel, was die Haut abschmirgelt, aber auch als Glanzmittel im Lippenstift, als Füllstoff, Quellstoff. Es macht die Masse dann auch oft. Aber auch bei Duschgels hat es dann oft dieses gelige Gefühl, dass man nicht einfach nur eine Flüssigkeit in der Hand hat, sondern, dass es Volumen hat - das macht auch Kunststoff aus."

Im Kreislauf der Natur ins Essen

Rund ein halber Teelöffel Plastikteilchen bleiben beim Peeling zurück

Plastikrückstände aus einem Peeling

Täglich duschen, cremen und schminken sich in Deutschland Millionen von Menschen mit Millionen von Mikroplastikpartikeln, bei vielen Produkten überhaupt nicht sichtbar. Anders jedoch bei unserem Peeling-Beispiel. Man sieht genau, dass rund ein halber Teelöffel Mikroplastik zurück bleibt. Die Kleinst-Plastikteilchen aus der Kosmetik gelangen mit dem Abwasser ins Klärwerk, passieren die Filter und dann geht es für sie in unsere Flüsse, Seen, Meere, also in die Umwelt.
Prof. Gerd Liebezeit erläutert dazu: "Also Mikroplastik finden wir mittlerweile vom Nordpol bis zum Südpol, über die Tropen, überall auf der Welt. Und da seit 1950 etwa, seit Beginn der industriellen Plastikproduktion, Plastikabfall ins Meer gelangt sind natürlich ungeheure Mengen an Plastik im Meer zu finden und natürlich auch ungeheure Mengen an Mikroplastik."

Kein echter Ausstieg

Plastikkügelchen in Kosmetik

Plastikkügelchen in Kosmetik

Vor rund zwei Jahren hatten einige Hersteller angekündigt, freiwillig zumindest auf einen Mikroplastikstoff zu verzichten: Polyethylen. Doch neben Polyethylen kommen viele weitere Mikroplastik-Stoffe zum Einsatz. Was ist aus diesem Versprechen geworden? Der BUND und Codecheck.info haben tausende von Kosmetikprodukten ausgewertet.
Nadja Ziebarth vom BUND erläutert: "Vor zwei Jahren haben sie gesagt, sie wollen aussteigen. Wir sehen heute, dass sie überhaupt nicht ausgestiegen sind. Es haben sich einige Produkte geändert, aber das Gros auf dem Markt hat weiter Mikroplastik."

Wir haken nach beim Industrieverband für Körperpflege und Waschmittel (IKW). Dort schiebt man den schwarzen Peter weiter an andere Branchen: "Nach Kenntnis des IKW ist der Anteil von festen Kunststoffpartikeln aus kosmetischen Mitteln in den Gewässern in Relation zum Gesamteintrag von Kunststoffen sehr gering."

Die Diskussion um festes oder flüssiges Mikroplastik sei Haarspalterei, meint der BUND. Für Hersteller sei Mikroplastik vor allem eins: Ein günstiger Füllstoff. So erklärt Nadia Ziebarth vom BUND: "Okay, man kann ja erst einmal etwas verwenden und sich keinen Gedanken machen, was damit passiert, aber jetzt wo wir wissen, dass es in die Umwelt gelangt, dass es dort auch in die Nahrungskette gelangt, dass sie jetzt nicht umdenken und sagen wir verändern unsere Rezeptur, wir wollen Mikroplastik auch nicht mehr in unseren Produkten, das ist eigentlich der Skandal."

Kaum Rückgang

In den vergangenen Jahren ist der Einsatz von Mikroplastik kaum zurückgegangen. In einzelnen Produkten sogar gestiegen. Das halten Umweltexperten wie Prof. Gerd Liebezeit für einen Skandal. Denn Mikroplastik in der Umwelt, egal in welcher Form, kann zu einer echten Gefahr für uns alle werden.

Prof. Gerd Liebezeit, ehemals Institut für Chemie und Biologie des Meeres der Universität Oldenburg

Prof. Gerd Liebezeit

Prof. Gerd Liebezeit, ehemals Institut für Chemie und Biologie des Meeres der Universität Oldenburg argumentiert: "Das Gefährliche ist, dass diese Teilchen Schadstoffe wie Pestizide oder polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe anlagern können. Und wenn diese Teilchen, dann von Organismen wie Muscheln oder Fischen aufgenommen werden, dann können diese Schadstoffe wieder in den Organismus gelangen und auf diese Weise gelangen die Schadstoffe dann letztendlich auch wieder zu uns, wenn wir diese Fische zum Beispiel verzehren."

Fehlende Regelungen

Andere Länder sind da weiter. Die USA etwa hat ein Gesetz verabschiedet, das die Herstellung und den Verkauf von mikroplastikhaltiger Kosmetika verbietet. Warum setzt man in Deutschland immer noch auf eine freiwillige Selbstverpflichtung und hat nicht strengere Regeln eingeführt? Wir fragen beim zuständigen Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit nach. Hier verweist man auf die freiwillige Selbstverpflichtung bis 2020 auf Mikroplastik verzichten zu wollen: "Eine gesetzliche Regelung ist keine Garantie dafür, dass ein Ausstieg aus diesen Stoffen und Materialien besonders schnell von statten geht."

Die App von Codecheck zeigt auch Mikroplastik in Kosmetika an.

Die App von Codecheck zeigt auch Mikroplastik in Kosmetika an.

Deutschland hinkt hinterher. Längst gibt es genügend Alternativen zu Mikroplastik, doch die sind häufig teurer. Solange gesetzliche Regelungen fehlen, muss der mündige Verbraucher wohl selbst eine Lösung finden. Dabei hilft z.B. eine App wie Codecheck. Hier kann man jetzt auch Produkte auf Mikroplastik überprüfen.

aus der Sendung vom

Di, 18.10.2016 | 20:15 Uhr

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