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Kommentar zu Diesel-Abgas-Versuchen "Die Absicht dahinter ist verwerflich"

Versuche an Menschen sind nicht ungewöhnlich und an sich kein Skandal. Eher, dass die Automobilindustrie die Studie bezahlt hat. Luft holen und Fakten checken, mahnt Sabrina Fritz.

Die Frontansicht eines VW New Beetle in der Produktionshalle von Volkswagen in Puebla (Mexiko) nach dem Start für die Produktion des New Beetle

Die Abgase eines VW-Beetles atmeten Affen in einem Testlabor in New Mexico/USA stundenlang für einen Schadstoff-Versuch ein.

Kommentar von Sabrina Fritz, SWR Wirtschaft und Soziales

Menschenversuche mit Dieselabgasen - wow, was für eine Schlagzeile. "New York Times"-Leser fühlen sich an das dritte Reich erinnert. Politiker fallen über die Autokonzern her, als ob sie das Wort "Test" oder "Tierversuche" noch nie gehört hätten. Hier kann man nur mal ein lautes "Stopp" rufen - durchatmen und Fakten checken.

Viel Lärm und Empörung - letztlich um nichts?

Sabrina Fritz, ARD-Hörfunkkorrespondentin in Washington

Sabrina Fritz

Ja, Studenten haben gegen Geld an einer Testreihe der Uniklinik Aachen teilgenommen. Sie haben Stickstoffdioxid eingeatmet, um herauszufinden, welche Auswirkungen dieses Reizgas auf den menschlichen Körper hat.

Die Ethikkommission der Uniklinik hatte den Auftrag genehmigt. Die Konzentration war geringer als an jeder größeren Straßenkreuzung. Womit sich damit schon die Frage stellt, was so ein Test mit einer so geringen Dosierung überhaupt bringen soll. Das Ergebnis war dann auch negativ.

Mutmaßlich kein ergebnisoffener Test

Studenten sitzen am Donnerstag (14.06.2012) vor dem Hauptgebäude der Rheinisch-Westfaelische Technische Hochschule (RWTH) Aachen.

Eine Lobby-Initiative von VW, Daimler und BMW: An der Uniklinik Aachen haben 25 Probanden mehrere Stunden lang in unterschiedlichen Konzentrationen Stickstoffdioxid eingeatmet.

Viele Menschen, meist diejenigen die Geld brauchen, dienen sich als Versuchskaninchen an. Sie schlucken Pillen, testen Cremes oder sie atmen Reizgase ein. Bislang hat sich darüber noch kaum jemand aufgeregt.

Ist die Autoindustrie damit entlastet? Nein, denn die Absicht dahinter ist verwerflich. Es ging ja nicht darum, ergebnisoffen zu testen, welche Auswirkungen zu viel Stickstoffdioxid auf den Menschen hat. Es ging darum, zu beweisen, dass der Diesel sauber und ungefährlich ist. Der Auftraggeber war von der Autoindustrie bezahlt worden.

Was, wenn alle Studenten nach fünf Minuten in Ohnmacht gefallen wären? Hätte man dann den Bau von Dieselmotoren gestoppt?

Beipackzettel auch für Diesel-Autos?

Ein Haubenlangurenjunge sitzt am Montag (29.09.2008) im Zoo Hannover auf einem Baumstamm und guckt in die Kamera des Fotografen.

Volkswagen hat sich inzwischen für Tierversuche in den USA entschuldigt, bei denen Affen Diesel-Abgasen ausgesetzt wurden.

Bislang sind Tests mit Abgasen für die Autoindustrie nie gut ausgegangen. Denn meist stellte sich früher oder später heraus, dass irgendetwas gemauschelt wurde.

Vielleicht sollte man einfach jedem Auto einen Beipackzettel mit Risiken und Nebenwirkungen beilegen. So wie jeder Pillenpackung auch. Dann kann jeder Verbraucher selbst entscheiden, ob er das Risiko auf sich nimmt oder nicht.