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IG Metall-Chef zur 28-Stunden-Woche "Nicht alle sollen weniger arbeiten"

Organisatorisch nicht machbar und unbezahlbar - gegen die von der IG Metall geforderte 28-Stunden-Woche gibt es viele Vorbehalte. Was sagt die Gewerkschaft dazu?

IG Metall Telefunkenpark

Die IG Metall macht die Arbeitszeitverkürzung zur Forderung in den anstehenden Tarifgesprächen

Gespräch mit Roman Zitzelsberger, Bezirksleiter IG Metall Baden-Württemberg

Es gibt schon jetzt zu wenige qualifizierte Beschäftigte, gerade auf dem Land. Bringt die 28-Stunden-Woche kleine und mittelständische Unternehmen in Personalnot? 

Roman Zitzelsberger, IG Metall: 28-Stunden-Woche gibt Beschäftigten "Souveränität über ihre Zeit".

Roman Zitzelsberger: 28-Stunden-Woche gibt Beschäftigten "Souveränität über ihre Zeit".

Was die IG Metall in dieser Tarifrunde möchte, ist, dass einzelne Beschäftigte sich individuell entscheiden können, ihre Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden zu reduzieren. Sie sollen also nicht per se weniger arbeiten, sondern die Möglichkeit haben, befristet mit ihrer Arbeitszeit runterzugehen. Es ist also mitnichten so, dass wir jetzt eine Welle von kurzer Arbeitszeit über die Betriebe hereinbrechen lassen und dann sind die Fachkräfte weg.

Vielmehr drängen wir als IG Metall seit Jahren darauf, dass im Bereich Weiterbildung und Ausbildung mehr getan wird, um das vermeintliche oder auch tatsächliche Fachkräfteloch zu stopfen. Und dass ausgerechnet diejenigen, die zu wenig für Weiterbildung tun, jetzt behaupten, die IG Metall dürfe den Beschäftigten nicht mehr Zeitsouveränität einräumen, weil sonst die Fachkräfte fehlten - das finde ich schon ein wenig absurd. Ausgerechnet die, die selbst versäumt haben, für genügend Fachkräfte zu sorgen.

Der Arbeitsmarkt für Fachkräfte ist eng. Wenn Arbeitnehmer stundenweise fehlen, bringt das die Firmen in organisatorische Schwierigkeiten. Sehen Sie da keinen Konflikt?

Zwei Lehrlinge arbeiten mit Winkelschleifern an einem Metallgestell in einer Werkstatt

Lehrlinge am Schweißgerät in einer Metallwerkstatt - in Zukunft nur noch 28 Wochenstunden?

Das ist der Konflikt des Arbeitsalltags in den Firmen. Das ist die Realität der Menschen, die arbeiten. Das ist die Realität der Vorgesetzten und der Firmen. Es gibt heute schon dutzende Fälle von Ausfällen - von Krankheit bis hin zu Seminaren - wo Beschäftigte fehlen. Es ist ja nicht so, dass heute jeden Tag die gleiche Zahl von Mann- und Frau-Stärke am Arbeitsplatz ist. Es gibt schon heute oft aus vielen Gründen die Notwendigkeit, die Arbeit zu verteilen.

Zu behaupten, das geht nicht, weil irgendjemand die Arbeit machen muss, finde ich deshalb ein wenig merkwürdig. Deshalb ist unser Arbeitszeitregime insgesamt sehr flexibel, um Personalausgleiche zu organisieren. Aber es ist richtig, dass wir mit den Arbeitgebern darüber reden wollen, wie wir Arbeitszeitreduzierungen - in kleinen Abteilungen beispielsweise oder insgesamt - ausgleichen können. Das muss ein Teil der Gespräche in dieser Tarifrunde sein.

Die 28-Stunden-Woche soll auf bis zu zwei Jahre begrenzt sein. Ist dieser Vorschlag nicht exakt das Rückkehrrecht in Vollzeit, das die Politik zuletzt nicht durchgesetzt hat?

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Die 28-Stunden-Woche: Mehr Kontrolle über Lebens- und Arbeitszeit?

Das ist zumindest ein Teil der Geschichte. Da muss man klar sagen: Wir versuchen keinen Reparaturbetrieb für Versäumnisse der Politik darzustellen. Das muss die Politik selbst leisten. Das ist der große Mangel im Teilzeit- und Befristungsgesetz und der Grund, warum viele Frauen in dieser Teilzeitfalle hängen.

Uns geht es um etwas anderes: Wir wollen keine Teilzeit, die beliebig weit nach unten gehen kann, sondern wir benutzen bewusst den Begriff der kurzen Vollzeit. Das heißt, wir wollen im bestimmten Rahmen ermöglichen, zwar vollzeitbeschäftigt zu sein und auch überwiegend zu arbeiten. Zugleich sollen die Beschäftigten aber auch in bestimmten Lebensphasen die Möglichkeit bekommen, pro Woche mal einen Tag oder über eine ungleiche Verteilung auch mal weniger Stunden zu arbeiten - oder sich auf diese Weise sogar mal einen längeren Freizeitblock zu organisieren. Wie das konkret ablaufen soll, liegt natürlich in der betrieblichen Ausgestaltung.  

Das Interview führte Alexander Winkler, SWR Wirtschaft und Umwelt | Online: Michael Herr