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SENDETERMIN Di, 22.5.2018 | 20:15 Uhr | SWR Fernsehen

Günstige Fahrräder im Test Sicherheitsrisiken durch Montage und Qualitätsmängel

Günstige Räder von Real, Lidl, Decathlon und Otto bergen große Risiken: Teilweise fehlt für die Montage die Anleitung, Bremsen sitzen nicht korrekt und es kommt sogar zu einem Lenkerbruch.

Sind Billigfahrräder ein Sicherheitsrisiko? Das wollen wir in einer Stichprobe überprüfen und nehmen vier Modelle unter die Lupe.

  • ein Rad der Marke Talson, gekauft bei Real für 165 Euro
  • ein City-Bike von Decathlon für knapp 200 Euro
  • ein Rad des Herstellers KS-Cycling, gekauft bei Lidl für 239 Euro
  • ein Rad vom Otto-Versand reduziert von 349 auf rund 260 Euro

Praxistest Montage

Valerie und Lea testen für uns die Bikes. Doch vorher müssen sie noch montiert werden, das ist aber leichter gesagt als getan.

  • Rad von Lidl: Es gibt zwar eine Montageanleitung, das benötigte Werkzeug fehlt aber.
  • Rad von Decathlon: Es fehlt die Montageanleitung und das mitgelieferte Werkzeug taugt nur bedingt. Nur mit Qualitätswerkzeug lässt sich die Schraube lösen, die eine Justierung des Lenkers ermöglicht.
  • Rad von Real: Es gibt vergleichsweise viel zu montieren, aber auch eine Montageanleitung. Trotzdem bekommt unsere Testerin den Lenker nicht justiert – sie kann die Schraube nicht festgenug anziehen.
  • Rad von Otto: Das Zusammenbauen des Fahrrads ist kein Problem. Leider findet unsere Testerin aber ein kaputtes Teil: Die Vorderlampe ist an der Halterung abgebrochen – vermutlich beim Transport.

Labortest Verkehrssicherheit

Der Sachverständige für Fahrradtechnik Dirk Zedler nimmt unsere Räder im Prüflabor unter die Lupe.

Rad von Real: Bei dem Modell von Real fällt dem Fachmann sofort ein Achter im Vorderrad auf und noch schlimmer die Befestigung des Lenkers.

Dirk Zedler, Sachverständiger für Fahrradtechnik:
"Die Qualität der Schraube ist so gering, das heißt der Stahl ist so weich, dass das mit dem Werkzeug, das die Damen gehabt haben einfach durchgedreht ist. Das Gewinde ist zerstört worden. Dadurch ist der Lenker lose, weil die Schraube mangelhaft war. Das Rad ist jetzt unsicher, damit kann man jetzt nicht mehr fahren. Das dürfen wir jetzt nicht mehr für die Probefahrt zur Verfügung stellen."

Auf unsere konkrete Nachfrage dazu antwortet der Hersteller des Real-Rads nicht.

Rad von Otto: Bei dem Fahrrad von Otto ist die Gangschaltung zu ungenau eingestellt und die Bremsen sitzen nicht korrekt.

Rad von Lidl: Bei dem Lidl Rad konnte der Sattel nicht fest genug montiert werden. Der Fahrer hat dadurch keine sichere Sitzposition.

Rad von Decathlon: Das Fahrrad von Decathlon hält der Fachmann für besonders gefährlich.

Sachverständiger für Fahrradtechnik Dirk Zedler

Dirk Zedler, Sachverständiger für Fahrradtechnik

Dirk Zedler, Sachverständiger für Fahrradtechnik:
"Die Prüfung hat ergeben, dass fast keine Verschraubung fest ist, das heißt, die Bauteile sind lose. Besonders gravierend ist in dem Fall vorne, weil das Vorderrad mit der Gabel und mit dem Lenker nicht fest ist. Die Sache ist, dass bei dem Fahrrad weder eine Bedienungsanleitung dabei war noch vernünftiges Werkzeug. Mit den kleinen Schlüsseln kann kein Mensch die Schrauben fest anziehen. Das ist eine Katastrophe, das darf man so eigentlich nicht verkaufen."

Der Hersteller Decathlon teilt uns dazu mit:
"Wir gehen davon aus, dass es sich um eine mangelhafte Endkontrolle seitens unseres Servicecenters vor Versenden des Rads handelt. Warum das bei diesem Exemplar nicht ausreichend der Fall war, können wir leider aus der Entfernung nicht sagen."

Praxistest Probefahrt

Das Fahrrad von Real ist wegen des lockeren Lenkers im Praxistest nicht mehr dabei – es ist zu unsicher. Und bei den anderen Rädern haben unsere Testfahrerinnen die vom Experten festgestellten Mängel während des Fahrens zum Teil bemerkt.

  • Lea fühlt sich auf dem Fahrrad von Decathlon nicht sicher.
  • Valerie stört bei dem Fahrrad von Lidl vor allem die Gangschaltung.
  • Und beim Rad vom Otto-Versand bemängelt Lea, dass die Schaltung beim Anstieg nicht richtig funktioniert.

Labortest Belastung

Bealastungstest im Labor

Alle vier Fahrräder werden einem Belastungstest unterzogen.

Im Prüflabor hat der Sachverständige Dirk Zedler die Räder eine Woche lang im Dauerbetrieb getestet.

Rahmen und Gabeln: Die Rahmen haben der Belastung standgehalten. Auch die sensiblen Gabeln haben keine Ausfälle gezeigt.

Sattelstützen: Bei allen Rädern konnten die Sattelstützen nicht fest genug montiert werden und sind ins Rohr gerutscht. Bei den Rädern von Lidl und Real hat sich die Sattelstütze sogar verbogen. Ein echtes Sicherheitsrisiko.

Lenker und Vorbau: Bei allen vier Rädern entdeckt der Sachverständige deutliche Mängel bei den Lenkern und dem Vorbau.

Dirk Zedler, Sachverständiger für Fahrradtechnik:
"Dreimal (Anmerkung der Redaktion: bei den Rädern von Lidl, Decathlon und Otto) ist die Schraube gebrochen, das heißt, der Lenker wird los, der dreht sich weg, der Fahrer hat keinen Halt mehr."

Decathlon und der Hersteller des Lidl-Rades, KS-Cycling, verweisen auf eigene Tests, bei denen keine Mängel aufgetreten seien. KS-Cycling will trotzdem reagieren und künftig ein anderes Bauteil verwenden.

Besonders erschreckend sind die Ergebnisse des Fahrrades von Talson, das bei Real verkauft wird.

Dirk Zedler, Sachverständiger für Fahrradtechnik:
"Bei einem Vorbau ist der Schaft, das Teil, das den Rahmen, die Gabel mit dem Lenker verbaut, angerissen. Das würde der Fahrer nicht merken, es würde komplett brechen und er stürzt mit nicht vorhersehbaren Folgen. Also ein echt katastrophales Ergebnis."

Angerissener Schaft

Beim Fahrrad von Real ist am Vorbau ein Schacht gerissen.

Eigentlich sollte das Bauteil 100.000 Durchgänge aushalten. Der Lenker schafft nicht mal die Hälfte.

Für den Hersteller trotzdem kein Grund zur Sorge:
"Obwohl 48015 Durchgänge für den Lenker/Vorbau bei 200 Newton immer noch kein schlechtes Ergebnis sind."

Trotzdem wolle man das Bauteil überprüfen.

Fazit: Insgesamt konnte keines der Fahrräder überzeugen. Ein verkehrssicherer Zusammenbau war kaum möglich, beim Fahren zeigten sich deutliche Mängel und viele Materialien haben bei den Tests im Prüflabor versagt.

Tipps für den Fahrrad-Kauf

Beim Fahrradkauf zu sparen kann gefährlich werden. Man sollte besser etwas mehr Geld ausgeben, für mehr Fahrfreude und vor allem für mehr Sicherheit.

Zu allererst gilt es zu klären, wo, wie viel und wie man fahren will. Vom City-Fahrrad bis zum E-Bike: Diese Frage entscheidet darüber, welches Rad geeignet ist, und ob man ausschließlich selbst in die Pedale tritt oder sich dabei durch einen Elektromotor unterstützen lässt.
Welche verschiedenen Fahrräder es gibt und was Sie beim Zusammenspiel von Rahmen, Lenker und Sattel beachten sollten, hat die Stiftung Warentest auf einer Tipp-Seite zusammengetragen.

Auf den Seiten des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (adfc) finden Sie außerdem eine Checkliste, mit der Sie die Alltagstauglichkeit eines Fahrrades mittels einer Punkte-Vergabe vergleichen können.

Tipp: Wer sein Rad beim Fachhändler kauft, kann sich in der Regel umfänglich beraten lassen, hat die Möglichkeit einer Probefahrt und bekommt sein Fahrrad bereits an die eigene Größe angepasst und fertig montiert.