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Ex-Daimler-Chef Reuter wird 90 Manchmal unbequem und auch umstritten

Der ehemalige Chef von Daimler-Benz, Edzard Reuter, wird 90 Jahre alt. Ein Porträt über einen Automobil-Manager, der alles andere als angepasst war.

Edzard Reuter bei einer Daimler-Benz AG-Bilanzpressekonferenz im April 1993 in Stuttgart.

Edzard Reuter bei der Daimler Benz AG-Bilanzpressekonferenz im April 1993 in Stuttgart.

Geboren wurde Edzard Reuter am 16. Februar 1928 in Berlin - in einem Elternhaus, das, wie er sagt, viel Wert legte auf die Balance zwischen Freiheit und Disziplin. Seine Kindheit verlebte Reuter dann allerdings im Exil in der Türkei. Da seine Familie vor Beginn des Zweiten Weltkriegs vor den Nazis fliehen musste, wuchs er in Ankara auf.

Wenn es stimmt, dass einen die Eltern prägen, dann war es bei Edzard Reuter wohl im doppelten Maße zutreffend: Seine Mutter war Sekretärin bei der Sozialdemokratischen Parteizeitung "Vorwärts", der Vater der wohl berühmteste Bürgermeister von Berlin - Ernst Reuter, SPD. Auch Edzard Reuter ist bis heute ein bekennender Sozialdemokrat.

Eine steile Karriere im Nachkriegsdeutschland

Die Zukunft im Nachkriegsdeutschland hatte für Edzard Reuter eine Menge Chancen parat: Als studierter Jurist bewarb er sich bei Daimler-Benz. Und wurde erst einmal abgelehnt. Nach Stationen bei der Ufa und bei Bertelsmann hatte der Stuttgarter Autokonzern dann in den 1960er Jahren umgekehrt Interesse an ihm. Er wurde Manager bei Daimler-Benz und im Laufe der Zeit immer mal wieder als möglicher neuer Chef gehandelt. Allerdings störten sich viele an seinem klaren Bekenntnis zur SPD und an seiner Kritik am Turbo-Kapitalismus.

Bilanz als Daimler-Benz-Chef bis heute umstritten

Acht Jahre lang stand Edzard Reuter dann an der Spitze des Daimler-Benz-Konzerns. Von 1987 an veränderte er das Unternehmen durch etliche Firmenzukäufe: Flugzeug- und Wehrtechnik von Dornier, MBB und MTU, Elektronik von Matra, Hausgeräte von AEG. Sein Ziel war ein Technologiekonzern, der mehr sein sollte als ein reiner Autohersteller.

Unter Reuter rutschte Daimler-Benz in die roten Zahlen und erlebte 1993 den schlimmsten Einbruch seit Kriegsende. Bis zu Reuters Abschied bald darauf liefen Verluste in Milliardenhöhe auf. So sind Edzard Reuters Erfolge und Misserfolge bei Daimler-Benz bis heute umstritten. Manche sagen, seine Idee des "integrierten Technologiekonzerns" sei der Zeit weit voraus gewesen. Andere beklagen schlicht die Geldvernichtung durch falsche Expansion.

Visionär, Freigeist und unbequemer Mahner - bis heute

Alfred Schmit und Edzard Reuter

Edzard Reuter zusammen mit SWR-Redakteur Alfred Schmit.

Doch an seiner Vision von Daimler als High-Tech-Konzern hält Reuter zeitlebens fest. Man habe die Idee davon nur nicht konsequent genug durchgehalten. Nach seinem Abschied bei Daimler schrieb Edzard Reuter Bücher und äußerte sich zu Themen aus Politik und Gesellschaft. Edzard Reuter hat eine Meinung zu Managergehältern, zur Zukunft Europas, selbst zum Bahnprojekt S 21 - und keine Angst, sich mitzuteilen.

Reuter kümmert sich auch um die Integration religiöser und ethnischer Minderheiten in einer Stiftung zusammen mit seiner Frau.

Von Alfred Schmit, SWR Wirtschaft und Soziales | Online: Lutz Heyser